Virologin Brinkmann: Corona kann weite Distanzen überwinden

Braunschweig.  Eine Vorab-Studie des HZI in Braunschweig und anderen Forschungseinrichtungen zeigt, was den Infektionsausbruch bei Tönnies begünstigte.

Seit Mitte Juli werden Tönnies-Mitarbeiter im Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt. Ob der Schutz vor Corona reicht, ist fraglich. Das zeigt eine neue Studie.

Seit Mitte Juli werden Tönnies-Mitarbeiter im Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt. Ob der Schutz vor Corona reicht, ist fraglich. Das zeigt eine neue Studie.

Foto: Tönnies / dpa

Coesfeld, Lohne, Gütersloh: Schlachtbetriebe in Deutschland waren in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Ausgangspunkte von Corona-Hotspots in Deutschland. Insbesondere der Ausbruch bei Tönnies, dem größten fleischverarbeitenden Unternehmen in Europa, sorgte für Wirbel. Denn neben der Infektion von etwa 1500 Mitarbeitern und der Quarantäne-Anordnung für etwa 12.000 Personen, hatte auch die Bevölkerung in den Kreisen Gütersloh und Warendorf mit massiven Einschränkungen zu kämpfen. So ordnete die Landesregierung im Juni dort einen regional begrenzten Lockdown an, der Kontaktsperren erneuerte und zeitweise dafür sorgte, dass die Bewohner bei Reisen in andere Regionen Deutschlands angefeindet und stigmatisiert wurden.

„Menschen im Umkreis von acht Metern mit Corona infiziert“

Einer Forschergemeinschaft um die Virologin Prof. Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und Prof. Adam Grundhoff vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie ist es nun gelungen, erste wissenschaftliche Klarheit darüber zu erhalten, warum sich das Coronavirus bei Tönnies so rasant hat ausbreiten können. So legt die Auswertung von Daten nahe, dass ein einziger Mitarbeiter in der Rinderzerlegung von Tönnies ausreichte, um das Virus in der Fabrik in Rheda-Wiedenbrück zu verteilen. Dabei wurde es auf mehrere Menschen im Umkreis von mehr als acht Metern übertragen, wie das HZI mitteilte.

Vorarbeit hatte der auch an der Studie beteiligte Hygieniker Prof. Martin Exner von der Universität Bonn geleistet. Er war nach der Tönnies-Schließung vom Landkreis Gütersloh und dem dortigen Gesundheitsamt als Berater hinzugezogen worden. Exners frühe Vermutung: die besonderen Arbeitsbedingungen hätten den Ausbruch beschleunigt. So werde in den Zerlegungsbereichen die Luft durch Umwälzung auf 10 Grad her­un­ter­gekühlt. Exner sah diese Luft­umwälzung als möglichen Grund für die Ausbreitung mittels sogenannter Aerosole (siehe Infokasten). Tönnies installierte daraufhin neue Filter-Anlagen – eine Voraussetzung für die Wiederöffnung des Betriebs Mitte Juli. „Ansonsten hätte man den Betrieb nicht anlaufen lassen“, sagte die Sprecherin des Kreises Gütersloh, Beate Behlert, gegenüber unserer Zeitung.

HZI-Studie: Wohnbedingungen bei Tönnies eher nachrangig

Brinkmann, die auch an der TU Braunschweig lehrt, erklärte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die Studie beleuchtet Sars-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem verschiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distanzen ermöglichen.“ Es stelle sich natürlich die Frage, ob stark klimatisierte Räume die Übertragung des Virus förderten und ob das ein Grund dafür sein könne, dass die USA derart viele Corona-Fälle haben. „Wir können das mit dieser Studie nicht verallgemeinern. Das wäre spekulativ, denn wir haben die besonderen Arbeitsbedingungen bei Tönnies analysiert und haben nicht untersucht, was passiert, wenn der Raum etwas kälter oder zehn Grad wärmer gewesen wäre.“ Man habe jedoch zeigen können, dass die Mehrzahl der Infektionen bei der Arbeit im Rinderzerlegungsbereich aufgetreten sei, die Wohnbedingungen jedoch nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätten. „Und wir konnten durch die Bestimmung der Virussequenz in Kombination mit der Analyse des zeitlichen Ablaufs der Infektionen zeigen, von wem die Infektion höchstwahrscheinlich ausgegangen ist. Die entscheidende und neue Erkenntnis hierbei war, dass das Virus über eine weite Distanz übertragen wurde, was nur über Aerosole möglich ist.“

„Superspreading-Event“ verantwortlich für Infektionsausbrauch

Ihr Kollege Adam Grundhoff ergänzte: „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs – also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit – die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten.“ Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sprach er von einem „Superspreading-Event“, das für den Ausbruch bei Tönnies verantwortlich gewesen sei. Auch habe man nun den Beweis liefern können, dass es Kontakt zwischen den Mitarbeitern der Betriebe Tönnies und Westfleisch im niedersächsischen Dissen gegeben habe. Bei Westfleisch war bereits im Mai das Corona-Virus ausgebrochen.

