Angela Ittel soll neue Präsidentin der TU Braunschweig werden

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Angela Ittel (Mitte) mit Professor Lothar Hagebölling (Hochschulrat) und der kommissarischen TU-Präsidentin Katja Koch.

Angela Ittel (Mitte) mit Professor Lothar Hagebölling (Hochschulrat) und der kommissarischen TU-Präsidentin Katja Koch.

Foto: Sascha Gramann/TU Braunschweig

Braunschweig .  Zuletzt prägte sie die strategische Ausrichtung der TU Berlin. Nun will Ittel das Potenzial in Braunschweig ausschöpfen.

Die Vizepräsidentin der TU Berlin, Angela Ittel, soll neue Präsidentin der TU Braunschweig werden. Das haben Senat und Hochschulrat der TU am Mittwoch einstimmig beschlossen. Beschließt auch das niedersächsische Wissenschaftsministerium so, folgt Ittel auf Anke Kaysser-Pyzalla. Seit deren Ausscheiden führt Vizepräsidentin Katja Koch die TU kommissarisch . Die Professorin ist seit 2014 hauptberufliche Vizepräsidentin der TU Berlin.

Seit 2018 verantwortet Ittel dort die Bereiche Strategische Entwicklung, Nachwuchs und Lehrkräftebildung. Sie bezeichnet sich als „leidenschaftliche Wissenschaftsmanagerin“ und prägte zuletzt die strategische Ausrichtung der TU Berlin. Mit ihr sprach Michael Ahlers per Video-Interview.

Frau Professorin Ittel, aus Berlin nach Braunschweig: Was reizt Sie besonders am Wechsel an die Spitze der TU? Aus der Arbeitsgemeinschaft der neun großen deutschen technischen Universitäten „TU9“ kennen Sie die TU vermutlich ganz gut.

Was mich besonders reizt, ist gerade zu diesem Zeitpunkt das unglaubliche Potenzial. Ganz Deutschland hat mitgefiebert, als Braunschweig bei der Exzellenzinitiative zwei Cluster erhalten hat, alle waren voller Bewunderung. Diese Stärke und diese Aufbruchstimmung finde ich total spannend. Ich arbeite sehr gern mit Personen und Institutionen, die nicht abbremsen (lacht) sondern Dinge konstruktiv entwickeln.

Und das geht nach Ihrem Eindruck an der TU Braunschweig besonders gut?

Ich bin seit 12 Jahren an der TU Berlin und seit sieben Jahren dort im Präsidium. Ich will nicht sagen, dass ich die TU Braunschweig schon kenne. Aber mit der Kultur und der Haltung an einer technischen Universität fühle ich mich unheimlich wohl. Als ich an die TU Berlin gewechselt bin, haben mich die Leute schon gefragt: Was willst du da, als Psychologin? Aber die Art der Diskussion ist schon pragmatischer, zielorientiert. Das liegt mir sehr. Und warum Braunschweig? Es ist ein bisschen wie im Frühling, die TU Braunschweig bringt viele junge Pflanzen hervor, die aufblühen und groß werden können. Ich bin leidenschaftliche Wissenschaftsmanagerin und ich habe den Eindruck, dass die TU Braunschweig eine unheimlich tolle Uni ist und viel gemeinsam zu bewegen ist.

Sie haben sich an der TU Berlin um viele Dinge gekümmert, auch an Schnittstellen zur Politik. Wo lag in den vergangenen Jahren Ihr Schwerpunkt?

