„Bürgereinspruch gegen unendlichen Wachstumsglauben“

Zwischen Stiddien und Schladen sollte ein Interkommunales Gewerbegebiet entstehen.

Foto: Bernward Comes

Zwischen Stiddien und Schladen sollte ein Interkommunales Gewerbegebiet entstehen.

Alle Leserbriefe beziehen sich auf „Stimmenpatt in Salzgitter: Aus für das Industrie- und Gewerbegebiet“ vom 28. Juni:

Der Rat der Stadt Salzgitter ist zu beglückwünschen für diese weise, im Ergebnis Hoffnung ausstrahlenden Entscheidung, auch wenn sich einige Ratsmitglieder so durchgemogelt haben. Der Erhalt wertvoller Ackerflächen und ein Ende weiterer Versiegelung von Erdboden ist gegeben, bravo. Es scheint, dass der Bürgereinspruch dem Wahnsinn des unendlichen Wachstumsglaubens, bei Verleugnung jeglichen Umwelt- und Lebensqualitätsansprüche der dort lebenden Menschen endlich ein Zeichen gesetzt hat! Hoffen wir auf Entscheidungsnachfolger.

Die Politik hatte keinerlei klare Antworten auf die Erfolgsaussichten des Projektes, sondern erging sich lediglich in der fortwährenden Behauptung von Notwendigkeit und großer Chance für die „Region“ und machte sich damit des vorauseilenden Gehorsams gegenüber der Industrielobby schuldig.

Es freut mich ungemein, dass die so oft und arg mangels fehlender Begründungsmöglichkeiten gebeutelte „Region“ hier einmal zurückgeschlagen hat und Umwelt- und Bürgerwohl vor dem Wahnsinn des ständigen wirtschaftlichen Wachstumsglaubens gesiegt haben.

Ebenfalls ergehen sich die Oberbürgermeister in Häme über die Abstimmungsschlappe bzw. gegenüber den Zustimmungsgegnern. Kein Einsehen an Mitbewohner, die sich um ihre Umgebung sorgen, um Lebensqualität kämpfen. Denn was nützt die ganze Industrie, wenn die Lebensqualität baden geht. Wir haben schon genug Probleme mit Exportüberschuss, Lebensmittelproduktionsüberschüssen, Bodenversiegelung, Gülle/Nitratverseuchung, Massentierhaltung, Klimawandel etc.

Fremdschämen stellt sich ein für diese Oberbürgermeister, die scheinbar alles Zubauen, was nur ein wenig wie freie Fläche aussieht, und dies meist ohne Rücksicht auf die Bewohner.

Dietrich Oberländer, Braunschweig

Rat Salzgitter hat verantwortungsvoll entschieden

Wenn Deutschland so riesig wäre wie Russland, dann könnten wir noch viele fruchtbare Böden versiegeln. Aber wir haben nun mal die zweithöchste Bevölkerungsdichte in Europa und können uns zum Beispiel nicht selbst ernähren wegen der fehlenden Flächen!

Laut Bundesumweltministerium werden „in Deutschland täglich rund 62 Hektar als Siedlungsflächen und Verkehrsflächen neu ausgewiesen. Dies entspricht einer Flächenneuinanspruchnahme – kurz Flächenverbrauch – von circa 88 Fußballfeldern!“

Deshalb hat der Rat der Stadt Salzgitter eine verantwortungsvolle Entscheidung getroffen!

Anstatt bei anderen Großbetrieben in Salzgitter nach möglichen Flächen zu suchen, soll hier fruchtbarer Ackerboden für mögliche Gewerbebetriebe zubetoniert werden, die noch gar nicht benannt werden können… Da werden mehrere tausend Arbeitsplätze versprochen, ohne dies belegen zu können.

Andere Fehlentscheidungen lassen grüßen; Beispiel Regionalflughafen Kassel-Calden: 326 Millionen Euro wurden da verbaut ohne irgendeinen wirtschaftlichen Nutzen.

Der Steuerzahlerbund listet jedes Jahr Geldverschwendungen von Bund, Ländern und Gemeinden auf.

Andreas Schattka, Braunschweig

Mitwirkung in einer freien Gesellschaft

Bemerkenswert ist, dass neben dem Arbeitgeberverbandsgeschäftsführer Bernschneider, der dem Rat der Stadt

Salzgitter mit seiner Ablehnung des Industriegebiets vorwarf, „Angstmachern und Fakenews“ gefolgt zu sein, auch

Redakteure der BZ kommentierten, damit ein „unfassbares Desaster“ (Kothe) und eine eine „Total-Blockade“

(Schweiger) verursacht zu haben.

Niemand aus dem Lager der Abstimmungsverlierer ist bisher auf die Idee gekommen, selbstkritisch zu erkennen, dass die Ignoranz der Studienverfasser, die bereits heutige katastrophale Einschränkung von Lebensqualität und Lebensraum der

tausenden Bürger in den Kanaldörfern ernsthaft zu berücksichtigen, Ursache für das Abstimmungsergebnis war.

Sture Landwirte, die sich weigerten, für noch mehr Industrie ihre „überdüngte Ackerkrume“ (BZ-Leser Burghartz) zur

Verfügung zu stellen, und die kreativen Bürgerinitiativen der Einwohner in ihren „flächenfressenden Einfamilienhäusern“

(nochmals BZ-Leser Burghartz) haben dann gezeigt, dass sich wohl formulierter Widerstand auch gegen übermächtige

Gegner lohnen kann. Ist schon bei Asterix (Kleinbonum) nachzulesen.

