Krieg in der Ukraine

Verantwortliche in Braunschweig warnen vor Run auf Jodtabletten

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Kiew: Russische Armee besetzt Atomkraftwerk Saporischschja

Kiew- Russische Armee besetzt Atomkraftwerk Saporischschja

Die russische Armee hat nach Angaben Kiews das Gelände des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja besetzt. Die Streitkräfte hatten die Anlage in der Nacht angegriffen und dort einen Brand ausgelöst.

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Braunschweig.  In den Apotheken sind Jodtabletten bereits wieder ausverkauft. Es gibt dringende Mahnungen, nicht in Panik zu verfallen.

Experten kennen dieses Szenario schon. Verfinstert sich die Weltlage oder gibt es irgendein Ereignis rund um eine Atomanlage, dann setzt ein Run auf die Apotheken ein, um sich mit Jodtabletten einzudecken. Auch die Lage in der Ukraine mit Krieg und einem Brand auf dem Gelände des größten Atomkraftwerks Europas ist nicht dazu angetan, daran etwas zu ändern.

Auch in Braunschweig und im Land gebe es bereits keine Jodtabletten mehr in den Apotheken zu kaufen, teilt Bezirksapothekerin Ines Eder auf Anfrage der Redaktion mit. Und unabhängig von der tatsächlichen Gefahr könne man die Menschen nur davor warnen, jetzt in irgendeine Panik zu geraten: „Von einer selbständigen Einnahme zum jetzigen Zeitpunkt sollte man sie dringend abhalten.“

Das unterstreicht Braunschweigs Oberbürgermeister Thorsten Kornblum. Zwar zeigt er großes Verständnis für viele Sorgen und Befürchtungen, die aufgrund „unheimlicher Szenarien“ gerade die Menschen auch in Braunschweig bewegen.

Oberbürgermeister Kornblum: „Bitte auf die Experten hören und jetzt nicht darauf verfallen, panisch in die Apotheken zu laufen“

Dennoch seien Bund, Länder und Kommunen auch durch die Sicherheitsvorsorge für kerntechnische Anlagen bei uns vorbereitet: „Falls es zu einer solchen Lage jetzt durch den Krieg in der Ukraine kommen würde, was derzeit nicht der Fall und nicht absehbar ist, würden die unteren Katastrophenschutzbehörden im Auftrag der Landesregierung genügend vorhandene Jodtabletten freigeben“, so Kornblum.

Und sein dringender Appell: „Bitte auf die Experten hören und jetzt nicht darauf verfallen, panisch in die Apotheken zu laufen, so bedrohlich die Situation auch zu scheinen mag – und so unwohl man sich auch gerade fühlt“.

Dem kann die Bezirksapothekerin nur beipflichten. Sie unterstreicht, dass es im Falle eines Falles und nur dann vor allem auf den richtigen Einnahmezeitpunkt ankomme. Jodtabletten funktionieren nach dem Prinzip der sogenannten Jodblockade. Unsere Schilddrüse benötigt Jod, nimmt es ständig auf und baut es auch wieder ab. Entscheidend ist nun in einem möglichen Havariefall mit Fallout durch radioaktives Jod: Das über Tabletten eingenommene nicht-radioaktive Jod wird in die Schilddrüse aufgenommen – und blockiert damit das radioaktive Jod.

Doch auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an – und der ist nicht jetzt. Darauf verweisen alle Experten. Im Bundesumweltministerium heißt es dazu: „Nimmt man die Jodtabletten zu spät ein, dann kann radioaktives Jod zuvor von der Schilddrüse aufgenommen werden. Nimmt man die Jodtabletten zu früh ein, dann ist das zugeführte nicht-radioaktive Jod schon wieder ganz oder teilweise abgebaut.“ In beiden Fällen wirke die notwendige Jodblockade dann entweder gar nicht – oder nur vermindert.

Vorsorge getroffen: In Niedersachsen sind rund 25 Millionen Jodtabletten für den Katastrophenfall vorrätig

Auch Oberbürgermeister Kornblum macht klar, dass im Falle einer möglicherweise tatsächlich einmal erforderlichen Jodblockade die Ausgabe der Tabletten an die Bevölkerung von Land und Stadt organisiert und dann im gleichen Zuge auch über die richtige Form der Einnahme informiert werde. Zuletzt hatte das Bundesumweltministerium auch mitgeteilt, dass allein durch die räumliche Entfernung zur Ukraine nicht damit zu rechnen sei, dass eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich werden könnte.

In Niedersachsen sind rund 25 Millionen Jodtabletten für den Katastrophenfall vorrätig. Unabhängig davon können sie auch in der Apotheke gekauft werden, falls noch welche da sind. Es heißt, „eine schnelle Nachproduktion“ werde angestrebt, wie uns Ines Eder übermittelte.

Es gebe nur ein einziges hochdosiertes Präparat mit Kaliumiodid, es werde von einem österreichischen Hersteller produziert. Dies sei das einzige Arzneimittel, das bei radioaktiven Unfällen zum Einsatz kommen könne. Alle anderen Präparate, die bei Jodmangel angewendet würden, seien für die notwendige Jodblockade viel zu niedrig dosiert.

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