Klimaserie – Polarforscher: „In Gefahr umkommen, das kann jeder“

Braunschweig.  Arved Fuchs spricht über das Überleben am Pol, den Wert einer heißen Dusche und darüber, was Abenteuer für ihn bedeutet.

„Ich habe die Auswirkungen des Klimawandels als einer der ersten gespürt“, sagt der Polarforscher und Expeditionsleiter Arved Fuchs im Interview in Braunschweig.

„Ich habe die Auswirkungen des Klimawandels als einer der ersten gespürt“, sagt der Polarforscher und Expeditionsleiter Arved Fuchs im Interview in Braunschweig.

Foto: Florian Kleinschmidt / BestPixels.de

Extremsegler, Polarforscher, Abenteurer, Buchautor, Vortragsreisender – Arved Fuchs auf einen Nenner zu bringen, ist kaum möglich. „Das Finanzamt führt mich als Publizist“, sagt der Bad Bramstedter mit augenzwinkerndem Understatement. In den zurückliegenden 40 Jahren hat Fuchs viele spektakuläre Expeditionen unternommen – vor allem in die Polarregionen. 1983 durchquerte er auf den Spuren Alfred Wegeners (1880 bis 1930) Grönland mit Hundeschlitten. Im Folgejahr umrundete er im Winter Kap Hoorn zu zweit mit einem Kajak. 1989 erreichte er innerhalb eines Jahres sowohl den Nord- als auch den Südpol zu Fuß – letzteres zusammen mit Reinhold Messner, mit dem er in 92 Tagen als erster den ganzen Kontinent durchquerte.

Seit den neunziger Jahren reist Arved Fuchs immer wieder mit seinem Segelschiff „Dagmar Aaen“, einem 1931 gebauten Haikutter. Mit ihr hat er bereits die Nordwest- und die Nordost-Passage durchfahren. Am Rande einer Jubiläumsveranstaltung der Beraterfirma M&P, wo er einen Vortrag hielt, trafen wir den 66-Jährigen zum Interview. Für den Termin in Braunschweig unterbrach er vor der letzten Etappe – von Schottland nach Hamburg – kurz seine jüngste Expedition, in der er viereinhalb Monate lang die Ostküste Grönlands absegelte.

Herr Fuchs, wie viel Ihrer Zeit sind Sie unterwegs, wie viel Raum nehmen das Planen und Schreiben ein?

Grob kann man sagen, die Hälfte der Zeit bin ich draußen in der Natur. Die andere Hälfte ist Arbeit – schreiben, Vorträge halten, Filme schneiden, publizieren. Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten. Mir gefällt diese Wechselseitigkeit. In der Natur gelten andere Spielregeln und Gesetze. Und wenn man die Lebensbasis auf Zeit ändert, weiß man anschließend wieder um den Wert des anderen. Nach zwei Monaten im Packeis, weiß ich den Wert einer heißen Dusche ganz neu zu schätzen.

Über vierzig Jahre bereisen Sie jetzt die Arktisregion. Wie hat sie sich seitdem verändert?

Alarmierend. Und dabei bin ich niemand, der gerne Katastrophenszenarien an die Wand malt. Vor 30 Jahren sind wir zum Nordpol gelaufen – mit einem achtköpfigen Team zu Fuß in zwei Monaten. Damals hatten wir eine durchschnittliche Eisstärke von knapp zwei Metern unter uns. Darauf konnte man gut laufen und im Zelt schlafen. Heute ist das Eis so dünn geworden, dass es immer wieder aufbricht. Solche Expeditionen sind nicht mehr möglich.

Selbst am geografischen Nordpol trägt das Eis schon nicht mehr?

Der Nordpol liegt ja nicht auf dem Festland, sondern im zugefrorenen Ozean. Natürlich gibt es immer wieder Eisschollen, die tragen, aber insgesamt ist dieses Eis so brüchig und löchrig geworden, dass es keine durchgängige Fläche mehr gibt, um tausend Kilometer zurückzulegen. Und es ist viel zu gefährlich geworden, weil man einzubrechen droht. Ein anderes Beispiel ist das Auftauen der Permafrostböden.

Wie wirkt sich das aus?