Das sollten nun alle akzeptieren, die glauben verloren zu haben. Sie haben aber auch etwas gewonnen. Dass es schön ist, in einer freien Gesellschaft an freier Meinungsbildung und Entscheidung mitwirken und mitentscheiden zu können. Schade, da so etwas kaum noch wahrgenommen wird.

Justus Becker, Sauingen

Respekt und Anerkennung für diese Entscheidung

In seinem Kommentar zum Scheitern des interkommunalen Industrie- und Gewerbegebietes Salzgitter-Braunschweig schießt Michael Kothe weit über das Ziel hinaus. „Unfassbares Desaster“ - für wen? Für die bereits jetzt von Lärm und Schmutz geplagten Anwohner? Für Natur und Umwelt? Für den Haushalt der hoch verschuldeten Stadt Salzgitter? Für Land und Bund, die zur Kasse gebeten werden sollten? Gewiss nicht. Den zwanzig Ratsherren, die jetzt mit „Nein“ gestimmt und sich nicht von wohlfeilen Phrasen („Zukunft der Region“) und wolkigen Ankündigungen zu Arbeitsplätzen und „Minimierung“ der Belastungen haben blenden lassen, gebührt für ihre verantwortungsvolle Entscheidung Respekt und Anerkennung.

Bernd Passier, Salzgitter

Der Artikel ist ein unfassbares Desaster

Allerdings ist das ein unfassbares Desaster – nämlich der Artikel! Ich nehme nicht an, dass der Verfasser in der entsprechenden Gegend wohnt! Die Anwohner haben schon unvorstellbare Wertverluste ihrer Anwesen und auch der Wohnqualität durch Schacht Konrad hinnehmen müssen, der als Atomklo missbraucht wird.

Die angeblichen Plus-Aspekte für INGE habe ich bisher bis auf „Phrasendrescherei“ noch nicht gesehen. Oder existiert eine Liste der Firmen, die zugesagt haben, sich auf dem Gebiet anzusiedeln? Gibt es einen Plan dieser Unternehmen, wie die angeblichen 4000 Arbeitsplätze sich zusammensetzen? Ist Braunschweig vielleicht froh, wenn das Atommüllzwischenlager Thune hierher verlegt werden kann?

Der Rat in Salzgitter hat nach seinem Gewissen entschieden und nicht nach irgendwelchen obskuren Zukunftsträumen, die wahrscheinlich so ausgehen würden wie der von der Stadt Salzgitter großartig „geplante“ und angelegte Flop namens Güterverkehrszentrum in der Nähe es Hafens.

Heinrich Plaschke, Salzgitter

Industriestandorte sollten nicht noch mehr Land zerstören

Der Kommentar von Michael Kothe hat mir gar nicht gefallen, es ist das gute Recht von demokratisch gewählten Vertreten eine Entscheidung zu treffen oder bei einer Wahl durch Enthaltung oder Abwesenheit abzustimmen. Auch wenn das Ergebnis einem nicht gefällt, hat man dies zu respektieren, das fehlte mir hier aber völlig. Ich ziehe den Hut vor dieser Entscheidung, auch wenn Wirtschaftsvertreter meinen, es würde an Flächen fehlen, wäre hier wertvoller Ackerboden in versiegelte Flächen umgewandelt worden. Und in Zeiten von Brexit und „Wirtschaftskriegen“ mit den USA und China ist es fraglich, ob zukünftig dieser Flächenfraß notwendig wird. Wir sollten unsere Wirtschaft mal auf umweltfreundliche und zukunftsweisende Beine stellen, und dazu gehört es auch, nach Standorten zu suchen, die nicht noch mehr Land zerstören.

Michael Beck, Wolfenbüttel

Bürger- und Naturschutz müssen Vorrang haben

Danke an die Personen, die im Rat Salzgitter gegen das Projekt gestimmt haben.

Danke an die Bürgerinitiative NEIN zum Industriegebiet für ihren Einsatz.

Ich bin innovativ denkend.

Trotzdem: Bürger- und Naturschutz müssen Vorrang haben.

Die Oberbürgermeister der involvierten Städte sollten jetzt nicht weiter lamentieren, sondern vorhandene Flächen vermarkten.

Den Kommentar des Redakteurs Michael Kothe finde ich vollkommen überzogen.

Ein Desaster!

Rüdiger C. Wobbe, Vechelde

Salzgitter kann kein Oberzentrum mehr sein

Aus der katastrophale Fehl-Entscheidung in Salzgitter mit einem Landtagsabgeordneten, der nicht weiß, was er will, sollte jetzt der Schluss gezogen werden, dass Salzgitter weder im oberzentralen Verbund noch in der Regionalplanung weiterhin Ansprüche darauf hat, ein Oberzentrum zu sein.

Auch sollte man der Stadt Salzgitter jetzt absprechen, den Status einer Großstadt zu haben, was sie städtebaulich ohnehin nicht ist; denn Salzgitter besteht nur aus Dörfern mit Politikern, die nicht in der Lage sind, über ihren Tellerrand zu entscheiden.

Günter Klatt, Braunschweig

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