Corona-Krise in Wolfsburg – So gehen die Menschen damit um

Wolfsburg.  Ein halbes Jahr Corona-Krise – was bedeutet das für den Einzelnen? Unsere Redaktion hat sich in Wolfsburg umgehört.

Die Wölfe in der menschenleeren Porschestraße – sonst flanieren hier die Wolfsburger.

Die Wölfe in der menschenleeren Porschestraße – sonst flanieren hier die Wolfsburger.

Foto: LARS LANDMANN / regios24

Heute vor einem halben Jahr lernte Wolfsburg ein neues Wort: den Lockdown, die Massenquarantäne. Ab dem 16. März 2020 wurde das öffentliche Leben in der Stadt weitestgehend lahmgelegt. 184 Tage sind vergangen. Wir hörten uns in Wolfsburg um, wie die Menschen mit diesem Einschnitt zurechtgekommen sind, wie sich ihr Leben verändert hat und wie sie in die Zukunft blicken.

Sarah Langer – Reitlehrerin

Sarah Langer betreibt als Solo-Selbstständige eine private Reitschule im Reitstall der Familie Lucks in Waldhof bei Nordsteimke. „Ich bin selbstständig, alleinerziehend und baue gerade ein Haus – keine guten Voraussetzungen in der Coronakrise. Seit Anfang Mai konnte ich wieder Kleingruppen mit vier Schülern unterrichten, dank einer Sondergenehmigung der Stadt auch in der Reithalle, die wir dafür so weit wie möglich geöffnet haben. Wegen der kleineren Gruppen habe ich dafür mehr Stunden gegeben und mehr gearbeitet.

Auch für die Pferde bedeutete das mehr Arbeit. Seit Beginn des Schuljahres sind wir wieder einigermaßen im Normalbetrieb, weiterhin gelten aber Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen. Zuschauer sind bei uns nicht erlaubt, alle Schüler müssen Reithandschuhe tragen und man soll sich nicht länger als nötig auf dem Gelände aufhalten. Um es wirtschaftlich durch die Krise zu schaffen, habe ich die einmalige Soforthilfe für Kleinunternehmer in Höhe von 3000 Euro beantragt. Was ich toll fand: Die Eltern meiner Reitschüler habe ich um Spenden für den Unterhalt der Pferde gebeten. Fast alle haben etwas gegeben. Nun schaue ich positiv in die Zukunft.“

Andrea Haupt – Figurentheater Compagnie

Andrea Haupt betreibt mit Brigitte van Lindt die Figurentheater Compagnie. Beide sind freie Künstlerinnen, die zusammen die Bollmohr-Scheune angemietet haben. „Für uns begann die Coronakrise nach dem 11. März, da hatten wir unsere letzte Vorstellung auf Tournee. Danach haben wir bis zum 7. Juli nicht mehr gespielt. Wir haben 9000 Euro Soforthilfe vom Land und 5000 Euro von der Stadt Wolfsburg erhalten.

Diesen 14.000 Euro stehen allerdings die 55.000 Euro Gagenausfälle für die Zeit gegenüber, in der wir nicht spielen konnten. Damit waren die Hilfen ein Tropfen auf dem heißen Stein, zumal wir damit ausschließlich unsere Betriebskosten decken durften. Versicherungen, Lebenshaltungskosten, das mussten wir alles aus unserem Ersparten finanzieren. Normalerweise sind die ersten fünf und die letzten drei Monate des Jahres unsere spielstärkste Zeit. Was uns gerettet hat, waren neben den Geldern von Stadt und Land auch die Engagements im Sommer. Die Starthilfe Wolfsburg ist auf uns zugekommen und hat uns als Sponsor ermöglicht, in Kindergärten und Schulen zu spielen. Darauf folgte das Sommerfestival im Barockgarten. Grundsätzlich sind wir zwar Optimistinnen, aber mit Blick auf die Zukunft macht uns die Unsicherheit sehr zu schaffen. Wir haben zwar einen Spielplan, wissen aber nicht, ob wir die Vorstellungen werden spielen können. Schon jetzt hat eine kleine zweite Welle an Absagen begonnen. Man kann sich auf nichts verlassen. Corona wird uns erhalten bleiben. Aber: Aufgeben gilt nicht.“

Dagmar Wandersleb – Kita-Leiterin

Dagmar Wandersleb ist Leiterin der Kerkenkita in Ehmen: „Die Corona-Zeit war sehr herausfordernd. Mit dem Lockdown mussten wir zunächst schauen, wie wir mit der Situation umgehen. Niemand hatte dafür eine Blaupause. Es gab ständig neue Verordnungen. Das hat von allen eine hohe Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit verlangt. Zum Beispiel mussten die Betreuungsverträge für das neue Kindergartenjahr 20/21 alle per Telefon vereinbart werden.

