Stadt Bergen spricht nun doch von Verbrechen der Wehrmacht

Braunschweig.  Die Gedenkstätte Bergen-Belsen hatte in einer Pressemitteilung Protest angekündigt. Unterdessen beschäftigte eine kuriose Anzeige den ehemaligen Leiter.

Neben dem von der SS geleiteten KZ Bergen-Belsen – wo auch Wehrmachtssoldaten aushalfen – hat es in Bergen-Hohne ein Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht gegeben. Gestorben sind dort mindestens 20.000 sowjetische Kriegsgefangene.

Neben dem von der SS geleiteten KZ Bergen-Belsen – wo auch Wehrmachtssoldaten aushalfen – hat es in Bergen-Hohne ein Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht gegeben. Gestorben sind dort mindestens 20.000 sowjetische Kriegsgefangene.

Foto: Archiv / dpa

„Kein Scherz und nicht 1944, sondern 2020: Gegen mich wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Behauptung „ehrenrühriger Tatsachen zum Nachteil der Wehrmachtssoldaten“ eingeleitet. Corpus delicti ist ein wissenschaftlicher Begleitband zu einer Ausstellung zu Verbrechen der Wehrmacht. Stay tuned“, twitterte Jens-Christian Wagner vergangene Woche. Mittlerweile reagierte die Staatsanwaltschaft Göttingen und stellte ein Ermittlungsverfahren ein, das es nicht hätte geben dürfen. Viel Ärger um die Wehrmacht hat es für den Historiker außerdem im Stadtrat Bergen gegeben – Politikerinnen und Politiker störten sich an einer Formulierung von ihm und Bürgermeisterin Claudia Dettmar-Müller (parteilos) über Wehrmachtsverbrechen. Wieso gegen den ehemaligen Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen fälschlicherweise ermittelt wurde und warum sich der Stadtrat in Bergen um die Wehrmacht gestritten hat, lesen Sie hier.

Der aus Herzberg am Harz stammende Historiker promovierte in Göttingen unter Professor Weisbrod. Von 2014 bis Oktober 2020 hat Wagner die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten geleitet. Im Oktober hat er die Leitung bei der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar übernommen. Sein Fachgebiet sind die Geschichte der Straf- und Konzentrationslager im Dritten Reich und die Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland.

Ein Fachmann ist Wagner also. Umso mehr überraschte ihn ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Göttingen, in dem er über ein Ermittlungsverfahren informiert wurde. In dem Begleitband zur Ausstellung in einer ehemaligen Wehrmachtskaserne in Bergen, so die Staatsanwaltschaft, habe es laut Anzeigensteller „eine Reihe von Passagen“ gegeben, die der Wehrmacht gegenüber üble Nachrede darstellten. Ort der zunächst vermuteten Straftat war Göttingen, weil der Begleitband dort erschienen war.

Holocaust-Leugner zeigt Historiker an – Staatsanwaltschaft rudert zurück

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Göttingen das Verfahren eingestellt, denn es hätte ihrer Aussage nach gar nicht erst eröffnet werden dürfen. „Der Kollege hat nicht geprüft, ob es überhaupt strafrechtlich relevant war“, erklärt der Göttinger Oberstaatsanwalt Andreas Buick unserer Zeitung.

Der Anzeigensteller aus Bergen, ein ehemaliger Angehöriger der Bundeswehr, hat in 28 Seiten dargelegt, was ihn an dem wissenschaftlichen Begleitband „Aufrüstung, Krieg und Verbrechen. Die Wehrmacht und die Kaserne Bergen-Hohne“ zur Ausstellung in einem Teil der heutigen Bundeswehr-Kaserne stört. So leugnet der Anzeigensteller als Begründung unter anderem den Holocaust, teilt Jens-Christian Wagner nach Akteneinsicht mit. Wagner teilte unserer Zeitung mit, dass der Ex-Bundeswehr-Angehörige in der Anzeige schreibe: „6 Millionen Juden wurden ermordet. Eine unbewiesene Behauptung.“ Der Gedenkstättenleiter sagt: „Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass es sich bei der Anzeige um eine vom Inhalt her – wenn sie öffentlich vorgetragen worden wäre – eigentlich strafbare Leugnung und Relativierung von NS-Verbrechen handelt. Dass dennoch ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, ist extrem irritierend.“

