IG-Metall-Chef Benites über Heimat, Homeoffice, VW und Corona

Wolfsburg.  Für den neuen IG Metall-Chef Flavio Benites ist eine zentrale Herausforderung, „vorhandene Jobs zu erhalten und neue zukunftsfähig anzusiedeln.“

Flavio Benites ist neuer Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg: „Die Mitglieder müssen sich in unserem Gewerkschaftshaus willkommen fühlen. Das ist für mich auch eine Frage der Architektur, die Attraktivität und Freundlichkeit ausstrahlen muss.“

Flavio Benites ist neuer Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg: „Die Mitglieder müssen sich in unserem Gewerkschaftshaus willkommen fühlen. Das ist für mich auch eine Frage der Architektur, die Attraktivität und Freundlichkeit ausstrahlen muss.“

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Lange nichts von der IG Metall Wolfsburg gehört? Ja, bei der größten deutschen Verwaltungsstelle der Metaller war nach der denkwürdigen Delegiertenversammlung vom 8. September Rütteln, Schütteln und Durchpusten angesagt. Aber diese Phase ist nun vorbei. Damals fiel die Spitzenkandidatin Ricarda Bier krachend bei der Wahl zur Ersten Bevollmächtigten durch. Ihr überraschend angetretener Gegenkandidat Flavio Benites siegte haushoch. Es war ein Putsch der Basis, der die mächtige Organisation schockte, aber letztlich auch Zeugnis ihrer selbstbewussten Mitglieder ist. Nun sprach Flavio Benites mit WN-Redakteur Thomas Kruse erstmals über eine schwierige Entscheidung und die Pläne für die Zukunft.

Hinter der IG Metall Wolfsburg liegen turbulente Monate. Wie würden Sie denn den Ist-Zustand im Gewerkschaftshaus beschreiben?

Die Organisation ist in der Struktur gesund. Das gilt auch für die Finanzen. Wir sind in den Betrieben gut verankert. Und – das ist besonders wichtig – wir haben hier eine Top-Belegschaft, die alles gibt.

Es gibt ja auch noch eine emotionale Ebene. Die Stimmung war seit dem Ausscheiden Ihres Vorgängers Hartwig Erb im Keller.

Wir blicken jetzt nach vorne. Es geht darum, die Idee und Praxis der Mitbestimmung innerhalb der Gewerkschaft unter Beweis zu stellen. Und das wollen meine Mit-Geschäftsführer Christian Matzedda und Matthias Disterheft und ich vorleben. Mir ist es wichtig, dass wir alle hier beteiligungsorientiert zusammenarbeiten. Das mag manchmal etwas länger dauern. Aber entweder schaffen wir es mit unseren Leuten zusammen oder gar nicht. Das ist die tagtägliche Botschaft, die wir unseren Kolleginnen und Kollegen senden möchten.

Könnten Sie das konkretisieren?

Es wird ganz konkret noch in diesem Jahr eine Klausur unserer Geschäftsstelle mit allen 45 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geben. Erst danach werden wir Veränderungen beschließen. Auch bei den Stellenausschreibungen wollen wir künftig mehr den internen Markt im Blick haben. Für die Geschäftsführung setze ich auf gleichberechtigte Arbeit auf Augenhöhe. Die Entscheidungsfelder werden sauber aufgeteilt.

Letztlich muss aber der Erste Bevollmächtigte die Verantwortung übernehmen.

Das ist natürlich so. Aber Christian Matzedda, Matthias und ich kennen uns schon lange aus der praktischen Arbeit bei Volkswagen. Das hilft uns jetzt ungemein. Aber mir ist ein weiterer Punkt wichtig: Das sind unsere Mitglieder. Die müssen sich in unserem Gewerkschaftshaus willkommen fühlen. Das ist für mich auch eine Frage der Architektur, die Attraktivität und Freundlichkeit ausstrahlen muss. Da wird sicherlich etwas passieren. Daran arbeiten wir.

Sie selbst scheinen ja ein sehr emotionales persönliches Verhältnis zur IG Metall zu haben.

Die IG Metall Wolfsburg ist meine Heimat in Deutschland. Ich fühle mich hier Zuhause.

Da trifft es sich ja gut, dass Sie nun die Geschicke der Verwaltungsstelle an exponierter Stelle mitgestalten.

Damit habe ich natürlich nicht mehr gerechnet. Schließlich bin ich schon 58 Jahre alt.

Womit wir beim Thema wären. Für die Öffentlichkeit kam Ihre Kandidatur überraschend.

Ich habe im Vorfeld gemerkt, dass viele Kolleginnen und Kollegen die Erwartung hegten, dass ich Verantwortung übernehmen solle. In einer solchen Situation steht man vor der Frage: Was mache ich? Es geht im Kern um Intuition und Verantwortung. Und es geht auch um die Frage, ob man mutig genug ist, sich einer solchen Entscheidung zu stellen. Mir ist klar geworden, dass ich mich nicht hinter irgendeiner Ausrede verstecken kann, wenn meine Kandidatur von vielen Mitgliedern gewünscht wird. Man spürt die Rückendeckung. Und dann muss man sich auch offen mit der Frage einer Kandidatur konfrontieren lassen.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt?

Ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich mich nicht getraut. Meine Frau und meine beiden Söhne haben die Entwicklung mit großem Interesse verfolgt und mir früh signalisiert, dass sie hinter mir stehen. Mit ist auch klar, dass unser Privatleben unter meiner neuen Aufgabe leidet. Ohne diese Klarheit im Kopf und im Herzen, hätte ich mich nicht durchgerungen, tatsächlich anzutreten.

