Masel. Was wächst da im Gifhorner Nordkreis? Sieht aus wie Marihuana, ist aber kein Marihuana. Landwirt Christoph Röling-Müller klärt auf.

Wenn die Polizei gerufen wird, um den Pflanzenwuchs auf einem Acker bei Sprakensehl zu kontrollieren, ist das schon ungewöhnlich. Süßlicher Geruch zur Blütezeit hatte bei Anwohnern einen Verdacht geweckt. Ist das Marihuana? Ein ganzes Feld, und einige hundert Meter weiter noch eins - mehrere Hektar illegale Drogen? Mitnichten! Es ist definitiv kein Vorgriff auf die geplante Legalisierung von Marihuana. Die Gifhorner Drogenexperten konnten ihre Ermittlungen schnell einstellen. Landwirt Christoph Röling-Müller, der von dem Zwischenfall mit einem Schmunzeln erzählt, klärte auf: „Es ist Industriehanf!“

Landwirt aus Masel im Kreis Gifhorn baut Nutzhanf an

Der Maseler Landwirt gehört zu den Pionieren für den Anbau und die Ernte von Nutzhanf - nicht nur im Landkreis Gifhorn, sondern in der gesamten Heide einschließlich Sachsen-Anhalt. Mit seinem Unternehmen Kastanienhof Agrar & Service stellt er die Erntemaschine, ein speziell für die Hanfernte umgebauter Mähdrescher, und übernimmt als Dienstleister mit seinem Team für die Landwirte die Ernte und das Pressen des Hanfstrohs. In diesem Jahr waren es rund 300 Hektar. Röling-Müller arbeitet eng mit der niederländischen Firma HempFlax zusammen, die 1993 gegründet wurde, um die jahrhundertealte Kultur des Nutzhanfs wiederzubeleben. Sie gilt mittlerweile als Marktführer. Ihr Motto: „Die Natur gewinnt - Die industriellen Anwendungen von Hanf sind endlos“.

Die Initialzündung kam vor knapp zwei Jahren von den Vereinigten Saatzuchten Ebsorf (VSE) im Landkreis Uelzen, erklärt Röling-Müller. Mit dem Ziel, weitere Standbeine für die regionale Landwirtschaft zu schaffen, schob die VSE 2021 drei Pilotprojekte an: den Anbau von Faserhanf, Blumenzwiebeln und Arzneipflanzen. So kam eins zum anderen. Der Junglandwirt aus Masel wiederum kennt den Hanfstrohabnehmer in den Niederlanden, wo er einen Teil seiner Ausbildung absolvierte. Schließlich bot er sich als Erntedienstleister an. Im ersten Jahr wurden laut VSE rund 250 Hektar Hanf angebaut, in diesem Jahr waren es etwa 200 Hektar.

Landwirt Christoph Röling-Müller aus Masel baut nahe Sprakensehl Industriehanf an. Anfang September wurde geerntet - mit einem speziellen Mähdrescher. 
Landwirt Christoph Röling-Müller aus Masel baut nahe Sprakensehl Industriehanf an. Anfang September wurde geerntet - mit einem speziellen Mähdrescher.  © FMN | Kastanienhof Agrar & Service

Mit dem Pionierprojekt habe die VSE auf die großen aktuellen Herausforderungen für die Landwirtschaft reagiert. Hanf stelle geringen Anspruch an Dünger und weise wassersparende Eigenschaften auf. „Es wird kein Pflanzenschutz benötigt, da es keine bekannten Schädlinge gibt“, so ein Sprecher der Saatzucht-Genossenschaft. Die Pflanze habe einen hohen Nutzwert, da alle Bestandteile weiterverarbeitet werden können. In der Fruchtfolge sorge der Faserhanf mit seinen bis zu 1,5 Meter tief wachsenden Wurzeln für eine nachhaltige Auflockerung des Bodens. Der Faserhanf passe somit optimal in die umweltbewusste Landwirtschaft.