CDU und FDP stellen Antrag in Bergen

Doch mit dem eingestellten Verfahren ist die Deutung des Wehrmachtsbegriffs für Jens-Christian Wagner noch nicht abgehandelt. Am Weltfriedenstag am 21. September hat Bergens Bürgermeisterin, Claudia Dettmar-Müller (parteilos), eine Erklärung vorgelesen, die sie gemeinsam mit Jens-Christian Wagner – der im September noch Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen war – verfasst hat. Wortwörtlich steht in der Erklärung: „Während des Zweiten Weltkrieges haben SS und Wehrmacht vor unserer Haustür unvorstellbare Verbrechen begangen.“ Und daran stören sich Teile der Berger Politik, allen voran der FDP-Politiker Martin Hildebrandt. Er schreibt: es „wurde ein Änderungsantrag von mir gestellt, der zum Ziel hatte, SS und Wehrmacht nicht undifferenziert in einen Topf zu werfen, sondern von SS und Teilen der Wehrmacht im Text zu sprechen.“ Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt Hildebrandt: „Nicht alle Soldaten haben sich schuldig gemacht.“ Man dürfe die Wehrmacht nicht mit den Taten der SS gleichsetzen. Außerdem: „Der Weltfriedenstag war ja nicht nur in Bergen.“ Die Erklärung zum Weltfriedenstag habe eine globale Botschaft.

Update von Freitag, 20. November: Rat stimmt der ursprünglichen Fassung zum Weltfriedenstag zu

Ganz anders ist es dann am Donnerstag gekommen. Der Rat stimmte nicht dem Vorschlag der CDU und FDP vor, sondern dem Antrag der SPD – was heißt, dass die originale Version der Erklärung zum Weltfriedenstag nun doch vom Stadtrat gebilligt wurde. Eigentlich hätten CDU und FDP eine Stimmmehrheit gehabt, doch die CDU habe nach dem Medienecho einen Schaden von der Stadt Bergen abwenden wollen, wie unsere Zeitung erfahren hat. Die FDP habe sich der Mehrheit angeschlossen, um nicht in die Nähe der AfD gerückt zu werden. Und so haben neben zwei AfD-Politikern mit jeweils einer Enthaltung und einer Gegenstimme alle für die Original-Version der Erklärung der Stadt Bergen zum Weltfriedenstag 2020 gestimmt.

Wehrmachts-Geschichte in Bergen

Die Geschichte der Wehrmacht in Bergen sticht hervor. In dem von der Wehrmacht betriebenen Kriegsgefangenen-Stammlager „Stalag XI C“ in Bergen-Hohne – 1,5 Kilometer entfernt vom Konzentrationslager Bergen-Belsen – sind amtlich dokumentiert über 20.000 sowjetische Kriegsgefangene gestorben. Es dürften aber mehr sein. Auch polnische und italienische Kriegsgefangene waren in dem Lager.

Zusammen mit der Wehrmacht organisierte die SS im März 1945 die Auflösung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora im Harz. In der Wehrmachtskaserne in Bergen hat es eine Woche bis zur Befreiung durch die Alliierten ein Nebenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen gegeben.

Jens-Christian Wagner und Gedenkstätte Bergen-Belsen protestieren

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen hatte in Angesicht der Ratsabstimmung am Mittwoch angekündigt, die Unterschrift zur Erklärung des Weltfriedenstags zurückzuziehen, wenn der Rat Bergen dem Beschluss des Verwaltungsausschusses nachkommt und beim Beklagen der „Verbrechen vor unserer Haustür“ die Wehrmacht zu „Teile der Wehrmacht“ umformuliert.

In einer Pressemitteilung schreiben der aktuelle Leiter der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten Jens Binner und der ehemalige Stiftungsleiter Wagner: „Inhaltlich ist der Zusatz „Teile der“ unsinnig. Es ist klar, dass nicht jeder einzelne Wehrmachtssoldat an den Verbrechen in Bergen-Belsen beteiligt war – wie im übrigen auch nicht alle SS-Angehörigen in Bergen-Belsen tätig waren. Gemeint waren die Institutionen Wehrmacht und SS.“ Außerdem kritisieren die Historiker, dass der Antrag von CDU und FDP im Rat Bergen dem Geschichtsrevisionismus „Vorschub“ leiste. Sie argumentieren: „Spätestens nach der zweiten Wehrmachtsausstellung von Anfang der 2000er Jahre war allgemein in der deutschen Gesellschaft anerkannt, dass sich Verbände der Wehrmacht wie auch die Institution selbst schwerwiegender Verbrechen schuldig gemacht haben – sei es mit dem systematischen Verhungernlassen von Millionen Kriegsgefangenen, mit dem „Kommissarbefehl“, mit der Überstellung jüdischer Kriegsgefangener an die Konzentrationslager, mit der Beteiligung an Massenerschießungen von Juden sowie Sinti und Roma, mit Geiselerschießungen oder dem Hungertod der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten. Der Mythos von der „sauberen Wehrmacht“ schien überwunden. Doch nun fallen die Stadträte in Bergen wieder dahinter zurück und offenbaren ein apologetisches Geschichtsbild, das an die 1950er Jahre erinnert.“

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