„Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen: Neo Rauch 3 D

Bayreuth.  Wagners romantische Revolutionsoper „Lohengrin“ hatte in Bildern Neo Rauchs zur Eröfnung der Bayreuther Festspiele Premiere.

„Lohengrin“, Das Ensemble auf der Bühne - Bühnenbild und Kostüme hat das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltet.

„Lohengrin“, Das Ensemble auf der Bühne - Bühnenbild und Kostüme hat das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltet.

Foto: Enrico Nawrath / dpa

Das Bühnenbild sieht aus wie ein typisches Neo-Rauch-Gemälde, bloß dreidimensional. Da ballen sich dunkle Wolkenwülste, schwarze Strahlen durchstoßen den Himmel wie kurz vor der Sonnenfinsternis, und Menschen in Mittelalterkleidung und weißen Kragenlappen wie böse Clowns erwarten ein Wunder. Ein Transformatorenhäuschen mit Blitzen statt Uhr und Telegrafenmasten mit gefallenen Isolatoren beherrschen das Bild, in dem Elsa gefesselt vorgeführt und am Trafo festgebunden wird. Schon bringt man Holzstöße zum Schafott der vermeintlichen Brudermörderin, aber da meldet sich überirdische Elektrizität. Es funkt in den Telegrafenleitungen, ein geschwungenes Etwas landet im Blitzlicht auf dem Trafohäuschen, und die Treppe runter kommt Lohengrin, der rettende Held. Wagner hat ihn 1848, als er selbst anarchistisch gesinnt war, als Revolutionär konzipiert. Und so erscheint der Gralsritter hier durchaus plausibel in grauer Arbeitskluft als Mechaniker des Wunders. Mit blitzzackigem Schwert wirkt er wie eine Art proletarischer Captain Kirk und besiegt zur Rettung Elsas im geflügelten Luftkampf Telramund, die fiese Motte.

Die beunruhigende Durchdringung des Historisch-Mittelalterlichen mit Motiven des nüchternen sozialistischen Realismus und Elementen aus Science-Fiction-Serien oder -Videospielen macht Neo Rauchs magischen Realismus aus und wirkt auch auf der Bayreuther Festspielbühne. Allerdings hätte Regisseur Yuval Sharon nicht jegliche Personenführung aufgeben müssen. Da wird schon arg konventionell herumgestanden und choreographisch-zeichenhaft agiert. Aus dem Einbruch des sozialistischen Helden in die machthörige, zerstrittene Welt hätte er mehr Potenzial ziehen müssen. Am Ende hat Elsa, nun von Retter Lohengrin gefesselt, vielleicht eine Anspielung auf die Verirrungen des real existierenden Sozialismus, die verbotene Frage gestellt. Hinterfragen ist aber nicht, das romantische Glück ist zerstört.

Und so zaubert Lohengrin im Abgang den verschwundenen Bruder Elsas, Herzog Gottfried, herbei, bei Neo Rauch ein grün schimmernder Almöhi mit blinkendem Tannenzweig, die ökologische Alternative zum Politklimadesaster. Das passt bildnerisch schon gut und wird musikalisch durch starke Stimmen und Christian Thielemanns sehr flüssiges Dirigat beglaubigt.

Piotr Beszala ist ein tadelloser Lohengrin mit helltönendem, reinem Tenor, und Anja Harteros als Elsa setzt manch zart leuchtende Töne, überzeugt aber vor allem in der dramatischen Selbstbehauptung mit kraftvollem Sopran. Bayreuth-Rückkehrerin Waltraud Meier kann als böse Gegenspielerin Ortrud mit perfid lodernden Passagen punkten, denen Tomasz Konieczny als Gatte Telramund mit wuchtig orgelndem Bassbariton entspricht. Viel Applaus und Bravos, keine Buhs für eine bildstarke, aber regielich nicht zu Ende erzählte “Lohengrin”-Deutung.

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