Hitler steht auf Toast mit Nutella

Daniela Löffner inszenierte im Staatstheater Braunschweig George Taboris Farce „Mein Kampf“.

Hans-Werner Leupelt als Schlomo Herzl (oben), Philipp Grimm als Adolf Hitler im Wiener Männerasyl.

Hans-Werner Leupelt als Schlomo Herzl (oben), Philipp Grimm als Adolf Hitler im Wiener Männerasyl.

Foto: Volker Beinhorn

Braunschweig. Mit dem Analysieren ist es schwierig diesmal, liebe Freunde der makabren Abendunterhaltung. Und zwar aus folgendem Grund: Eine ganz wesentliche Rolle in Daniela Löffners Inszenierung von George Taboris Farce „Mein Kampf“ im Staatstheater spielt: das Toastbrot.

Das geht damit los, dass der zottelhaarige junge Choleriker und Möchtegern-Künstler Adolf Hitler, als er im Wiener Männer-asyl auftaucht, ein Glas Nutella dabei hat. Im Gerangel mit seinem väterlichen Feindfreund, dem jüdischen Bibelverkäufer Schlomo Herzl, fliegt ein Toast mit Nutella an die Wand – wo es kleben bleibt. Da fragt man sich schon: Wieso glotzen die jetzt alle so magisch dieses blöde Toast an?

Nun, Hitler pappt im Verlauf der Handlung weitere mehr oder weniger verkokelte Toastscheiben an die Wand. Später kommt er mit einem ganzen Sack davon ins Männerasyl und – pappt sie an die Wand. Dann ist Pause.

Da wird man dann angesprochen: „Sie als Kritiker müssen das doch wissen – was sollte das mit den Toastbroten?“ Und man antwortet wahrheitsgemäß: „Ja, nun, Kritiker hin oder her – keine Ahnung.“

Das Problem für die Analyse ist: Im zweiten Teil des Abends löst sich das Rätsel der Toastbrote auf beeindruckende Weise. Sie fügen sich zu einem ganz starken, schlüssigen Theaterbild.

Für die kluge Analyse des Abends wäre es nun notwendig, dies Bild genauer zu beschreiben. Für alle aber, die sich „Mein Kampf“ noch anschauen wollen, wäre es unfair, das Toastbrot-Rätsel hier aufzulösen.

Also belassen wir es dabei, dass im zweiten Teil des Abends ganz viel Toast auf der Bühne ist und auch viele Toaster, die wie kleine Öfen immer wieder geschäftsmäßig befüllt und in Gang gesetzt werden. Ein Geruch von Geröstetem und Verbranntem verbreitet sich im Saal. Eine der makabersten Szenen ist, wie sich die glatzköpfige Frau Tod den Duft aus den Toastern genüsslich in die Nase wedelt...

Ja, es geht um Hitlers Monsterwerdung. Um den tragikomischen Versuch eines menschenfreundlichen Juden, den von Ressentiments und Verstopfung schier zerrissenen Jüngling aus Braunau am Inn mit Liebe und Fürsorge vom Weg des Grauens abzubringen. Obwohl er ahnt... Und obwohl es eine Figur gibt, die Gott heißt, die sowieso weiß...

Löffners Inszenierung hält trotz einiger manierierter Tempoverzögerungen die Balance zwischen Witz und Katastrophe. Philipp Grimm treibt die Cholerik des jungen Hitler sehr weit ins spastisch Zuckende und Brüllende. Stark ist er in seinem chaplinesken Krawallpathos als „schlechter Schauspieler“ (Schlomo), wenn er etwa den Disput mit seinem Vater nachspielt. Ganz zeitlos erscheint er im zweiten Teil als aalglatter, völlig beherrschter Jungpolitiker.

Hans-Werner Leupelt ist als Schlomo weit weg vom Juden-Klischee, anrührend als Sympath auf verlorenem Posten. Moritz Dürr als Penner namens Gott ist ein vierschrötiger Althippie, Sandra Fehmer eine mondäne Geschäftsfrau namens Tod. Sven Hönig ist als verklemmt-mordwollüstiger Heinrich Himmlischst erschreckend nah dran an der Figur. Ursula Hobmair gelingt der Wandel von der (allzu) herzigen Freundin Schlomos zum aasig-geilen Führer-Groupie. Und wie gesagt: sehr überzeugend auch die Toastbrote.

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