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Und um die Verwechslungsgefahr zu Marihuana gleich mal zu klären: Zu einen gibt es Cannabis indica (mit Rauschwirkung) und zum anderen Cannabis sativa (Industriehanf). Wesentlicher Unterschied ist der Anteil an Tetrahydrocannabinol (THC). Liegt er bei Marihuana im Durchschnitt bei etwa zehn Prozent, darf er beim Nutzhanf maximal 0,2 Prozent betragen. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) genehmigt und kontrolliert Anbau und THC-Gehalt, erklärt der Maseler Landwirt. „Also Pflanzenteile abrupfen und dann rauchen, bringt nichts.“

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Röling-Müller hat in diesem Jahr erstmals auch auf eigenen Feldern bei Sprakensehl insgesamt 8,5 Hektar Hanf angebaut. Gewissermaßen, um als gutes Beispiel voranzugehen, aber auch, um überzeugend zu zeigen, welche Qualitäten im Hanf stecken. „Da wir beim Hanfanbau von einem übersichtlichen finanziellen Rahmen sprechen, ist das Risiko eher gering.“ Der Anteil an der Betriebsfläche sei vergleichsweise klein. „Ich habe mich logischerweise ganz intensiv mit dem Hanfanbau beschäftigt und sehe das Potenzial dahinter“, sagt er. „Aber ich kann keine Anbauverträge vermitteln und den Landwirten erzählen, dass sie Hanf anbauen sollen, wenn ich das selber nicht mache.“ Er sei davon überzeugt und das Ergebnis in Sprakensehl sei „absolut zufriedenstellend.“

Beide Felder lagen über acht Jahre brach, Beregnung steht dort nicht zur Verfügung. Der Boden ist sandig, bringt es gerade mal auf 20 Bodenpunkte. Mitte April hat Röling-Müller den Hanf gesät. Trotz Trockenheit im Mai und Juni, hat er sich sehr gut entwickelt. Am 10. Mai war er gerade mal so 10 Zentimeter hoch, am 13. Juni waren es 1,80 Meter. „Wir hatten ein Längenwachstum von knapp über 5 Zentimeter am Tag.“ Hanf sei so schnellwüchsig, dass er dem Unkraut davon wächst. „Das bedeutet, wir brauchen keinen Pflanzenschutz.“ Und nach der Brache auch kein Glyphosat. Der Boden wurde vor der Aussaat zweimal gefräst und fertig. „Das schafft so keine andere Kultur.“ Düngung ist wenn überhaupt nur einmal erforderlich: vor der Aussaat. Ein fortlaufender Witz unter Landwirten: Ist der Hanf gesät, einfach mal drei Monate Urlaub machen.

Landwirt Christoph Röling-Müller aus Masel baut nahe Sprakensehl Industriehanf an. Anfang September wurde geerntet - mit einem speziellen Mähdrescher. 
Landwirt Christoph Röling-Müller aus Masel baut nahe Sprakensehl Industriehanf an. Anfang September wurde geerntet - mit einem speziellen Mähdrescher.  © FMN | Kastanienhof Agrar & Service

Ein weiteres Plus: Hanf kommt ohne Beregnungswasser aus. Gerade die vergangenen fünf Jahre mit Ausnahme von 2021 seien die Kontingente des Beregnungswassers sehr, sehr strapaziert worden. Da komme den Landwirten jede Kultur, die etwas trockentoleranter ist, entgegen. Sind die Bedingungen für den Hanf optimal, kann er bis zu 5 Meter hoch werden. Laut VSE werden während des Wachstums auf einem Hektar Hanf etwa 14,5 Tonnen CO2gebunden.

Überhaupt gilt Hanf als klimapositiver Rohstoff. Die Pflanze nimmt mehr Kohlendioxid auf als sie abgibt. Sie kann komplett verwertet werden, ihre bis zu 1,5 Meter tiefen Wurzeln lockern die Böden, davon profitiert der Folgeanbau im nächsten Jahr. Kein Pflanzenschutz führt zu mehr Insekten. Das kommt wiederum bei Vögeln gut an.

