Wolfsburg. Kilian Mrozek (21) fährt bald für die lebensrettende Stammzell-Entnahme der DKMS zur Uniklinik Dresden. Der Heiligendorfer erzählt seine Geschichte.

Keine zwei Stunden, nachdem der Wolfsburger unserer Zeitung seine Geschichte erzählt hatte, kam die mit Spannung erwartete Information in Form einer E-Mail: Kilian Mrozek aus Heiligendorf ist der passende Stammzellspender für einen Menschen, der an Blutkrebs leidet! Schon Mitte Oktober ist es so weit – und bis dahin muss der junge Mann gut auf sich aufpassen.

Denn der 21-Jährige ist nun so etwas wie die Lebensversicherung für den ihm unbekannten Menschen, der an Leukämie erkrankt ist, die unbehandelt tödlich verläuft. Kilian Mrozek muss nun darauf achten, dass er sich in den nächsten Tagen bis zur Fahrt nach Dresden, wo am Universitätsklinikum die Stammzell-Entnahme stattfindet, beispielsweise keine Erkältung einhandelt, die den Eingriff gefährden könnte.

Junger Wolfsburger ist rettender genetischer Zwilling für Blutkrebspatient

Doch der junge Mann ist zuversichtlich und voller Vorfreude, dass er nun tatsächlich mit seinem Blut zum Lebensretter werden kann. Am Donnerstagmorgen hat er unserer Zeitung daheim im Wohnzimmer erzählt, wie es dazu gekommen ist. Zu dem Zeitpunkt war er aber noch einer von mehreren potenziellen Spendern der DKMS, bei denen anhand von Voruntersuchungen noch geklärt werden musste, wer von ihnen nun tatsächlich am besten passt, bei wem es sozusagen matcht, wer quasi der genetische Zwilling des schwerkranken Patienten ist.

Ist das nicht ein Stück weit belastend? „Ich fühle mich richtig gut, ich habe mich gefreut, dass ich helfen kann“, erzählte Mrozek Donnerstagmittag am Telefon wenige Minuten nach dem Erhalt der entscheidenden E-Mail seiner Betreuerin von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei. Er klang fast noch etwas ungläubig: „Ich fahre da jetzt hin und spende tatsächlich!“

Heiligendorf ist Wolfsburgs Stammzellspender-Hochburg, auch diese drei Bewohner des Hasenwinkel-Orts haben vor Jahren schon Stammzellen für Leukämie-Patienten gespendet (von links): Christian Laufer, Fred Fensch und Hans-Werner Brandt. (Archiv)
Heiligendorf ist Wolfsburgs Stammzellspender-Hochburg, auch diese drei Bewohner des Hasenwinkel-Orts haben vor Jahren schon Stammzellen für Leukämie-Patienten gespendet (von links): Christian Laufer, Fred Fensch und Hans-Werner Brandt. (Archiv) © regios24 | Helge Landmann

Erkältung kurz vor Stammzellspende wäre für Wolfsburger Super-GAU

Dass eine Erkältung oder andere für ihn harmlose gesundheitliche Probleme seine Spende noch gefährden könnten, da macht sich Mrozek keine Sorgen, er sei sehr selten mal krank. „Ich soll natürlich so gesund wie möglich zur Entnahme ankommen. Wenn kurz vorher oder in Dresden noch etwas passiert, wäre das der Super-GAU“, ist sich der Heiligendorfer seiner Verantwortung bewusst, die er nun trägt. „Das wäre körperlich und psychisch Stress für den Patienten, der dringend auf die Spende wartet.“

Denn für Entnahme und Transplantation der lebensrettenden Stammzellen gibt es nicht viel Spielraum: Während Mrozek in wenigen Tagen streng nach Plan mit den Spritzen beginnt, die seinen Organismus zur vermehrten Stammzellproduktion anregen sollen, wird der todkranke Empfänger per Chemo auf die Spende vorbereitet: Das Immunsystem des Leukämie-Patienten wird heruntergefahren, damit der Körper die fremden Zellen möglichst gut annimmt.

Dass Mrozek gesundheitlich topfit ist und seiner Spende körperlich nichts im Weg steht, ist mittels Voruntersuchungen in der Uniklinik in Dresden sichergestellt worden, er wurde quasi vom Scheitel bis zur Sohle durchgecheckt, mit Ultraschall, Blut- und anderen Untersuchungen. „Ich weiß jetzt, was in meinem Körper so alles abgeht“, meinte er schmunzelnd.

