600 Mini-Rechner für ein Forschungshaus

Braunschweig  Wie wohnen wir in Zukunft? Das wollen TU und Nibelungen Wohnbau wissen – mit einem einzigartigen Projekt in Querum.

Sie sind kaum größer als eine Daumenkuppe, können recht alt werden und verbrauchen extrem wenig Strom: Die Rede ist von den Mini-Rechnern, mit denen in Querum jetzt ein ganzes Haus ausgerüstet wurde. 600 dieser Rechner arbeiten in den sechs Wohnungen – gut versteckt in Steckdosen, Lichtschaltern und Sensoren.

Von außen ahnt man nicht, was man hier vor sich hat: Das 50er-Jahre-Mehrfamilienhaus der Nibelungen Wohnbau GmbH fällt kaum auf. Drinnen aber sind Forschungswohnungen entstanden, die ihresgleichen suchen. Die Technische Universität Braunschweig und die städtische Wohnungsbaugesellschaft testen hier das Wohnen der Zukunft – unter realen Bedingungen.

Das Ziel: mehr Energieeffizienz, mehr Sicherheit, mehr Komfort

Ohne die 600 Mini-Rechner läuft da nichts. Projektleiter Harald Schrom vom Institut für Datentechnik und Kommunikation sagt es so: „Am besten ist doch die Wohnung, die alles selber macht.“ Und dafür braucht man die kleinen Helfer. Sie sollen für mehr Sicherheit sorgen, für mehr Energieeffizienz, Kostenersparnis und Komfort – und sie sollen ein langes eigenständiges Wohnen im Alter und bei Behinderung unterstützen.

Student Denis Shiyanov kennt sich mit den Details bestens aus. Er war mit dabei, als die Wohnungen hergerichtet wurden. „Das System steuert zum Beispiel eigenständig in jedem Raum Heizung, Belüftung und Licht“, sagt er. Entscheidend sind die Vorgaben des Nutzers: Wenn ich nach Hause komme, soll die Küche 21 Grad warm sein, das Schlafzimmer 17 Grad. Sobald ich die Wohnung verlasse, sollen automatisch alle Fenster geschlossen werden. Wenn ich aus einem Zimmer gehe, soll immer das Licht ausgehen. Wenn die Luftfeuchte zu hoch ist, soll das Fenster geöffnet werden. Die Waschmaschine soll nur dann laufen, wenn die geplante Photovoltaik-Anlage den meisten Strom liefert.

Schutz vor Stromfressern, Einbrechern und Vergesslichkeit

Das System prüft auch, ob es im Sommer bei Hitze die Klimaanlage startet, oder ob es energiesparender ist, die Jalousien herunterzulassen und das Licht anzumachen. Sensoren in jeder Steckdose messen, wie viel Strom einzelne Geräte verbrauchen, und informieren den Nutzer. Andere Sensoren melden Feuer, Wasserschäden und Einbrecher. Und wenn jemand an der Tür klingelt, flackert zugleich das Licht – eine Hilfe für schwerhörige Bewohner. Über Sensoren lässt sich zudem registrieren, ob ein Bewohner stürzt, so dass im Notfall sofort Hilfe gerufen werden kann.

Vorm Verlassen der Wohnung wird man über ein kleines Display an der Tür auch daran erinnert, wichtige Medikamente einzunehmen und zu prüfen, ob der Herd aus ist. Außerdem kann man dort einstellen, ob die Wohnung in den Urlaubsmodus gehen soll – dann fahren zum Beispiel die Rollläden zu bestimmten Zeiten rauf und runter oder das Licht geht an und aus.

Die Mini-Rechner organisieren all das und noch viel mehr dank einer Software, die sonst nur in der Luft- und Raumfahrttechnik zum Einsatz kommt. Sie sind alle über ein einziges Kabel miteinander verbunden. So ist ein großes Netzwerk entstanden, das nun genau unter die Lupe genommen wird.

Studenten testen die Technik im Alltag und verfeinern sie

Die Projektpartner wollen das System im Alltagsbetrieb testen und weiterentwickeln. Wie Projektleiter Harald Schrom erläutert, wohnen in den sechs Wohnungen Studenten jeweils für einige Monate. Die ersten sind schon eingezogen. „Viele neue Möglichkeiten sieht man erst, wenn man mit der Technik arbeitet – und zwar nicht im Labor, wo man schnell mal etwas übersehen kann, sondern unter realen und normalen Bedingungen“, sagt er. Die Studenten probieren also alles aus, verfeinern die Technik und lassen sich neue Anwendungen einfallen.

Etwas Besseres kann sich Rüdiger Warnke, Geschäftsführer der Nibelungen Wohnbau, kaum wünschen. Er will wissen, wie er seinen Mietern noch mehr Sicherheit und Komfort bieten kann. „Quadratisch, praktisch, gut – das reicht nicht mehr“, sagt er. „Eine Wohnung muss heutzutage mehr bieten.“

Schon seit Ende 2015 betreibt das Unternehmen daher zusammen mit der TU und der Medizinischen Hochschule Hannover eine Musterwohnung im Heidberg. Dort geht es speziell darum, über Sensoren Daten zum Gesundheitszustand der Bewohner zu erfassen, um bei Bedarf Ärzte und Pfleger zu informieren. Das Forschungshaus in Querum ist nun der nächste Schritt.

Besonders wichtig ist Warnke, dass Laien die Technik leicht bedienen können. Was das bedeutet, ist klar: Nicht nur die 600 Mini-Rechner werden jetzt auf die Probe gestellt, sondern auch die Studenten in ihren Laborwohnungen. Auf ihr Wissen und ihre Experimentierfreude kommt es an.

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