Meteorologe: Wir erleben,was vor 30 Jahren prophezeit wurde

Wolfenbüttel.  Diplom-Meteorologe Sven Plöger spricht im Interview mit unserer Zeitung über den Klimawandel, Vorhersagen und das Wetter von Morgen.

Diplom-Meteorologe Sven Plöger.

Diplom-Meteorologe Sven Plöger.

Foto: Archiv

In Zeiten des Waldsterbens und länger anhaltender Trockenheit – wie gut sind da die Aussichten für die Zukunft? Diese Frage versuchte jetzt Diplom-Meteorologe Sven Plöger zu beantworten. Der 52-Jährige, bekannt aus dem Wetterbericht im ARD, referierte am Dienstagabend beim traditionellen Landwirtschaftsabend im Wolfenbütteler Bankhaus Seeliger. Im Vorab-Interview sprach Plöger mit unserer Zeitung über das Wetter von Morgen, seine Vorhersagen und darüber, wie die Auswirkungen des Klimawandels eingedämmt werden könnten.

Herr Plöger, auch vor 50 Jahren gab es schon Sommer mit 40 Grad und Winter mit wenig Schnee. Eine Frage, die sich auch unser Leser stellt, der sich El Gatito Titerito nennt: Was sagen Sie als Meteorologe – gibt es tatsächlich einen Klimawandel?

Solche extremen Wetterphasen gab es schon immer. Auch wechseln sich Warm- und Kaltzeiten auf der Erde ab, das ist normal. Heute erwärmt sich unser Planet allerdings mit einer viel höheren Geschwindigkeit. In den vergangenen 11.000 Jahren hat die globale Durchschnittstemperatur um vier Grad zugenommen. In den vergangenen 100 Jahren allein um ein Grad. Betrachtet man diese Messungen oder sieht, wie schnell das Eis an den Polen schmilzt, dann kann man definitiv sagen: Es gibt einen Klimawandel – und er ist menschengemacht.

Sie selbst tauchen gerne, fahren Ski und fliegen mit Gleitschirm oder Segelflugzeug. Da müssten Sie die Auswirkungen des Klimawandels doch eigentlich sehr gut spüren?

Ja, und ich denke selbst viel darüber nach, wie ich mich klimaschonend verhalten kann. 2013 habe ich zum Beispiel mein Haus umgebaut und erzeuge dort jetzt Wärme über eine Photovoltaikanlage. Wenn ich unterwegs bin, dann viel mit dem Fahrrad, dem Zug oder der Straßenbahn. Fliegen ist für mich dagegen so eine Zwickmühle. Zwar schadet es dem Klima, doch hat unsere globalisierte Welt auch ein großes Problem, wenn Menschen nicht mehr reisen und weit entfernte Kulturen kennenlernen. Dieser Austausch ist nötig. Außerdem – das soll aber keine Entschuldigung sein – machen alle Flugemissionen zusammen drei Prozent der weltweiten CO2-Produktion aus. Ich denke, es ist wichtig, dass wir alle uns selbst hinterfragen und etwas für den Klimaschutz tun, doch retten können wir die Welt dadurch am Ende auch nicht. Wir brauchen politische Lösungen auf globaler Ebene, ob bei der Wende in der Landwirtschaft oder bei der Wende in der Mobilität.

Unser Leser Daniel Olivier fragt sich, warum der Klimawandel unter Wissenschaftlern nahezu komplett unumstritten ist, von einigen jedoch trotzdem vehement verleugnet wird?

Tatsächlich ist sich die Wissenschaft beinahe hundertprozentig sicher mit dem Klimawandel. Wenn Sie heute in Zeitungen von vor 30 Jahren schauen, dann können Sie lesen, dass dort alles vorhergesagt wurde, was wir heute erleben. Wir Menschen sind in unserem Handeln und Erleben sehr kurzfristig und wir wachsen mit einem bestimmten Wertegefühl auf. Gerade für die ältere Generation etwa waren fossile Brennstoffe wie Kohle stets etwas positives, das sie vorangebracht hat. Jetzt soll das plötzlich alles schlecht sein. Da ist es nur menschlich, dass einige den Klimawandel als Einbildung abtun.

Es wird viel über die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf das Klima gesprochen. Für wie zuverlässig halten Sie diese Einschätzungen? Das fragt sich auch unser Leser William Rossmann.

Es wäre hilfreich, wenn der Mensch nichts dazukönnte. Doch sein Anteil am Klimawandel ist erwiesenermaßen sehr groß. Wie groß genau, traut sich keiner so genau zu sagen. Da ist sich die Wissenschaft auch nicht ganz sicher. Es sind nicht ganz 100 Prozent, aber auch kein kleiner Teil. Ich persönlich sage: der Anteil des Menschen am Klimawandel liegt bei weit über 90 Prozent.

Durch die Erderwärmung schmilzt das Eis an den Polen, Süßwasser gelangt in die Meeresströme. Die haben bekanntlich Einfluss auf das Wetter. Müssen wir uns also vielleicht nicht eher auf eine Abkühlung als auf eine Erwärmung einstellen, so wie in Roland Emmerichs Film „The day after tommorow“?