Geerntet wird der Nutzhanf ab Mitte August, Anfang September - je nach Sorte entweder nur das Stroh oder quasi als Doppelernte von Stroh und Samen, die sogenannten Hanfnüsse. Erforderlich ist ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um das Stroh, das noch gut 14 Tage auf dem Feld liegen bleibt und zwischendurch gelüftet wird, zu pressen. Für die Strohröste ist eine feuchtwarme Witterung wünschenswert. Anschließend folgt die Trocknung. „Dieses Jahr war das perfekt“, erklärt Röling-Müller. Seine Rechnung für den Hanfanbau ist einfach: Wenn das Ertragsergebnis besser ist als bei einem Roggen ohne Beregnung, dann ist er für Landwirte interessant. „Das ist die Messlatte.“

Mark Reinders aus den Niederlanden ( Firma HempFlax) und Christoph Röling-Müller (rechts) aus Masel.
Mark Reinders aus den Niederlanden ( Firma HempFlax) und Christoph Röling-Müller (rechts) aus Masel. © FMN | Kastanienhof Agrar & Service

Weiterverarbeitet wird das Hanfstroh in den Niederlanden bei der Firma HempFlax. Zunächst werden Hanffasern und das innere Holz getrennt. Wenn die Faser eine hohe Qualität aufweist, geht sie in die Textilindustrie. Längst gibt es Hemden, T-Shirts, Jeans und Hoodies aus Hanf. Kunden schätzen den angenehmen Tragekomfort, auch trocknet Bekleidung aus Hanf schneller als Baumwolle. Gängigster Absatzmarkt ist die Verarbeitung zu Dämmstoffen oder Pressplatten. Nachgefragt auch: als Zellulose-Ersatzstoff bei der Papierherstellung. „Hanfprodukte begegnen uns häufiger im Alltag, als wir denken“, sagt Röling-Müller und verweist auf die Verwendung in der Automobilindustrie. Hanfholz werde beispielsweise zu Tiereinstreu verarbeitet auf den Markt gebracht, aber auch im Baustoffbereich genutzt. Selbst Seile und Taue werden wieder zunehmend aus Hanffaser hergestellt. „So wie schon zu Zeiten von Kolumbus“, sagt der Maseler. Für ein Schiff wurden damals bis zu 100 Tonnen Hanffaser benötigt.

„Die gesamte Pflanze wird komplett verwertet“, so der Landwirt. Die Hanfnüsse, die reifen Samen, werden für Hanföle im Lebensmittelbereich verwendet. Reicht die Qualität nicht, wird Vogelfutter draus gemacht. Auch die Blätter können verwertet werden, sie enthalten Canabidiol (CBD) und haben als Tee eine beruhigende Wirkung, „keine berauschende!“, schiebt der Maseler hinterher. CBD werde unter anderem in der Pharmaindustrie nachgefragt.

Röling-Müller bedauert, dass der Hanfanbau viele Jahre verboten war. Dadurch sei viel Wissen verloren gegangen, das jetzt wieder langsam aufgebaut werde. Der Anbau sei genehmigungspflichtig und werde von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) überwacht. Bundesweit werde Nutzhanf mittlerweile wieder auf rund 5500 Hektar angebaut. „So selten, so speziell ist der Anbau dann doch nicht mehr“, sagt er.

„Wir haben den Anbau im Griff, die Erntemaschinen im Griff, jetzt ist die Entwicklung so weit, dass wir tatsächlich eine hochqualitative, hochaufbereitete Faser anbieten können“, so Röling-Mülller. Das wiederum stimuliere die Nachfrage. Er geht von einem weiter wachsenden Markt aus.

Nutzhanf als Paradebeispiel für eine umweltorientierte Landwirtschaft

Nachholbedarf sieht er noch in der Politik. Die neue Agrarförderung sehe einen Zuschuss von 130 Euro pro Hektar für Ölsaaten im Sommeranbau vor. Für den Nutzhanfanbau gibt es jedoch nicht einen Cent. Dabei könnte der Nutzhanf geradezu ein Paradebeispiel für eine umweltorientierte Landwirtschaft sein. So sieht es auch die VSE. Das Pionierprojekt habe ein enormes Potenzial und leiste einen großen Beitrag bei der Erschließung neuen, nachhaltiger und profitabler Geschäftsfelder.

Röling-Müller stimmt uneingeschränkt zu. „Hanf hat großes Potenzial in der Landwirtschaft und am Markt. Es ist die einzige Kulturpflanze, die ich kenne, die mit Herausforderungen des Klimawandels und mit den gesellschaftspolitischen Herausforderungen ohne Einschränkungen klarkommt“, so der junge Landwirt. „Eine perfekte Perspektive für die Zukunft“ - auch mit Blick auf die Reduktionsziele beim Pflanzenschutz.