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Braunschweiger Hirnforscher erklärt das Problem an Platitüden

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Foto: stock.adobe / Gajus

Martin Korte von der TU Braunschweig ist einer der bekanntesten deutschen Hirnforscher. Diesmal geht es in seiner Kolumne um Platitüden.

Auffällig in den letzten Monaten ist, dass Politik, Wirtschaft und auch Medien eine Sprach(un)kultur entwickelt haben, die geprägt ist von wolkigen Begrifflichkeiten. Es ist ein Sprachstil, der einen einseift und einfangen will, aber selten konkret wird. Löschschaum entzieht den Flammen den Sauerstoff und eine Handvoll überstrapazierter Wörter hat die gleiche dämpfende Wirkung auf die Denkfähigkeit von uns Menschen. Unsere Gehirne vernebeln sich im zielgerichteten Denken, wenn die Sprache mit Worten verstopft wird, die alle gut klingen, aber erstmal in sich keine Handlungsanweisung geben, da sie alternativlos sind. Es sind Worte wie „Innovation“, „Zusammenarbeit“, „Zweck“ (Purpose), „Geschlechtergerechtigkeit“, „Flexibilität“, „Diversität“ und „Nachhaltigkeit“. Sie finden sich auf den Websites von Beratern, auf den Lebensläufen von Bewerbern, auf den Webseiten der Stadt Braunschweig, wie auch meiner TU und in den Mündern von Wirtschaftsmanagern. Sie sind so wohltuend und einlullend, dass sie fast nutzlos sind – manche können sogar schädlich sein, denn es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass wenn Menschen meinen etwas Gutes getan zu haben, wie eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, sie danach sich auf ihrem unbewussten Gutsein-Schlechtsein-Befindlichkeitskonto sexistische Witze meinen leisten zu können oder gar reale Diskriminierungen.

Vor allem aber werden diese Wolken-wabernden Worte überall inflationär benutzt und sind allgegenwärtig – auch weil es so schwer ist, gegen sie zu argumentieren. Wer möchte wirklich die Person sein, die für Arbeiten ohne Zweck plädiert? Welche Führungskraft sehnt sich insgeheim danach, Leiter der Abteilung Stagnation (Chief Stagnation Officer) zu sein? Ist es überhaupt möglich, Ziellosigkeit als Ziel zu haben? So wie der Philosoph Karl Popper die Falsifizierbarkeit (eine wissenschaftliche Theorie ist nur wertvoll, wenn sie so formuliert wird, dass sie prinzipiell auch widerlegbar wäre) zu einem Test dafür machte, ob eine Theorie als wissenschaftlich bezeichnet werden kann, ist die Antonymie, also das Vorhandensein eines Gegenbegriffes, ein gutes Mittel, um herauszufinden, ob eine Idee überhaupt einen Wert hat. Der kategorische Imperativ wäre es, auf ein Wort zu verzichten, wenn es zu schwammig ist, um wirklich hilfreich zu sein. Es sei denn, sein Gegenteil (Antonymie) hat etwas, das es für den sparsamen Sprachgebrauch empfiehlt.

Die Wolkigkeit erstickt auch die Debatte

Schwammigkeit und das ist der Punkt hier, ist der Feind der Genauigkeit und des Nutzens. Ein Wort wie „Nachhaltigkeit“ ist so unscharf, dass es von einem langfristig denkenden Unternehmen bis hin zum Ende des Kapitalismus alles umfassen kann. Viele Zeitungsmeldungen könnten tatsächlich als nachhaltig gelten, weil sie immer wieder dieselben Ideen recyceln. Der Mangel an Präzision öffnet Tür und Tor für Effekthascherei und „Greenwashing“. Anfang dieses Jahres strich der Finanzdatenanbieter Morningstar 1200 Fonds von seiner europäischen Liste nachhaltiger Anlagen, nachdem er deren Prospekte und Jahresberichte mal genauer unter die Lupe genommen hatte. Die Regulierungsbehörden in Amerika und Europa bemühen sich, Standards für die Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen zu definieren, denn die Benutzung des Begriffes reicht hier nicht, um den CO2 Ausstoß zu reduzieren.