Das betrifft die Menschen unmittelbar. Und das weiß ich aus erster Hand, weil ich viele Freunde in der indigenen Bevölkerung von Alaska und Sibirien habe. Die Gletscher verändern sich, das grönländische Inlandeis schmilzt. Auf einmal tauchen Insekten auf, wo es vorher keine gab. Das Wettergeschehen verändert sich radikal. Weil sich die Arktisregion doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt, funktioniert sie wie ein Frühwarnsystem der Natur. Deshalb habe ich das als einer der ersten erlebt. Und da ich diese Landschaften sehr liebe, habe ich sehr früh angefangen, vor den Folgen dieser Klimaveränderung zu warnen.

Und die Verschmutzung der Meere – erleben Sie diese heute stärker als bei Ihren ersten Reisen?

Absolut. Zwar gab es in den siebziger Jahren auch schon Müll, aber anderen: Tanker wuschen auf offener See ihre Schweröl-Tanks. Außerdem wurde in der Nordsee Dünnsäure verklappt. Krebserregende Chlorverbindungen wurden freigesetzt und rieselten ins Wasser ein. Fische verendeten, bekamen Geschwüre – eine ganz üble Sache. Diese Umweltsünden – heute fast vergessen – wurden, Gott sei Dank, eingeschränkt. Dafür tritt die Verschmutzung mit Plastikmüll heute viel deutlicher zutage, als Folge einer immens gewachsenen Verpackungsindustrie.

„Mikroplastik selbst in den entlegensten grönländischen Fjorden“

Sie sammeln auf ihren Expeditionen auch Müll zu Forschungszwecken. Wie sieht das aus?

Zum einen fischen wir mit einem für wissenschaftliche Zwecke genormten Spezialnetz nach Mikroplastik. Man glaubt es nicht, aber selbst in den entlegensten grönländischen Fjorden findet man mittlerweile Plastikteilchen. Zum anderen haben wir nach einem genauen Raster Müllsammlungen gemacht. Egal ob am Kap Hoorn, auf unbewohnten Atlantikinseln oder auf Grönland – überall finden Sie angespülten Plastikmüll, von abgerissenen Fischereinetzen bis zur Flipflop-Sandale. Das große Problem dabei: Der Kunststoff geht in die Nahrungskette ein, und Tiere verenden. Zuletzt habe ich in Oman gesehen, wie Meeresschildkröten an Plastiktüten sterben, die sie mit Quallen verwechselt haben.

Können Sie diese Umweltprobleme auf Ihren Reisen noch zeitweilig ausblenden?

Meine frühere Unbefangenheit habe ich schon verloren. Früher war es für mich einfach nur ein grandioses Naturerlebnis: Draußen zu sein und mich mit meinen physischen und mentalen Mitteln zu behaupten. Dass sich mein Blick seitdem geweitet hat, hängt vielleicht auch mit dem Älterwerden zusammen. Mich hat es sehr betroffen gemacht, als ich merkte, dass das Packeis auf den Nordrouten – der Nordost- und der Nordwert-Passage – dramatisch zurückgegangen ist und wir in Gegenden fahren konnten, die vorher nicht erreichbar waren.

… was längst politische Begehrlichkeiten weckt.

So ist es. Die Frage, wem der Nordpol gehört, birgt Sprengstoff. Man weiß, dass dort Bodenschätze lagern. Und damit verbunden ist ein ganzer Rattenschwanz weiterer Fragen. Das ist etwas, was ich nicht mehr ausblenden kann. Auch wenn ich mich nach wie vor freue, wenn wir einen Eisbären oder ein Walross sichten – der Ernsthaftigkeit der Lage ist man sich immer bewusst.

Unser Leser Henrik Flatter, zur Zeit in Oslo, fragt: Was ist der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei Ihren Polarexpeditionen?

Alles ist wichtig. Auf dem Segelschiff haben wir natürlich etwas mehr Volumen zur Verfügung, so dass man schon mal ein oder zwei Bücher mehr mitnehmen kann. Aber wenn Sie mit dem Schlitten unterwegs sind, den Sie selbst ziehen, rechnen Sie jedes einzelne Gramm. Das Buch, das Sie mitnehmen, wird gleichzeitig als Klopapier mit eingeplant. Kleine liebgewonnene Hilfsmittel hat man schon dabei, vielleicht etwas Musik zum Entspannen. Aber für Luxusgüter bleibt kein Spielraum.

