Klinterklater

Dikjen-Deel: Ein nostalgischer Blick auf das Jugend-Ferienlager

| Lesedauer: 9 Minuten
Ferienzeltlager Dikjen-Deel Blick zurück in die Vergangenheit: Das Schüler-Ferienlager Dikjen-Deel mit den Holzbaracken und Zelten

Ferienzeltlager Dikjen-Deel Blick zurück in die Vergangenheit: Das Schüler-Ferienlager Dikjen-Deel mit den Holzbaracken und Zelten

Foto: Privat

Für seine Kolumne erinnert sich Braunschweiger Eckhard Schimpf an Dikjen-Deel, das Jugend-Ferienlager auf Sylt.

Merkwürdigkeiten gibt es! Gerade fuhr ich von meinem Sylter Ferienort Rantum nach Keitum zur „Büchertruhe“, da signalisiert mein IPhone eine Nachricht von BZ-Lokalchef Henning Noske. Seine Frage: „Könntest Du daraus eine Kolumne zaubern?“

Im Anhang fand ich den Hinweis auf das Buch „Die Geschichte von Dikjen-Deel“ und die Ankündigung einer Wiedersehens-Party am 2. Juli in Vechelde. Autor und Initiator: der Apotheker Hans-Jürgen Weich (73), den das Dikjen-Deel-Fieber offenbar bis heute nicht verlassen hat. Das Witzige: Minuten vor dieser Noske-Mail war ich gerade an Dikjen-Deel vorübergerollt, diesem Dünen-Tal südlich von Westerland.

Jahr für Jahr reisten bis zu 800 Jugendliche nach Dikjen-Deel

Dikjen-Deel? Der Name dieses Jugend-Ferienlagers auf Sylt löst noch heute bei vielen Menschen unserer Region eine Gefühlswallung aus. Denn zwischen 1948 und 1985 reisten Jahr für Jahr bis zu 800 Jungen und Mädchen nach Dikjen-Deel. Mehr als 20.000 insgesamt! Überwiegend Oberschülerinnen und Oberschüler aus Braunschweig, aber auch aus Helmstedt, Wolfenbüttel, Salzgitter.

Dikjen-Deel: Das war Teenager-Lifestyle von gestern.

Klar, dass ich kurz nach der Noske-Anfrage nach Dikjen-Deel abbog, dem Schild „Jugendherberge“ folgend. Vorbei an einem Kiosk namens „Zaubergeige“ stoppte ich in einer von sandigen Hügeln umgebenen Mulde, die mir unversehens vertraut erschien. Am Westrand zum Meer hin erstreckt sich ein vielleicht 80 Meter langer, einstöckiger Holzbau – die Jugendherberge. Nicht zu vergleichen mit der nach Erbsensuppe riechenden Bretterbude, die dort vor 60, 70 Jahren stand. Im Norden des Geländes Ballspielplätze und exakt aufgereiht etwa
50 Zelte. Blaue, graue, grüne, gelbe. Mit Schlafplätzen für jeweils 20,
25 Kinder. Genau wie einst.

Horden von Braunschweigern schwirrten umher

Ich wanderte umher. Die Brise vom Meer trug jenen betörenden Wildrosen-Duft heran, der so typisch ist für diese Sommertage, an denen es erst nach 22 Uhr dämmert. Damals, als hier Horden von Braunschweigern umherschwirrten, saßen Jungen und Mädchen – zuweilen eng umschlungen – auf den Dünenkämmen und schauten zu, wie die rotgoldene Sonne allmählich hinter dem Horizont im Meer versank. Diesen Anblick gibt’s ab und zu noch immer. Nicht nur von den Strand-Kneipen aus wie „Sansibar“ oder „Strandmuschel“.

Als ich 1956 erstmals in Dikjen-Deel war, erwachte meine Sylt-Zuneigung. Sicher 40 Mal (vielleicht öfter) ruckelte ich seitdem schon per Autozug ab Niebüll auf diese schmalhüftige Düneninsel zwischen Wattenmeer und Nordsee. Manchmal zu mehrwöchigen Ferien – wie schon in den 1960er-Jahren, als noch Gunther Sachs mit Brigitte Bardot auf der Harley zu „Fisch-Fiete“ donnerte.

Manchmal nur für wenige Tage wie 1976, als ich das Sylter Flugplatzrennen fuhr, oder 1997, als ich in ruhigen Novembertagen ein Buch fertig schrieb, und wir in Archsum mal wieder das Galeristen-Ehepaar Rolf und Henny Schmücking besuchten, die für Gäste aus unserer Stadt stets die Braunschweig-Fahne hissten. Sylt: diese flirrende Luft, die auf der Haut prickelnde Frische, der weite Himmel, die 38 Kilometer langen Sandstrände, die stillen Wege am Watt – der Journalist Kurt Tucholsky schrieb mal: „Es gibt in Europa nichts Vergleichbares“. Das stimmt.

Der Sonderzug startete vom Bahnhof Gliesmarode aus

Ja, wie war das eigentlich in den 1950er-Jahren? Nun, Dikjen-Deel galt in Jugend-Kreisen keineswegs als gestrig, sondern war „toff“. Genau wie Rockmusik, Bluejeans und Petticoats, wie Bill Haley, Elvis Presley oder James Dean. Das sagt schon manches. Am Beginn der Sommerferien startete ein Sonderzug voller schnatternder Mädchen und Jungen gen Norden, in meiner Zeit vom Bahnhof Gliesmarode aus. Das Oberkommando (wenn man das so nennen will) führte damals der NO-Studienrat Bruno Pietsch, ausgestattet mit einer Stimme wie ein Nebelhorn und stets mit Südwester-Schlapphut auf dem Kopf. Eine Respektsperson, ähnlich wie später einer seiner Nachfolger, der heute in Schapen lebende Horst Schmidt.