Eltern und Kinder konnten sich unsere Kita nicht anschauen. Im eingeschränkten Regelbetrieb hat sich gezeigt, wie relevant der Erzieherberuf ist. Das kam mir in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu kurz. Manche Berufsgruppen standen völlig zurecht im Fokus. Erzieherinnen und Erzieher hingegen fanden kaum Beachtung. Seit Corona wird unser Beruf bei den Eltern deutlich mehr wertgeschätzt. Diese Wertschätzung wünsche ich mir von der Öffentlichkeit. Wir befinden uns noch immer in Corona-Zeiten. Es kann täglich passieren, dass Kitagruppen geschlossen werden müssen. Wichtig ist eine gute und transparente Kommunikation mit den Eltern. Mit Corona hat sich die Digitalisierung und Medienpädagogik stark verändert und wird noch wichtiger werden. Die Kitaleitungen haben viele Telefon- und Videokonferenzen abgehalten. Die Erzieherinnen konnten die Bildungsangebote zu den Kindern bringen und so mit ihnen Kontakt halten. Auf dem Gebiet muss aber noch deutlich mehr gemacht werden, was Ausstattung, Fortbildung für Erzieherinnen und Erzieher und ein stabiles Internet angeht.“

Michael Steiner – Vater von zwei Kindern

Michael Steiner aus Neuhaus, Vater einer Fünftklässlerin und eines Zweitklässlers: „Die ersten Monate waren eine Katastrophe. Die Lehrer meiner Kinder haben das Homeschooling ganz unterschiedlich gehandhabt.

Im Juni gehörten meine Tochter und mein Sohn dann zu den letzten, die wieder zur Schule gehen konnten. Mein Sohn hatte immer eine Woche Unterricht und in der nächsten nicht, meine Tochter jeden zweiten Tag. Das ist natürlich schwer zu organisieren, aber wir wussten ja: Bis zu den Ferien sind es nur vier Wochen. Dass jetzt wieder regelmäßig Unterricht stattfindet, war elementar wichtig für die Kinder. Wir sind froh, dass sie wieder Struktur haben. Aber ich frage mich natürlich auch: Wie läuft es, wenn die Klasse eines meiner Kinder in Quarantäne geschickt wird? In der nächsten Woche haben wir Elternversammlungen. Da werden wir das erfragen.“

Stefan Dupont – Pastor

Stefan Dupont ist Pastor im Christus Zentrum:„Als im März der Lockdown beschlossen wurde, hat uns das als Kirche schwer getroffen. Wir haben zwar sehr schnell auf Online-Gottesdienste per Videoplattform umgestellt, haben dadurch aber nicht alle Mitglieder erreichen können.

Nicht jeder hat die technischen Möglichkeiten und wir haben auch bald gemerkt, dass uns der persönliche Kontakt dabei fehlt. Als dann im Mai wieder Gottesdienste unter Auflagen möglich waren, standen wir als kleine Freikirche vor dem Problem, dass wir unter diesen Umständen in den von uns gemieteten Räumen viel zu wenig Besucher unterbringen konnten. Nun feiern wir jeden Sonntag um 10 Uhr öffentliche Gottesdienste in der Kirche St. Heinrich, die der Architekt Schmerschneider gekauft hat. Die Höhe des Raumes und das entsprechende Volumen vermindern das Risiko einer Ansteckung ganz erheblich, sodass wir auch das Singen gestatten. Uns liegt es sehr am Herzen in diesen Krisenzeiten Hoffnung und Halt zu vermitteln. Wir glauben, dass der lebendige Gott alles unter seiner Kontrolle hat. Er gibt uns Zuversicht und Perspektive in unserem Leben.“

Hendrik Wolf-Doettinchem – Bäckerei Cadera

Hendrik Wolf-Doettinchem, ist Geschäftsführer der Wolfsburger Traditionsbäckerei und -Konditorei Cadera: „Mitte März veränderte sich für uns von der einen Minute auf die andere sehr Vieles. Cadera musste die Gastrobereiche schließen, es gab Zutrittsbeschränkungen und jede Menge Fragen. Und das bei unterschiedlichen Regelungen in verschiedenen Städten und Landkreisen.