Der Film ist vom Aufbau her wirklich spannend und hat eine tolle Geschichte – physikalisch ist er allerdings kompletter Schwachsinn (lacht). Da gibt es etwa eine Szene, in der eine kalte Luftmasse ein Hochhaus von oben nach unten einfrieren lässt. In Wirklichkeit würde bei so etwas aber Druck entstehen – und dadurch wiederum Hitze. Streng genommen hätte das Haus also Feuer fangen müssen. Die globale Abkühlung, die im Film in wenigen Tagen stattfindet, würde in Wahrheit außerdem viel länger dauern. Der Gedanke des Films an sich ist aber richtig: gelangt über die Eisschmelze zu viel Süßwasser in den Golfstrom, kommt dieser zum Erliegen. Das hat unmittelbaren Einfluss, nicht nur aufs Wetter, sondern auch aufs Klima. Gebe es die Meeresströme nicht, müssten wir 1500 Kilometer weiter südlich leben, um Temperaturen zu haben, wie wir sie in Europa kennen. In der Vergangenheit hat es ein solches Szenario schon einmal gegeben – es folgte eine Kaltzeit. Damals gab es aber auch deutlich mehr Eis und damit Süßwasser, dass den Strom zum Erliegen brachte. Das wird heute nicht mehr passieren, eine neue Eiszeit werden wir also nicht erleben. Gleichwohl könnte das Schmelzen der Pole dafür sorgen, dass der Temperaturanstieg sich auf Europa etwas gedämpfter auswirkt, als auf andere Teile der Welt.

Sie haben 2017 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wie Wind unser Wetter bestimmt“. Jetzt erleben wir bei uns in Deutschland – so der Eindruck – immer häufiger Tornados. Nimmt dieses Wetterphänomen noch weiter zu?

Tornados hat es tatsächlich auch hierzulande schon immer gegeben. Aufgezeichnet sind etwa 40 bis 60 Tornados im Jahr. Der Eindruck, dass Tornados zugenommen hätten, entsteht dadurch, dass immer mehr Leute Smartphones haben, die Wirbelstürme filmen und ins Internet stellen. Es könnte gut sein, dass die Tornado-Wahrscheinlichkeit in einer immer wärmeren Atmosphäre zunimmt. Das ist allerdings schwer berechenbar, da sie immer nur auf einer sehr kleinen Fläche vorkommen.

Muss in diesem Zusammenhang und in Sachen Klimawandel auch bei der Bebauung und dem Hochwasserschutz neu gedacht werden? Unsere Leserin Christiane Jagau denkt da etwa an größere Kanalisationen oder mehr Grünflächen als Abkühlzonen in Städten.

Ihre Leserin hat vollkommen Recht – Betonflächen speichern die Wärme und geben sie wieder ab. Wir müssen die Städte also verländlichen und brauchen deutlich mehr Grünflächen. Das ist aber auch immer eine Kostenfrage. Hochwasser dagegen ist so ein Thema, über das sich in einer Dürrezeit schwer sprechen lässt, auch wenn es total wichtig ist, denn Überflutungen wird es immer wieder geben. Unser Wetter wird extremer, weil Hochs und Tiefs langsamer ziehen als früher. Das ist auch für die Landwirtschaft ein echtes Problem, weil manche Stellen trocken bleiben, während es an anderen womöglich zu viel regnet.

Vor ein paar Jahren hieß es mal: Wolfshagen im Harz ist aus Wettersicht der sicherste Ort Deutschlands.

Das würde ich so nicht unterschreiben. Ich denke, da gibt es sicher einige Stellen. Aber gerade Orte am Rande von Mittelgebirgen wie dem Harz – an den windzugewandten Seiten – sind nicht per se sicher.

Im Sommer ist es oft so: Die Temperaturen steigen, fallen dann aber auch schnell wieder. Können wir ähnliches auch für den Winter erwarten? Das möchte unser Leser Phil-Kevin Lux wissen.

Das ist total nachvollziehbar, dass Ihr Leser das wissen möchte. Aber das weiß kein Mensch. Für eine solche Vorhersage ist es noch zu früh.

Ist es denn schwieriger geworden, Wettervorhersagen zu treffen und sind diese heute noch genauso zuverlässig, wie vor 20 Jahren?

Die Rechenleistungen sind besser geworden und wir haben mehr Satteliten. Die Zahl der Wetterstationen auf den Ozeanen hat allerdings abgenommen – dadurch bekommen wir weniger Detailinformationen, was ein riesiges Problem ist. Konkret heißt das nämlich, ich kann zwar ganze Gebiete festlegen, in denen es beispielsweise Unwetter geben wird, wo genau am Ende die Blitze einschlagen, kann ich aber nicht sagen. Auf der anderen Seite treten heutige Vorhersagen für den Folgetag mit einer Sicherheit von bis zu 93 Prozent auch tatsächlich ein. In den 1980er Jahren war eine Vorhersage für den Folgetag so genau, wie heute die Dreitagesvorschau. Trotzdem kann die Forschung noch viel tun vor allem in Sachen Langzeitprognosen, denn das Wetter interessiert ja nicht nur Privatleute, sondern auch Rettungskräfte oder die Wirtschaft.

Zur Person:

Sven Plöger, geboren am 2. Mai 1967 in Bonn, studierte Meteorologie an der Universität Köln.

Zwischen 1991 und 1996 arbeitete er in der Forschungsgruppe Tropenmeteorologie, anschließend als Lehrkraft für Meteorologie in der Flugausbildung und als Moderator bei der Schweizer Meteomedia AG. Seit 2012 ist Plöger als Meteorologe und Moderator bei der Cumulus Media GmbH tätig und moderiert unter anderem das „Wetter vor Acht“ im ARD.

Plöger ist Autor mehrerer Bücher und engagiert sich vor allem für Kinder, seit 2010 unter anderem im Kinderhospiz Bethel.

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