1956 fuhr ich eigentlich nur nach Dikjen-Deel, weil meine Lyzeums-Freundin dorthin wollte. Zeltlager – das war gar nicht mein Ding. Mit den Lehrern in die Ferien fahren? Aber ich fand dann doch Gefallen an Dikjen-Deel; umgeben von vielen befreundeten Jungen und Mädchen und bekannten Lehrern wie etwa Otbert Krüger mit seinen Hockey-Kindern oder Herbert Rieck, der mal mein Klassenlehrer am MK war. Als mir dann 1957 (ich war inzwischen Gaußschüler) unser Jung-Lehrer Hennes Jäcker eines Tages auf der Treppe zurief: „Ich brauche Dich als Zelt-Captain in Dikjen-Deel“, da überlegte ich nicht lange und sagte zu.

Jäcker – das war ja damals eine Art Super-Star. Man muss sich das vorstellen: Jäcker war Torwart bei Eintracht (später sogar in der Bundesliga)! Und den hatte man nun als Lehrer. In Latein oder Sport. Er war der Einzige unter den Studienräten, der uns duzte und mit Vornamen ansprach. Er mied Anzüge und Krawatten, er war sympathisch und hörte unseren Sorgen zu – schließlich war er gerade mal schlappe sechs Jahre älter als wir. Und nun mit ihm in Dikjen-Deel!

Nein, wir mussten nicht pausenlos Fußball spielen. Er tolerierte auch, wenn wir Wattwanderungen schwänzten oder Besuche bei Vogelkundlern, wo wir lernten, die Pfeifente von der Krickente zu unterscheiden. Aber unerbittlich war er, wenn wir nicht mit ihm singen wollten. Singen – das war sein Ding. „Wenn die bunten Fahnen wehen“ oder „Wo die Nordseewellen trekken an den Strand“. Solche Lieder liebte er und griff in die Tasten seines Akkordeons.

Die Inselbahn, genannt „Käseschieber“, entgleiste

1956, bei meiner ersten Dikjen-Deel-Reise, geschah übrigens etwas Außerordentliches. Die Inselbahn, genannt „Käseschieber“ und zwischen List und Hörnum pendelnd, entgleiste an der Bahnstation Dikjen-Deel! Dieser bis 1970 verkehrende Bummelzug fuhr nie schneller als 40 km/h. Deshalb hatte freche Bubenhand auch an einen der Waggons gekritzelt: „Das Blumenpflücken während der Fahrt ist verboten.“ Eines Tages wehte die Kunde ins Lager, dass ein Zug voller Mädchen aus Hamburg nach Hörnum unterwegs sei. Drei meiner Mitschüler wurden sofort aktiv, planten einen Spaß. Sie wollten den Zug in Dikjen-Deel stoppen. Also legten sie Ziegelsteine auf die Weiche an der Haltestation Dikjen-Deel – vermutend, dass der Zug dann in jenes zweite Gleis einbiegen müsste, das vor einem Prellbock endete.

Doch das Ungeheuerliche geschah: Die Lok sprang aus den Schienen, fiel aber glücklicherweise nicht um. Auch kein Waggon. Niemand wurde verletzt. Aber nun tauchte die geballte Staatsmacht auf. Polizei, Bahnbeamte, Feuerwehr, Rettungstrupps – von einem Attentat war die Rede. Die erblassten Übeltäter waren schnell ermittelt, leugneten nicht und wurden umgehend heimwärts zu den alarmierten Eltern geschickt.

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Das „Zugunglück“ stand in den Zeitungen, hatte ein paar juristische Folgen, und der Klatsch darüber hält sich bis heute. Die drei „Attentäter“? Sie wurden später brave, honorige Bürger.

Natürlich wurde jeden Tag – auch bei grauem Himmel – im Meer gebadet. Etwas nördlich von Dikjen-Deel erstreckte sich „Abessinien“, der Nacktstrand – damals eine Sensation. Nicht selten hockten deshalb die Buben in den Dünen und schauten zu, wie ihre ranken, schlanken Klassenkameradinnen (17, 18, 19 Jahre alt) – das klitschnasse Haar schüttelnd – wie Aphroditen splitternackt aus den Wellen stiegen. Sie taten so, als sähen sie die Jungen gar nicht.

Lachend und schwatzend auf dem Donnerbalken

Frühe Dikjen-Deel-Fahrer werden sich an den „Donnerbalken“ erinnern. Mit Toiletten unserer Tage hatte das wenig zu tun. Es war eine überdachte, aber teilweise völlig offene Sitzreihe, auf der Jungen und Mädchen – natürlich streng getrennt – dicht nebeneinandersaßen. Oft lachend und schwatzend. So etwas war mir ein Gräuel, obwohl mich Hennes Jäcker belehrte, dass das „im alten Rom zu Cäsars Zeiten“ völlig normal gewesen sei. Dennoch wanderte ich lieber die vier Kilometer zur Friedrichstraße in Westerland ins Café Orth. Da bestellte ich – ohnehin ordentlich mit Taschengeld versorgt – für 1,80 Mark (glaube ich) Rührei mit Bratkartoffeln und konnte nötige Verrichtungen erledigen. Ja, auch das sind Dikjen-Deel-Erinnerungen.

Eckhard Schimpf erzählt jeden zweiten Sonnabend Geschichten aus seiner Heimatregion und über ihre Menschen.

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