Durch den Lockdown mit Schulschließungen und ,Homeoffice‘ gingen die Kundenzahlen und Umsätze stark zurück. Insbesondere in der Wolfsburger Innenstadt war die Kundenfrequenz sehr rückläufig. Diese Situation bedeutete eine echte Herausforderung und jede Menge Arbeit: Produktion anpassen, Kredite beantragen, Planungen überarbeiten, Kurzarbeitergeld beantragen, mit unseren Mitarbeitern kommunizieren, Schutz und Hygienemaßnahmen durchführen, mit Vermietern verhandeln (eine der schwierigsten Tätigkeiten). Dank eines guten Teams und intensiver Kommunikation hat alles gut funktioniert. Unser Unternehmen ist zwar nicht unerheblich betroffen, aber wir konnten immerhin noch öffnen. Ab Mitte Juni trat dann langsam eine Normalisierung ein. Aber es wird ein langer Weg werden. Ich finde, dass alle Verantwortungsträger einen guten Job gemacht haben. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen es 60 bis 70 Tote pro 100.000 Einwohner gab (Spanien, USA, Großbritannien), waren es in unserem Land nur elf Tote. Da wurde also, bei allen berechtigten Einwänden, sehr viel richtig gemacht. Das System Kurzarbeit funktioniert sehr gut. Die Agentur für Arbeit macht da einen sehr guten Job. Es wird sich sicherlich vieles mit der Zeit neu ordnen und normalisieren. Aber mal kurz eine Fernreise planen, große Kulturveranstaltungen besuchen oder ohne Maske in der Tasche unterwegs sein, ist nicht möglich. Etliche Wirtschaftszweige werden noch längere Zeit existenzielle Sorgen haben. Eine neue Erfahrung ist, dass nicht immer ein persönliches Treffen oder eine Reise nötig ist, es gibt ja die Videokommunikation. Das funktioniert sehr gut. Ich habe Vertrauen in die Wissenschaft, dass schnell ein Impfstoff verfügbar bist. Bis dahin heißt es für vernünftige Menschen AHA: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske.“

Tim Fahse – Vorsitzender des Generationenvereins Raum zum Wachsen

Tim Fahse ist Vorsitzender des Generationenvereins Raum zum Wachsen in Hattorf: „Unser Haus der Generationen präsentiert sich in dieser Coronazeit von außen lebendig und sorglos. Es ist sehr hübsch, aber leider auch schrecklich ruhig hier.

Auf der Plantage wurden seit dem Lockdown alle Vereinsveranstaltungen ausgesetzt. Ein Gutes hat es: Alle Energie unseres engagierten Bau- und Reparaturteams fließt seit März ungestört in viele kleinere und größere Aktionen. Vom Regenparkplatz für Rollatoren, über frische Farbe am Haus bis zu einer neuen Freifläche für ein rollstuhlfähiges Bodentrampolin wurde in den letzten Monaten viel geschaffen. Aber was bedeutet das schon, wenn es niemand sehen und sich darüber freuen kann. Wann geht es wieder los? Können wir zusammen kochen? Gibt es das Generationenmittagessen wieder? Wie wäre es mit einem Pizzaabend? Es muss wieder losgehen. Ich treffe ja sonst kaum jemanden. Ich fühle mich so alleine. Das sind die Fragen und Sorgen von Menschen, die uns per Telefon oder über den Gartenzaun begegnen. Der Vereinsvorstand wird in den nächsten Tagen zu einem Termin einladen, in dem es darum geht, wie und ob Angebote coronakonform gestaltet werden können und wer helfen und konkrete Verantwortung übernehmen kann. Unser Vereinsziel ist es, möglichst viele Menschen zusammenzubringen. Das passt aktuell leider nicht wirklich gut zusammen.“

Sebastian Fork – Inhaber des Amselkaffees

Sebastian Fork, Inhaber des Amselkaffees, das er seit August 2018 in Hesslingen betreibt: „Wirtschaftlich hat uns die Coronakrise etwa ein halbes Jahr zurückgeworfen.

Wir sind ja noch relativ frisch dabei. Nach wie vor gilt bei uns die Abstandsregelung, weshalb die Tische im Innenbereich zwei Meter auseinander stehen. Dafür haben wir den Vorteil eines großen Gartens – viele Gäste kommen gerade deshalb zu uns. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass unsere Kunden sehr auf die Corona-Vorgaben achten. Sie sagen uns auch, wenn der Desinfektionsspender leer ist, oder, wenn jemand keine Maske trägt. Man merkt, dass die meisten Menschen sich noch nicht wieder hundertprozentig sicher fühlen beim Ausgehen. Während der Schließzeit haben wir einen Lieferdienst aufgemacht, über den wir unsere und die Waren anderer Wolfsburger Geschäfte ausgeliefert haben. Der wurde sehr gut nachgefragt, sowohl von Stamm- als auch von Neukunden. Das hat mir gezeigt, wie solidarisch die Menschen in Wolfsburg sind. Sie wollten einen Beitrag leisten – und wenn sie nur Bionade bei uns bestellt haben, die es ja auch in jedem Supermarkt gibt. Das hat uns auch finanziell geholfen, zusätzlich zu den Soforthilfen des Landes und der Stadt. Was das Geschäft betrifft, habe ich zwar noch etwas Bauchschmerzen, wenn ich in die Zukunft schaue. Aber ich bin auch hoch motiviert und freue mich darauf zu sehen, welche kreative Ideen andere haben. Wir bringen zum Beispiel einen Support-Kalender an den Start. Über den Kauf kann jeder die lokalen Geschäfte in Wolfsburg unterstützen. Dafür wird jeden Tag im Dezember ein Gutschein für eines dieser Geschäfte verlost.“

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