Zuletzt sicher in der Umsetzung der Exzellenzstrategie und seit 2018 in der strategischen Entwicklung. Und das betrifft ja beispielsweise die Erhöhung der DFG-Verbundforschung und die EU-Forschung, die Formulierung der Diversitätsstrategie, Nachwuchsförderung und Personalentwicklungskonzepte. Begonnen habe ich mit der Internationalisierungsstrategie, sicher einer meiner Schwerpunkte. Ich bin in den Netzwerken, wie der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Red.), der Hochschulrektorenkonferenz, in der TU9 sehr aktiv. Dadurch habe ich auch viel über Benchmarking gelernt und über andere Universitäten: Wie kann man sich vergleichen? Die Lehrkräftebildung darf man auch nicht vergessen, dafür bin ich auch zuständig. Da gibt es ganz ähnliche Themen, die wir bearbeitet haben, wie auch in Braunschweig. Gleichstellung und Chancengerechtigkeit sind ein weiteres großes Thema. Wir suchen zum Beispiel an der TU Berlin durch „Aktive Rekrutierung“, angesiedelt in der Stabsstelle Berufungen, international nach Professorinnen. Das ist sehr erfolgreich und sicher auch in Braunschweig umsetzbar.

Sie haben die Exzellenzstrategie des Bundes angesprochen. In Niedersachsen werden Hannover, Göttingen und eben Braunschweig als Hochschulen mit diesem Potenzial genannt. Sind das die Großen Drei?

Ja, das würde ich auch so sehen. Ich kenne die anderen Hochschulen in Niedersachsen auch, aber ich kenne Hannover und Göttingen am besten. Ich habe mir natürlich angeschaut, wo die Kooperationen sind. Da ist Hannover für die TU Braunschweig die stärkste Partnerin, gerade auch in den Clustern.

Ich freue mich aber auch darauf zu sehen, welche „hidden treasures“ (verborgene Schätze, die Red.) in den kleineren Hochschulen liegen. Der enge Schulterschluss mit den beiden Präsidenten in Hannover und Göttingen ist notwendig, damit man sich nicht das Wasser abgräbt bei der Exzellenzstrategie. Sondern schaut, wie man gemeinsam das Beste draus macht.

Dass alle drei Universitäten Exzellenz-Universitäten werden, ist auch vor dem Hintergrund der aktuellen Kürzungen des Landes unwahrscheinlich. Man muss sich gemeinsam stark aufstellen, auch in den Verhandlungen mit dem Land.

Meinen Sie bei Exzellenz die so ausgezeichneten Forschungscluster oder auch den Status als Gesamtuniversität?

Beides. Mit zwei erfolgreichen Clustern konnte man sich ja als Exzellenz-Uni bewerben, deshalb war ja die Aufregung in Braunschweig so groß. Es war auch ein fantastischer Antrag. Jetzt geht es aber zuerst darum, die Cluster weiterzuentwickeln.

Im Idealfall werden noch ein, zwei weitere Anträge entwickelt. Wir kennen die Förderbedingungen in der nächsten Runde aber noch gar nicht genau. Und Exzellenz ist zwar großartig, aber es darf nicht das einzige Ziel sein.

Sie haben es angesprochen: In Niedersachsen gibt es eine heftige Debatte über die Hochschulfinanzierung, weil das Land beim ohnehin langsamen Aufwuchs der Grundfinanzierung kürzt. Landeshochschulkonferenz und Bundesforschungseinrichtungen haben protestiert. Die LHK fordert in einem „Zukunftspapier“ einen Inflationsausgleich von drei Prozent des Sachmittelbudgets. Da kommen Sie doch in einer schwierigen Gemengelage nach Niedersachsen?

Mir ist signalisiert worden, dass noch nicht alle Gesänge gesungen sind. Ich werde nach meinem Amtsantritt sicher auch aktiv in die Verhandlung gehen. Es geht nicht ohne die Unterstützung des Landes, das ist meine Erfahrung auch aus der Berliner Exzellenzstrategie. Für neue Cluster werden Professuren nötig sein, es ist auch ein Problem, wenn Mitarbeiterverträge nicht verlängert werden können. Es kann nicht sein, dass der unterstützende Körper zerbröckelt, wenn auch das Land andererseits Exzellenz will. Das würde nicht zusammenpassen. Wenn das Land die Grundfinanzierung kürzt, muss es extra Töpfe geben. Das Land muss sich auch bewusst sein, dass eine solche Kürzung demoralisiert. Frau Koch (die kommissarische Präsidentin Katja Koch, die Red.) hat sich da ja bereits geäußert.