Die Wolkigkeit der Begriffe erstickt auch die Debatte darüber, ob man zu viel des Guten haben kann. Nehmen Sie zum Beispiel „Innovation“. Zu viel Innovation kann für Kunden abschreckend wirken. Eine kürzlich erschienene Arbeit von der Judge Business School der Universität Cambridge in England untersuchte die Auswirkungen der wahrgenommenen Neuartigkeit auf die Reaktion des Publikums auf Filme. Die Forscher stellen fest, dass es einen „Sweet Spot“ der Experimentierfreudigkeit gibt, bei dem die Filme so viele technische Neuheiten enthalten dass sie neugierig machen, aber nicht so radikal, dass sie die Erwartungen enttäuschen. In diesem Bereich zwischen „Home Alone 4“ und „Tenet“ liegen die wirklichen Chancen, Geld zu verdienen.

Hinter schwammigen Begriffen verbergen sich Kompromisse

Innovation kann auch Arbeitnehmer überfordern. Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, untersuchten kürzlich die Faktoren, die eine hohe Fluktuation in den Belegschaften von Unternehmen vorhersagen. Zu ihrer Überraschung stellten sie fest, dass Mitarbeiter eher Firmen wie Tesla und das Grafikkarten herstellende Unternehmen Nvidia verlassen, die ein hohes Maß an Innovation aufweisen. Die Autoren stellen die Hypothese auf, dass die langen Arbeitszeiten, die unsicheren (da innovativen) Arbeitsabläufe und der hohe Druck, die für innovative Kulturen typisch sind, zu einer höheren Personalfluktuation führen können. „Zusammenarbeit“ ist ein weiteres Wort, das eine genauere Betrachtung verdient. Sie kann wunderbar sein: Grenzen werden aufgelöst, Fachwissen und Ideen fließen. Aber Zusammenarbeit kann auch ins Uferlose führen. Sie bedeutet oft, dass immer mehr Personen an jedem E-Mail-Verkehr und jeder Besprechung teilnehmen. Sie kann die Entscheidungsfindung lähmen, da jeder, unabhängig von der Expertise und ob er selbst die Konsequenzen seiner Vorschläge umsetzen muss, seine Meinung einbringen kann. Und die Belohnungen, die sich aus der Zusammenarbeit ergeben, sind ungleichmäßig. So leisten Frauen immer noch einen unverhältnismäßig hohen Anteil an „nicht förderungswürdiger Arbeit“ – Aufgaben wie die Vertretung von Abwesenheiten anderer, die Organisation von logistischen Belangen und Mentoring für andere. Die Zusammenarbeit ist weit weniger attraktiv, wenn die Hilfe für andere bedeutet, dass weniger Zeit für die eigene Arbeit aufgewendet werden kann, die anerkannt wird – vor allem, wenn es an der Zeit ist, tatsächliche Beförderungen zu vergeben.

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Hinter vielen anderen schwammigen Begriffen verbergen sich auch echte Kompromisse. Hinter dem äußerst schwammigen Begriff „Zweck“ verbergen sich knallharte Fragen, wie Manager die Interessen mehrerer Interessengruppen ausgleichen sollten. „Flexibilität“ klingt wie ein Segen für die Arbeitnehmer, aber die Realität für die Arbeitnehmer, die mit kurzfristigen Änderungen des Zeitplans fertig werden müssen, sieht oft ganz anders aus. In der Oben genannten MIT-Studie wurde festgestellt, dass ein vergleichsweise regelmäßiger Zeitplan für Dienstgeschäfte und Arbeitszeiten sechsmal stärker zu mehr Bindung von Arbeitern an das Unternehmen führt als ein flexibler Zeitplan.

Eigenschaften wie Innovationsfähigkeit oder Kooperationsbereitschaft sind nach wie vor Qualitäten, die Unternehmen anstreben sollten. Aber dies ist kein Argument zu versuchen, Worthülsen durch weitere Anhängsel verständlicher zu machen. So ist es eine gute Möglichkeit, „Zweck“ noch lästiger und sinnentleerter zu machen, wenn man das Wort „intelligent“ davor setzt….. Aber es ist ein Plädoyer dafür, dass Manager – ja wir alle – schwammige Wörter mit Bedacht verwenden. Sie werden nicht verschwinden, aber sie müssen nicht die geistige Aktivität ersticken und noch wichtiger sind die gelebten Begriffe und Konzepte und nicht die gesagten Worthülsen. Vor allem müssen wir aufpassen, dass nicht wolkige Wörter im Kopf die zu wichtigen Konzepten gehörenden Gedanken im Gehirn ertränken.

Erfolgsautor Prof. Martin Korte („Wir sind Gedächtnis“) von der TU Braunschweig ist einer der bekanntesten deutschen Gehirnforscher. Er berät große Wissens-Shows im TV.

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