Mein Blut geht sozusagen an der einen Seite raus und kommt an der anderen wieder rein. Was an Blut draußen bleibt, ist fast weniger als bei einer normalen Blutspende.
Kilian Mrozek, Heiligendorf, bereitet sich auf seine Stammzellspende für einen Blutkrebspatienten vor

Heiligendorfer sieht die Entnahme wie eine Blutspende - nur eben in Dresden

Ist der 21-Jährige nicht nervös, was ihn bei dem Eingriff wohl erwartet? „Bei mir erfolgt eine periphere Stammzellspende – das ist wie Blutspende, nur länger. Ob hier in Heiligendorf oder in Dresden, ist daher fast egal“, brachte er es locker auf den Punkt. Mit Blutspenden kennt er sich aus: Kurz nach seinem 18. Geburtstag hat der junge Mann, der sich auch als Aktiver in der Freiwilligen Feuerwehr Heiligendorf engagiert, erstmals beim DRK Heiligendorf-Hattorf gespendet.

Mrozek erklärte, wie die Stammzellspende abläuft: Nach der Anreise per Zug tags zuvor und Übernachtung im Hotel – die DKMS übernimmt sämtliche Kosten – muss er sich am 17. Oktober um 8 Uhr in der Uniklinik melden. Drei bis fünf Stunden dauere die Entnahme. „Mein Blut geht sozusagen an der einen Seite raus und kommt an der anderen wieder rein.“ Nachdem die Stammzellen daraus gewonnen wurden. „Was an Blut draußen bleibt, ist fast weniger als bei einer normalen Blutspende.“ Da sei es etwa ein halber Liter.

Im Einzelfall könne es auch passieren, dass er am Folgetag noch einmal spenden müsse, sagte Mrozek. Oder dass noch Stammzellen aus dem Becken entnommen werden müssen. Das wäre dann ein Eingriff unter Vollnarkose, für den er aber auch bereitstünde.

Der Empfänger kann theoretisch aus Amerika kommen oder ein anderer Heiligendorfer sein. Ich weiß es nicht.
Kilian Mrozek, Heiligendorf, ist als Stammzellspender für Blutkrebspatienten ausgewählt

Kuriose Häufung von Stammzellspendern in Wolfsburger Ortsteil

An wen der Heiligendorfer gespendet haben wird, erfährt er frühestens nach zwei Jahren – wenn beide es wollen. „Der Empfänger kann theoretisch aus Amerika kommen oder ein anderer Heiligendorfer sein. Ich weiß es nicht.“ Nicht einmal Geschlecht und Alter der schwer an Blutkrebs erkrankten Person kennt er. Apropos Heiligendorfer: Mit Kilian Mrozek werden es dann mindestens sechs Bewohner des Hasenwinkel-Orts sein, die schon Stammzellen gespendet haben – eine kuriose Häufung!

Mit dem Thema in Berührung gekommen war der junge Mann, als sich sein Vater Sascha Mrozek bei der DKMS als Spender registrieren ließ. Er selbst war da noch nicht 18, holte das später nach. Mitte September kam dann ohne Vorwarnung der Anruf von der DKMS in Tübingen, ob er noch als Spender bereitstünde. „Da musste ich gar nicht überlegen. Es hieß auch, dass es dringend ist. Das war ganz verrückt, das ging alles so schnell“, erinnerte sich. Dabei wollte er zunächst gar nicht ins Telefon gehen. „Es war eine Festnetz-Nummer, die ich nicht kannte.“ Jedenfalls wurde er sofort zu den Voruntersuchungen eingeladen.

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei

■ Die DKMS gGmbH, auch bekannt als Deutsche Knochenmarkspenderdatei, ist eine internationale gemeinnützige Organisation mit Sitz in Tübingen. Ihr Ziel: weltweit so vielen Blutkrebspatienten und -patientinnen wie möglich eine zweite Lebenschance zu geben.

■ Die DKMS wurde 1991 in Deutschland von Peter Harf gegründet und sorgt seither dafür, dass immer mehr Patientinnen und Patienten eine lebensrettende Stammzellspende erhalten. Derzeit sind mehr als 12 Millionen potenzielle Spender und Spenderinnen registriert. red

Fußball-Kameraden vom TSV Heiligendorf sammelten spontan für die DKMS

Damit die DKMS seinem Arbeitgeber – er arbeitet im örtlichen Supermarkt – den Arbeitsausfall nicht erstatten muss, sondern das Geld für den Kampf gegen Leukämie nutzen kann, hat Mrozek für die drei Tage Urlaub genommen – wie schon im September, als er zu den Voruntersuchungen in Dresden war. Er ist dankbar, dass seine Chefin ihm so kurzfristig Urlaub gab.

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Übrigens: Als seine Kameraden von der zweiten Herrenmannschaft des TSV Heiligendorf, wo er sich in seiner Freizeit als Fußballbetreuer engagiert, von seiner potenziellen Stammzellspende erfuhren, sammelten die Sportler spontan Geld für die DKMS. Kilian Mrozek freute sich: „Etwa 100 Euro sind schon zusammengekommen.“

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