Andere Bundesländer, und zwar nicht nur das finanzstarke Bayern, unterstützen die Hochschulen wesentlich stärker. Hessen zum Beispiel hat einen vierprozentigen Aufwuchs beschlossen. In Niedersachsen müssen die Hochschulen offenbar weitgehend selber schauen, wie sie mit steigenden Sachkosten klarkommen.

Wie gesagt: Ohne Unterstützung des Landes geht es nicht, das zeigen auch internationale Gutachten und die Forderungen der Hochschulrektorenkonferenz. Noch bin ich in Kämpferinnenlaune (lacht). Ich bin aber auch sehr beeindruckt, dass Niedersachsen jetzt schon eine Evaluationskommission für die Exzellenzstrategien der Hochschulen eingesetzt hat. Das fand ich beachtlich, weil es jetzt ein sehr richtiger Zeitpunkt ist. Das gibt eine gute „Road map“ zur weiteren Planung

Jetzt haben die Hochschulen ja noch ein anderes Problem. Studieren zu Corona-Zeiten… da hatte man lange den Eindruck, so manche Hochschule mache sich einen schlanken Fuß. Eigentlich war meist von Schule die Rede – nach dem Motto, die Älteren kommen schon klar. Das dürfte aber allenfalls vordergründig stimmen. Die Studierenden sitzen vor dem Laptop zu Hause. Wie schnell kann und muss das wieder aufhören?

Die TU Braunschweig hat das hervorragend gemanagt. Da war es ja wichtig, klare Ansagen zu machen. Jetzt muss man darüber nachdenken, was das „new normal“ ist: Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie verändert sich die Institution Hochschule, wie das Leben auf dem Campus? An TUs findet ja viel Lehre in Laboren statt, das ist eine besondere Herausforderung in der digitalen Umsetzung.

Natürlich ist es furchtbar, wenn Kontakte und Sozialisation entfallen oder auf ganz andere Weise stattfinden. Man muss aber auch sehr gut zuhören, was die Studierenden wollen. Wir wollen, dass sie zurückkommen. Manche Studierende sagen aber laut Umfragen, digitale Angebote seien doch super, Familie und Beruf seien viel leichter zu managen. Wir wollen als Universität Identität schaffen und Bindungen, gerade auch für internationale Studierende. Das muss eine gesunde Mischung sein, oder vielleicht beides parallel. Das kann man sich nun eher vorstellen als noch vor einem Jahr.

Mit Ihnen ist wieder eine Frau an der Spitze der TU. Wie stark oder auch schwach sind Frauen in den Spitzenpositionen der Wissenschaft?

Es wurde gerade wieder eine Studie veröffentlicht, wonach nur gerade mal gut 20 Prozent Frauen an der Spitze deutscher Universitäten sind. Göttingen hat gerade einen Mann an ihre Spitze gestellt, in Hannover ist Volker Epping schon lange Präsident. Der TU Braunschweig steht das doch sehr gut zu Gesicht, eine Frau als Präsidentin zu haben.

Zur Person:

Die pädagogische Psychologin betreut als Vizepräsidentin die Bereiche Strategische Entwicklung, Nachwuchs und Lehrkräftebildung an der TU Berlin.

In ihre Zuständigkeit fiel unter anderem die erfolgreiche Bewerbung und die Tätigkeit als Vorständin der Berlin University Alliance (des Zusammenschlusses der Berliner Universitäten) in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. Ittel (geb. 1967 in Wetzlar) ist zudem ausgewiesene Expertin für Verbundforschung, wissenschaftlichen Nachwuchs, Diversität und Gleichstellung. Sie ist Mitglied in zahlreichen universitätsinternen und externen Gremien, so des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD, der Hochschulrektorenkonferenz und der TU9.

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