Mit einem ganz konkreten Problem werden Sie und Ihre Kollegen schon seit Monaten durch Corona und die Folgen konfrontiert.

Am Anfang, beim ersten Lockdown, waren wir alle geschockt. Bei der zweiten Welle waren wir in der Lage, schneller zu reagieren. Wir wollten nicht einfach alles absagen. Das betrifft das Gewerkschaftshaus, unsere Aktionen und die Bildungsarbeit. Uns ist auch wichtig, dass das Haus offen bleibt. Das ist innerhalb der IG Metall keine Selbstverständlichkeit. Andere haben komplett zugemacht. Wir vergeben auch Termine außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Wir wollen unseren Mitgliedern auch in dieser Situation die Leistungen geben, die sie erwarten. Zoom-Konferenzen helfen uns, den Puls des realen Lebens zu spüren.

Gibt es auch Entwicklungen, die Ihnen in diesem Zusammenhang Sorgen machen?

Eigentlich erreichen wir die Mitglieder auch jetzt gut. Was mir Sorgen macht, sind die Kolleginnen und Kollegen, die nun schon lange im Home-Office arbeiten oder in Kurzarbeit sind. Meine Befürchtung ist, dass wir da den menschlichen Kontakt verlieren könnten. Das müssen wir kompensieren – etwa durch Zoom-Konferenzen und viel Information, damit man sich mal wieder sehen kann.

Sie stammen aus Brasilien, arbeiteten als Rechtsanwalt für brasilianische Gewerkschaften und waren 1985 erstmals bei Volkswagen in Wolfsburg und die nächsten beiden Male dann 1991. Wie haben Sie das Werk als sehr junger Mann erlebt?

Ich war 22 Jahre alt, konnte kein Deutsch und war natürlich mächtig beeindruckt. Vor allem ist die Auffassung von Gewerkschaftsarbeit hier eine ganz andere als in Brasilien. Dort ist der Streik oder die Streikandrohung ein zentrales Instrument bei den Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern. Hier ist es die Mitgestaltung an Unternehmenszielen und -strategien und die Arbeitsbedingungen.

Vor knapp 30 Jahren sah die Volkswagen-Welt allerdings ganz anders aus als heute.

Das stimmt. Und ich staune heute noch, wenn ich mir meine Aufzeichnungen von damals anschaue. Damals arbeiteten etwa 63.000 Menschen in Wolfsburg bei VW. Drei Viertel davon in der Produktion, der Rest in den Büros. Schon vor 10 Jahren hatte sich das Verhältnis komplett gewandelt. Da arbeiteten drei Viertel der Mitarbeiter in den Büros und nur noch ein Viertel in der Produktion. Der Organisationsgrad der IG Metall lag damals und liegt heute bei rund 90 Prozent. Das ist erstaunlich und zeigt, dass die Gewerkschaft den Wandel mitgeht und ihn mitgestaltet. Wir waren in der Lage, die Angestellten in der IG Metall zu halten. Das geht nur, wenn sich eine Organisation auch selbst verändert.

Sind die Wolfsburger Metaller da die Speerspitze der Bewegung?

Es ist keine Selbstverständlichkeit, wie man bei der IG Metall im Süden Deutschlands sehen kann. Dort ist der Anteil der IG Metaller unter den organisierten Angestellten niedriger.

Es kommen ja in rascher Abfolge neue Zielgruppen dazu. Da geht es nicht mehr nur um Produktionsmitarbeiter oder Angestellte.

Wenn es der IG Metall nun auch noch gelingen sollte, die Entwicklungsdienstleister sowie die Softwareexperten, Programmierer und IT-Fachleute als Mitglieder zu gewinnen, wären wir für die Zukunft gut gewappnet.

Da hat die IG Metall bei Volkswagen ja ein breites Betätigungsfeld. Der Konzern stellt ja auch ganz neue Anforderungen an die künftige Belegschaft.

Mich stimmt die Entwicklung bei der neuen Car-Software.org sehr, sehr positiv. Wir sollten nicht vergessen, dass der Volkswagen-Konzern diese Arbeit und Leistung auch auf dem Markt hätte einkaufen können. Das eröffnet uns die Chance, zukunftsfähige und hoch qualifizierte Jobs hier anzusiedeln. Das ist die zentrale Herausforderung: vorhandene Jobs zu erhalten und neue zukunftsfähig anzusiedeln. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Batteriezellenfertigung erwähnen. Insgesamt zeigt sich, dass man bei Volkswagen dank des Zukunftspaktes und der Roadmap Digitalisierung und Transformation effektive vorbeugende Instrumente geschaffen hat.

Wie sieht es außerhalb der Volkswagen-Welt aus?

Wir als Gewerkschaft werden uns auf eine moderne Industriepolitik konzentrieren müssen. Da geht es vorrangig um Qualifizierung und auch um neue Arbeitszeitmodelle. Da sind wir in der Region sehr gut unterwegs. Dazu gehört es, die Mitbestimmung auf noch mehr Betriebe auszuweiten. Eine große Verwaltungsstelle wie die Wolfsburger ist da zweifellos in einer Sonderverantwortung. Da müssen wir mehr tun als bisher.

Was meinen Sie damit?

Es geht um die Zusammenarbeit mit den Kollegen der IG Metall in Braunschweig oder Salzgitter. Aber auch um die sehr segensreiche Plattform Allianz für die Region. Und es geht auch nicht nur um Volkswagen. Ich erwähne nur die Stahlindustrie. Wir brauchen ein festes Bündnis aus den Städten, der Landesregierung und dem Bund, um Einfluss zu nehmen – damit hier die Arbeitsplätze der Zukunft angeboten werden.

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