Das eine, essenzielle Ausrüstungsstück gibt es nicht?

Das ist vielleicht am ehesten ein Talisman, den ich immer dabei habe: ein Halstuch, das mir meine Schwester einmal mitgegeben hat. Das kann ich für viele Zwecke verwenden. Insofern ist das nützlich und etwas sehr Persönliches.

Wie sieht ihr Proviant auf so einer monatelangen Reise aus?

Die größte Kunst besteht darin, den hohen Energiebedarf zu decken. Auf dem Weg zum Nordpol brauchten wir 6200 Kalorien pro Kopf am Tag. Gleichzeitig mussten wir Brennstoff mitnehmen, um Schnee und Eis schmelzen und Nahrung zubereiten zu können. Trotz 6200 Kalorien täglich hat jeder von uns in den zwei Monaten zehn bis zwölf Kilo Gewicht verloren.

Und wie deckt man diesen riesigen Energiebedarf gewichtssparend?

Bei einer Nordpolexpedition geht es nicht darum, gut zu essen. Was man braucht, sind langkettige Kohlenhydrate. Nudeln sind dafür ideal. Zucker oder Schokolade sind überhaupt nicht geeignet, weil man die viel zu schnell verbrennt. Außerdem braucht man Fett in hohen Mengen – und zwar pflanzliches ebenso wie tierisches. Morgens gibt es ein energiereiches Müsli. Wenn man dann tagsüber 10 bis 12 Stunden unterwegs ist, muss man den Körper ständig füttern, wie einen Ofen – etwa mit Speck und speziellen Energie-Riegeln. Dabei haben wir auch Olivenöl-Kapseln, bei denen das Öl in Gelatine eingegossen ist. Das spart Verpackung. Außerdem gibt es Pemmikan, ein Ur-Rezept der Indianer: tierisches Fett vermengt mit trockenen Früchten und Gemüse. Das kommt alles mit in den Nudeltopf, wird zu einem großen Stew gerührt. Und das gibt es praktisch jeden Tag.

Und an Bord der Dagmar Aaen?

Da haben wir einen Koch, und es wird gut gegessen, das muss ich wirklich sagen. Wenn die Möglichkeiten es erlauben, lege ich darauf großen Wert. Alles zu seiner Zeit.

„Ein intellektuelles Kräftemessen mit der Natur“

Ihr Schiff ist aus Holz. Sie folgen den Spuren historischer Expeditionen. Einmal hatten Sie sogar einen Maler mit an Bord. Welche Philosophie steckt dahinter?

Ein Champagner-Frühstück am Südpol ist heute kein Problem mehr. Wenn ich will, erreiche ich mit dem Helikopter jeden beliebigen Punkt auf dem Erdball. Aber das ist doch völlig belanglos. Was den Nordpol so interessant und besonders macht, ist der Weg dorthin. Erst wenn man die Distanz selbst zurücklegt, erfährt man, wie unzugänglich dieser Ort ist. Ich akzeptiere, dass die Natur die Spielregeln vorgibt. Die Herausforderung ist, mit bescheidenen Mitteln auszukommen: ein Segelschiff, ein Kajak, ein Hundeschlitten oder meine Physis. Und wenn wir nicht durchkommen, muss ich das akzeptieren. Es ist ein intellektuelles Kräftemessen mit der Natur.

Steckt auch Nostalgie dahinter?

Das würde ich nicht sagen. Natürlich, die Dagmar Aaen ist ein altes Schiff, aber nicht seemüde. Sie ist unglaublich robust und eisgängig. Sonst wäre ich nicht seit 30 Jahren mit ihr unterwegs. Sie bietet die Arbeitsplattform, die wir brauchen. Aber sie ist auch einfach ein schönes Schiff. Das Bauchgefühl spielt da durchaus auch eine Rolle.

Welche Rolle spielen historische Vorbilder für Sie?

Eine große. Mich hat Geschichte immer fasziniert. Nehmen Sie den britischen Polarforscher Sir Ernest Shackleton. Das war ein ganz charismatischer Expeditionsleiter, der zwar grandios gescheitert ist, aber es immer geschafft hat, seine Leute unbeschadet nach Hause zu bringen. Das sind Werte, die aus meiner Sicht brandaktuell sind: Wie gehe ich mit meinen Leuten um, wie motiviere ich sie, wie begegne ich kritischen Situationen? Bin ich authentisch, oder stelle ich nur Wortblasen in den Raum, bei denen jeder merkt: Da steckt nichts dahinter.

