Durchs Plastikeis in den Körnerkrater

Wolfsburg  Die Zero Visibility Corp. zeigt bei Movimentos aufwendige, aber choreographisch blasse „Frozen Songs“.

Szene aus der Choreografie „Frozen Songs“ der Zero Visibility Corp.

Szene aus der Choreografie „Frozen Songs“ der Zero Visibility Corp.

Foto: Matthias Leitzke

Der knittrig weiße Fetzenvorhang wird von poetischeren Naturen im diffusen Licht für Eisblumen gehalten, das naheliegende Bild für die „Frozen Songs“, gefrorenen Lieder, der norwegischen Choreographin Ina Christel Johannessen. Doch Skeptiker erkennen gleich, dass der Vorhang aus Plastiktüten gewebt ist.

Auch die dicken Eiskristalle, die die Tänzer hereinschleppen, sind nichts anderes. Und damit wäre der umweltpolitische Horizont dieser vorletzten Movimentos-Premiere eröffnet, denn auch im Eismeer treibt heute Plastikmüll. Und Johannessen ist mit ihrer Compagnie Zero Visibility Corp. auf Expedition ins ewige Eis und zu jenem unterirdischen Pflanzensamenspeicher, der diese Keime neuen Lebens über alle Klimakrisen retten soll.

Die Expedition vollzieht sich optisch durch mehrere Schichten ins Innere des Speichers, vielleicht aber auch eines Samenkerns, denn die flexible Lamellenwand hinter dem Eisvorhang lässt sich zum Kreis schließen, darin dann Mutter und Kind Platz finden wie die zu erweckenden Keimzellen einer neuen Menschheit.

Die basswummernde Musik rührt ebenfalls an die Urgründe des Seins tief im Bauch. Und ein Mann in einer Schlaufe dieser Kernwand scheint diese mit aller Energie sprengen zu wollen. So wie unter Bildern von Gewitter und Blitz die Tänzer mit ihren immer wieder aufstrebenden Armen ein Pendant zum Geäder keimender Triebe, Wurzeln und Äste entworfen haben.

Die Bewegungsfindungen Johannessens sind an sich leider weder üppig noch abwechslungsreich, häufig wirken sie pantomimisch, erinnern an Schleppen und Schwanken, Wedeln und Balancieren, mit der Hand an Hals oder Bauch an Würgen und Übelkeit. Dazu gibt’s dann schon mal Bilder von Fabrikschloten und Hochhaussiedlungen im Hintergrund. Die Expedition geht auch durch die Zivilisation, wie eine verknappte Menschheitsgeschichte, bis sie im ewigen Eis ankommt.

Wofür die kleine Rock’n’Roll-Einlage wohl steht? Ein rotes Anorakknäuel wird wie ein Baby aufgenommen. Die ständige Videofilmerei bringt keine Erkennt- nisse. Dafür wird per Mikrofon-Dialog die Analogie von Samenbänken jeder Art und USB-Sticks gezogen. Wer sein Wissen auf Plastikchips verlagert, könnte evolutionär mal ganz schön zurückbleiben.

Doch dann werden die Samenboxen geöffnet, rieseln Körner aus drei Silodüsen, dass die Tänzer drin duschen und baden und sich bespritzen können. Man füttert sich. Die Paarszene hat mehr was von Handstand über Liegender. Im Körnerkrater beugt die Tänzerin den Rumpf wie unter Wehen, dann reißen alle unter Dauertrommeln die Arme immer wieder hoch, bis sie von einer Video-Landschaft grünender Keimlinge überlagert werden.

Die fruchtbare Botschaft ist unverkennbar und sympathisch, aber Johannessens Szenen haben Längen und wirken tänzerisch oft unverbunden, da folgt Objektidee auf Bildidee, aber choreographisch wenig zwingend. Viel Applaus, einige waren gegangen.

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