Opernrevolution im Minutentakt

Braunschweig  John Cage zerlegt in „Europeras 1&2“ die Operntradition nach strengen Regeln der Kunst.

„Europeras 1&2“ gibt es noch am 29. November, 8. und 29. Dezember, 20. Januar sowie 23. und 24. Juni.

„Europeras 1&2“ gibt es noch am 29. November, 8. und 29. Dezember, 20. Januar sowie 23. und 24. Juni.

Foto: Thomas M. Jauk

Zu sehen gibt es viel, zu hören auch. Bühnenarbeiter setzen andauernd neue Bühnenbildteile auf die 64 Spielfelder des Ji-Gong-Orakels, verschieben die einen, kassieren die anderen. Ein Pappmachée-Schaf ist dabei, ein Riesen-Strauß, ein Schiffssteuerrad, eine Telefonkabine, eine Gondel. Hänger zeigen Fotos alter Inszenierungen und Noten, Tempelteile zu „Aida“, Wieland Wagners weinenden Tristan-Phallus, die „Figaro“-Partitur.

Manche Teile erkennt man aus alten Inszenierungen wieder wie die Giraffe aus Schanz/Raabes „Der Afrikaner“. Mattias Schamberger versucht sie zu füttern und steckt ihr die Zeitung nachher von hinten in den – es passiert so manches. Da singt Rigoletto im Müllcontainer, und Carmen fährt das abgeschlagene Haupt des Jochanaan im Kinderwagen spazieren.

Die Sänger stecken in typischen Opernkostümen wie Papagenos Vogelkleid, der Walküren Brünne mit geflügeltem Helm oder Cio-Cio Sans Kimono. Sie singen auch, aber meist gleichzeitig und jeder aus verschiedenen Opern, unabhängig vom Kostüm und ihrem Handeln. Eine tolle Konzentrationsleistung. Denn im Graben spielen Musiker ihrerseits nur Partiturfragmente, aber gänzlich andere und jeder verschiedene. Klingt gar nicht mal schlecht, gerade wenn man nicht versucht, hier ein Siegfried-Motiv und da einen Mozart-Lauf zu erkennen.

Dasselbe bei den Arien: Welche Figaro-Passage hat der Giovanni-Typ da gerade am Wickel, während Wotan die Register-Arie des Leporello singt, die Königin der Nacht aber den Musette-Walzer aus Puccinis „La Bohème“? Abschalten, auf den Gesamtklang achten, die Verdichtung und dann wieder Reduktion.

Lieder bleibt dieses Gipfeltreffen der emblematischsten Figuren, Musik- und Kulissenfragmente aus europäischen Opern in John Cages „Europeras 1&2“ im Wortsinne wahllos. Er hat dafür Regeln aufgestellt, Repertoirelisten von Partiturschnipseln und Aktionen, Berechnungen für die jeden Abend neu erstellte Abfolge von Arien und Kulissenbewegungen. Es darf eben nicht Cio-Cio San etwas länger bei Wotan verweilen, wenn ihr sein Gesang zu Herzen geht, und mit einer Arie antworten, die ihrer Regung entspricht, oder Papageno mit Don Giovanni anbandeln, nur weil ihm der Sänger gefällt. Nein, es regiert die Europeras-Uhr, husch-husch zur nächsten vorgeschriebenen Aktion. Cages Opernrevolution unterliegt dem Minutentakt.

Insofern ist seine Zerlegung des alten Opernrepertoires durchaus keine Befreiung. Hier wird nur neu gemischt, Freiheit hat nur der Zuschauer, der sich so allerlei dabei denken kann. Isabel Ostermann hat da als Regisseurin wenig Spielraum, sorgt aber für eine magische Anmutung auf dem Spielfeld, alles so ein bisschen verrückt wie bei Alice im Wunderland.

Das zieht sich allerdings schon über 90 Minuten ganz schön hin, weil eben keine Begegnungen und Höhepunkte getimed werden können, und dann kommen ja noch mal 45, in denen allerdings die Figurenkonzentration auf der Bühne höher wird. Ob man sich da nicht doch, wie bei allen anderen Inszenierungen, mehr Freiheit nehmen müsste, um Spannung zu schaffen?

Die Tänzer scheinen mehr improvisieren zu dürfen, wenn Jonathan Bringert erst mit dem Kaktus kuschelt, dann seine Streicheleinheiten aber auf die umstehenden Sänger ausdehnt. In der Richtung hätte man weitergehen sollen.

So hat Braunschweig jetzt einen werktreuen Klassiker der Moderne auf dem Spielplan, von den Sängern, Musikern, Schauspielern und Tänzern hochmotiviert umgesetzt. Viel Applaus.

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