Runtergekühlt auf 10 Grad: Sind Bedingungen in Schlachthöfen überhaupt vergleichbar?

Die Studienergebnisse wurden noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht, sondern zunächst auf eine sogenannte Preprint-Plattform gestellt, die für jeden zugänglich ist. Die Daten seien als Manuskript fertig zusammengeschrieben, müssten aber einer Sprecherin des HZI zufolge noch einem Gutachter-Gremium vorgelegt werden. Dennoch könnten auf dieser Grundlage weitere Studien angeschoben werden. Virologin Brinkmann erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass man sich schon seit Anfang Juni mit den Umständen bei Tönnies beschäftigt habe. Mit Blick auf die Datenlage habe man sich mehrfach abgesichert, deshalb dauere es in der Wissenschaft, bis eine Studie durch eine Veröffentlichung offiziell anerkannt sei. „Das ist in Zeiten einer Pandemie oft ein schwieriger Spagat. Auf der einen Seite gibt es die wissenschaftlichen Ansprüche, denen eine Studie gerecht werden muss, auf der anderen Seite hoffen wir, dass unsere Erkenntnisse Leben retten.“ Da gebe es keine Zeit zu verlieren, erklärt Brinkmann. Auf Grundlage dieser Arbeit könnte man jetzt anderen Fragen nachgehen: „Wie verhält sich das Virus in anderen geschlossenen Räumen, in Fitnessstudios oder Restaurants? Oder: Wie schnell muss der Frischluftanteil in einem Raum ausgetauscht sein, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren?“

Coronavirus in Niedersachsen- Alle Fakten auf einen Blick

Auch Tönnies selbst nimmt Stellung. Unternehmenssprecher André Vielstädte berichtet, dass sich die Infektionen ausgehend von der Rinderzerteilung über die Sauen- und später die Schweinezerteilung ausgebreitet hätten. Das habe die eigene Reihentestung gezeigt. Zwar würden die Arbeiter nicht in den unterschiedlichen Bereichen durchmischt eingesetzt. „Aber die Bereiche liegen in der Fabrik nah beieinander“, erklärte Vielstädte. Man würde sich in den Gängen auf dem Weg zur Arbeit und in den Sozialräumen begegnen.

Dass Schlachtbetriebe weiter anfällig für Corona-Infektionen sind, zeigt die Tatsache, dass es offenbar zu weiteren Neuinfektionen bei Tönnies gekommen ist. Etwa 30 Mitarbeiter seien bei routinemäßigen Kontrollen positiv getestet worden, hieß es am Freitag. Laut Unternehmen handele es sich um „Altfälle“, bei denen das Virus schon früher festgestellt worden und noch immer nachweisbar sei. Auch Virologin Brinkmann hält das für plausibel. Der Landkreis Gütersloh bestätigte unserer Zeitung den Vorfall.

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Faktenkasten: Was sind Aerolsole?

Aerosole sind feine Partikel, die anders als die beim Husten oder Niesen ausgestoßenen Tröpfchen, nicht schnell zu Boden sinken, sondern länger in der Luft schweben – teilweise Minuten oder sogar Stunden. Auf diesem Weg kann man sich in schlecht gelüfteten Räumen anstecken, in denen sich zuvor Infizierte aufgehalten haben. Die WHO hat früh darauf hingewiesen, dass sich das Coronavirus auch über mehrere Meter hinweg in der Luft übertragen kann. Das Robert Koch-Institut (RKI) sieht die Tröpfcheninfektion als Hauptübertragungsweg für SARS-CoV-2, dazu zählt es auch die Übertragung durch Aerosole, die schon beim Atmen und Sprechen, insbesondere beim Schreien und Singen entstehen können. Als Orte, an denen das Virus durch Infizierte besonders schnell übertragen werden kann, nennt das RKI das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen oder Fitnesskurse.

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