Außerdem gehört die frühe Polarforschung zu unserer Kulturgeschichte – was nichts mit nationalem Pathos zu tun hat. Alfred Wegener oder Carl Christian Koldewey haben Großartiges geleistet. In skandinavischen Ländern oder Großbritannien sind die Namen von Polarforschern viel gegenwärtiger als bei uns. In Norwegen kennt jedes Kind Fritjof Nansen oder Roald Amundsen.

Sie werden oft als Abenteurer bezeichnet. Was ist das eigentlich?

Das frage ich mich auch. Ich suche nicht den ultimativen Kick. Sich in Gefahr begeben und darin umkommen, kann jeder Dummkopf. Für mich findet das Abenteuer im Kopf statt. Es ist die Bereitschaft, aufzubrechen, sich einzulassen und den Gedanken letztlich zu realisieren. Das Unmögliche möglich machen – das ist für mich das Abenteuer.

Über ihre Erfahrungen als Expeditionsleiter sprechen Sie auch vor Führungskräften aus der Wirtschaft. Wie erleben Sie deren Umweltbewusstsein?

Hätte ich in den achtziger Jahren gesagt, dass die Windkraft eines Tages einen bedeutenden Anteil an der deutschen Energieerzeugung haben würde, hätte es großes Gelächter gegeben. Es hat sich, Gott sei Dank, einiges bewegt – aber immer noch viel zu wenig. Dass sich etwas tut, verdanken wir auch Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“, die oftmals zu Unrecht bespöttelt werden. Ich begrüße außerordentlich, dass die aufstehen und sagen: „Das passt uns nicht. Hier wird unsere Zukunft verzockt.“ Weil sie Recht haben. Es ist viel zu lange nichts passiert.

In einem Interview bezweifelten Sie 2010, dass die junge Generation umwelt- oder klimabewusster sei als ihre Eltern. Wie denken Sie heute darüber?

Es hat sich etwas getan seitdem. Dass die jungen Leute auf die Straße gehen, ist sicher nicht in erster Linie uns zu verdanken, aber vielleicht haben wir ein bisschen dazu beigetragen. Um Jugendliche für diese Themen zu interessieren, haben wir 2007 ein Klima-Camp veranstaltet. Zusammen mit Wissenschaftlern haben wir Jugendliche aus mehreren Ländern nach Spitzbergen eingeladen. Morgens gab es Gletscherkunde-Unterricht, nachmittags ging es auf den Gletscher, um ihn zu erleben, zu spüren. Das hat bei den Teilnehmern einen unglaublichen Nach­hall gefunden. So ist aus dem einmalig geplanten Projekt eine alljährliche Einrichtung geworden.

Glauben Sie, dass sich der Klimawandel aufhalten lässt, ohne unseren Lebensstil zu ändern?

Es gibt ja die große Sorge, dass wir jetzt auf alles verzichten müssen. Dabei brauchen wir vor allem pfiffige Technologien im Verkehr- und im Energiesektor. Gute Ideen gibt es jede Menge. Und wo es sinnvoll ist, sollten wir uns auch einschränken. Für 40 Euro nach Mallorca zu fliegen, das finde ich unterirdisch. Die Menschen müssen sich vor Augen führen, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat. Auch ich habe ein Auto und hinterlasse wohl auch einen kräftigen CO2-Fußabdruck, aber ich muss nicht mit einem Drei-Tonnen-SUV Brötchen holen fahren. Dafür das Rad zu nehmen, ist doch kein Verlust an Lebensqualität – im Gegenteil.

Sie haben jetzt das gesetzliche Rentenalter erreicht. Wie lange werden Sie so weiter machen?

Solange ich Lust dazu habe und gesund bleibe. Beides ist zum Glück der Fall. In 92 Tagen mit dem Schlitten durch die Antarktis zu laufen, das könnte ich heute nicht mehr. Dafür interessieren mich andere Themen. Ich wollte nie, wie andere, erst mit 65 anfangen, meine Träume zu leben, das habe ich immer schon getan. Und das Älterwerden ist Teil dieses Abenteuers.

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