Me too ist eine gefährliche Waffe

Braunschweig.  Ein Vorfall an der Braunschweiger Kunsthochschule zwischen einem Professor und einer Studentin zeigt, wie fragwürdig anonyme Anschuldigungen sind.

HBK-Präsidentin Vanessa Ohlraun,

HBK-Präsidentin Vanessa Ohlraun,

Foto: Foto: Stefan Lohmann

Die Gesellschaft ist sensibilisiert, um nicht zu sagen: elektrisiert. Überall plötzlich Fälle sexueller Übergriffe. Überall Me-Too-Alarm. Nicht nur die großen Skandale wie der Fall Weinstein oder der Fall Wedel ziehen mediales Interesse auf sich. Ob es sich um einen ehemaligen Braunschweiger Opernregisseur handelt, einen Abteilungsleiter beim WDR, ob einen New Yorker Star-Dirigenten oder den ebenfalls einst in Braunschweig wirksamen Chef der Festspiele im österreichischen Erl: Vorwürfe von Frauen allenthalben.

Nun auch an der HBK Braunschweig. Uns liegt ein anonymes Schreiben an den niedersächsischen Kulturminister Björn Thümler vor. Darin folgende Vorwürfe: Ein Professor habe Studentinnen ohne deren Einwilligung angefasst, eine seiner Kolleginnen habe versucht, die Veröffentlichung zu unterdrücken, die Präsidentin der Hochschule versuche, „die Geschehnisse totzuschweigen“.

Nachdem das Ministerium offenbar nicht reagiert hat, wenden sich der oder die Briefschreiber(in) an die Presse mit den Worten: „Alle Beteiligten sind noch da, furchtbarerweise auch der Dozent und seine Kollegin. In Amerika holt die Polizei die Leute ab, aber in Niedersachsen darf so etwas passieren, und niemand unternimmt etwas.“ Unterzeichnet ist der Brief lediglich mit „Me too“.

Muss, darf, soll man auf solch ein Pamphlet reagieren? Zumal darin die Namen der Beschuldigten genannt sind, der Name der Person jedoch nicht, welche den Brief verfasst hat? Andererseits: Viele Me-Too-Vorwürfe haben sich ja im Nachhinein als zutreffend erwiesen.

Wir fragen nach bei Vanessa Ohlraun. Die Präsidentin der HBK reagiert offen. Es habe, sagt sie, einen Vorfall gegeben, in welcher der genannte Professor eine Studentin (allerdings nur eine) in einer Lehrveranstaltung angefasst habe, um etwas zu demonstrieren. Die Studentin habe dies als unangemessen empfunden und sich an die Gleichstellungsbeauftragte gewandt. Ohlraun: „Dies Verhalten des Lehrenden war nicht angemessen.“

Es habe Gespräch zwischen allen Beteiligten gegeben, auch zwischen dem Professor und der Studentin. Einigkeit habe bei allen darin bestanden, dass die Berührung kein sexueller Übergriff gewesen sei, sondern – eben eine Berührung.

Der Professor habe sich bei der Studentin entschuldigt. Diese habe sich damit einverstanden erklärt, dass er weiterhin an der HBK lehren könne, sofern sie nicht bei ihm studieren müsse. Ohlraun erläutert, ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe nicht: „Sie mus bei ihm keine Abschlüsse machen, sie hat die Auswahl.“

Man habe sich wochenlang intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt, so Ohlraun. „Deshalb konnte womöglich zwischenzeitlich der Eindruck entstehen, wir wollten da etwas totschweigen. Aber wir waren einfach noch nicht fertig.“ Das Ministerium habe nachgefragt, und man habe ihm den Fall erläutert.

Nicht erst seit dem Vorfall, sondern bereits zu Beginn ihrer Amtszeit hat die Präsidentin sich vorgenommen, die Sensibilität in der Hochschule für Geschlechtergerechtigkeit und kulturelle Diversität zu schärfen und die Position der Gleichstellungsbeauftragten zu stärken. „Es geht darum, ein Klima der Offenheit zu schaffen. Die Zeit ist reif dafür. Daran sind auch meine männlichen Kollegen interessiert. Ich bin als Feministin bekannt und habe Gender Studies studiert. Ich bin sicher die letzte, die etwas unter den Teppich kehren will. Mit einem Fall von sexueller Belästigung wäre ich ganz anders umgegangen.“

Den Namen der betroffenen Studentin dürfe sie nicht nennen, sagte die Präsidentin. Der betroffene Professor erklärte uns gegenüber, er stimme mit der Präsidentin überein. Was die Lehrsituation betreffe, „die ich mit einer Studierenden während einer Lehrveranstaltung hatte, so kann ich Ihnen sagen, dass dieser ,Vorfall’ mit der Studentin damals in direktem Gespräch wie auch über die Hochschulleitung intern geregelt wurde.“

Doch wenn es die Gespräche, die Entschuldigung und die Erklärung der Studentin gegeben hat, von denen Vanessa Ohlraun spricht – es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln – dann erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass die Studentin den Brief selber verfasst hat.

Und dann stellt sich die beklemmende Frage: Wer schreibt solche Briefe? Wer setzt den Ruf und damit die Existenz eines Menschen auf solch leichtfertige und fragwürdige Weise aufs Spiel? Und schadet ebenso unverantwortlich dem Ruf einer Hochschule? Me too ist eine gefährliche Waffe. Wehe, wenn sie in die falschen Hände gerät….

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