Das Kraftwerk als Kultstätte

Wolfsburg  Die brasilianische Grupo Corpo beschließt das Movimentos-Festiva

Szene aus dem Stück „Gira“ der Grupo Corpo.Foto: Autostadt

Szene aus dem Stück „Gira“ der Grupo Corpo.Foto: Autostadt

Am Ende verwandelt sich das VW-Kraftwerk, diese Kathedrale der Industriezeit, noch einmal in einen mystischen Ort. Der riesige Ziegelbau wird Kultstätte der Umbanda, einer synkretistischen Religion Brasiliens, die afrikanische, indigene und katholische Elemente verschmilzt.

An den Bühnenwänden aufgereiht sitzen im Schummerlicht verhüllte Gestalten, reglos, bis der Sog der Trommeln sie zwingt, sich in wechselnden Formationen ihren Rhythmen und den Geistern hinzugeben, die sie rufen. Wer erschöpft ausschert, kehrt aus der Trance in die verschleierte Bewegungslosigkeit am Rand zurück.

Männer wie Frauen tanzen mit nacktem Oberkörper, weißen Stoff um die Hüften geschwungen. Dabei wirkt ihr Gestus nicht folkloristisch oder betont archaisch, sondern sublimiert, durch die klare choreografische Gliederung, die Ästhetisierung des Okkulten.

Mit dem Stück „Gira“ beschließt die Grupo Corpo nach 15 Jahren die faszinierende Ära des historischen Kraftwerks als Movimentos-Spielstätte. Da rundet sich etwas: Die Brasilianer hatten dort 2003 auch das allererste Festival eröffnet. It’s a kind of magic.

In der Umbanda-Beschwörung „Gira“ beugen die Tänzer den Rumpf vor und zurück, mit ausbreiteten Armen, durchgebogenen Körpern, in der Spannung zwischen Demut und Ekstase. Das katholische Element mag sich in der stolzen, madonnenhaften Haltung der Frauen ausdrücken. Bei aller puren Körperlichkeit hat der Tanz, der Ritus nichts ausgestellt Erotisches. Da mutet die Klangsprache, eine Mischung aus afrobrasilianischen Motiven, Jazz und elektronischen Sounds fast anarchischer, ursprünglicher an, bis zum furiosen Finale.

Bei weitem nicht so mitreißend ist die Musik zum Eingangsstück des Abends. Eine gefällige, etwas süßliche Mischung aus barocken und klassischen Zitaten mit gelegentlichen Trommeleinlagen begleitet die „Dança Sinfônica“. Es ist eine Art Best-Of-Choreographie zum 40-jährigen Bestehen der Grupo Corpo 2015, die immer wieder von der Durchdringung der Kulturen erzählt. Europäisch wirken die disziplinierte Anmut, das Klare und Kontrollierte der Körpersprache, auch die fast klassische Kleiderordnung: die Tänzer in Schwarz, die Tänzerinnen im roten Body.

Brasilianisch mutet die geschmeidige Athletik, die kraftvolle Natürlichkeit der Bewegungen an. Allerdings erschöpfen sich die „Dança“ in der steten Variation dieses Themas, ohne klare Fokussierung oder eine zwingende Entwicklung. Schön anzuschauen ist das angesichts der perfekten Technik und Körper dennoch. Standing Ovations, während im ausverkauften Kraftwerk der letzte Vorhang fällt.

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