Corona im Altenheim: So war es für Wolfsburger Pflegekräfte

Wolfsburg.  Unruhige Bewohner, untergetauchte Hausärzte, und ständig klingelt das Telefon: Im Wolfsburger Awo-Heim herrschte nach einem Coronafall Stress.

Alexandra Postler (links) und Sabine Schalow arbeiten im Wolfsburger Awo-Pflegeheim Goethestraße in dem Wohnbereich, in dem ein Bewohner mit Covid-19 infiziert war.

Alexandra Postler (links) und Sabine Schalow arbeiten im Wolfsburger Awo-Pflegeheim Goethestraße in dem Wohnbereich, in dem ein Bewohner mit Covid-19 infiziert war.

Foto: Stephanie Giesecke

Ausnahmezustand herrschte im Frühjahr im Wolfsburger Awo-Pflegeheim. Nachdem bei einem verstorbenen Bewohner das Coronavirus entdeckt wurde, schrubbten sich die Mitarbeiter der Einrichtung in der Goethestraße buchstäblich die Hände wund.

Die Überraschung über den Coronafall im Wohnbereich „Lindenallee“ war groß: Der Mann, sagt Sabine Schalow, habe vor seinem Tod weder Fieber noch Krankheitssymptome gehabt. Die Pflegekraft hatte just an dem Tag Dienst, als das Testergebnis vom Gesundheitsamt kam. Danach ging alles ganz schnell: Noch am Abend seien die Pflegedienstleitung und die Heimleitung in den Wohnbereich gekommen. Die Mitarbeiter arbeiteten nun mit FFP2-Schutzmasken, begannen sogleich, stündlich Oberflächen wie Tische und Handläufe zu desinfizieren.

Das Wohnbereichsteam brachte die Ausnahmesituation Corona dichter zusammen

„Es war schon erschwerend, mit dem Mundschutz, dem Kittel und den Handschuhen zu arbeiten. Man kann sich nicht so bewegen“, erzählt Schalow. Für die Teams der verschiedenen Wohnbereiche wurden getrennte Umkleiden eingerichtet, die Hauswirtschaft wusch die Wäsche jedes Bereichs separat.

Das Team aber habe die Situation dichter zusammengebracht, erinnert sich die Wohnbereichsleiterin Alexandra Postler. Keine Dienstbesprechungen, kein Austausch mit Kollegen aus anderen Wohnbereichen, sogar die Küche stellte den Essenswagen nur noch in den Fahrstuhl. „Wir waren eine abgeschlossene Großfamilie“, so Postler.

Demenzkranke Heimbewohner hatten mit Schutzmasken wenig Probleme

In der „Lindenallee“ leben auch demenzkranke Senioren. Doch die hatten laut Postler und Schalow mit der Ausnahmesituation gar keine so großen Probleme, wie man hätte erwarten können. „Die Vermummung“ habe ihnen keine Angst gemacht, sagt Schalow. War ein Bewohner doch mal misstrauisch, trat sie einfach einen Schritt zurück und zeigte ihm das bekannte Gesicht hinter der Schutzmaske.

Schwierig, schildert Postler, sei der Umgang mit den „Läufern“ gewesen. Manche Senioren, die an Demenz oder Schizophrenie leiden, laufen von einem Zimmer zum anderen, legen sich auch mal in ein fremdes Bett. Ungünstig, wenn die Bewohner eigentlich Abstand voneinander halten sollen.

Unruhige Senioren: Ruhigstellen war für das Awo-Heim keine Option

In der „Lindenallee“ gab es drei dieser Bewohner. „Aber man kann auch keinen einsperren, das wäre Freiheitsentzug“, sagt die Wohnbereichsleiterin. Sie habe von Wolfsburger Heimen gehört, wo Läufer mit Medimanenten ruhiggestellt werden sollten. „Da haben wir uns gegen entschieden“, so Postler.

Für Stress sorgten die schlechten Nachrichten aus dem Hanns-Lilje-Heim, wo mehr und mehr infizierte Senioren starben. Auch die vielen Anrufe von besorgten Angehörigen, die in der Quarantänezeit keinen Zutritt hatten und sich immer wieder nach ihren Liebsten erkundigten. „Ich würde als Angehörige auch zweimal am Tag anrufen“, sagt Sabine Schalow. Doch die Telefonate kosteten so viel Zeit, dass man aus Sicht der Pflegekraft eigentlich eine Person nur dafür hätte abstellen können.

Corona in Wolfsburger Altenheim: Wo waren die Hausärzte?

Enttäuscht war Alexandra Postler von einigen Hausärzten. Während drei Ärzte 24 Stunden am Tag erreichbar waren, erschienen die anderen nach Schilderung der Wohnbereichsleiterin nicht mehr zur Visite und reagierten weder auf Anrufe noch auf Faxe. „Manche Hausärzte haben ganz schön dichtgemacht“, kritisiert sie. „Und beim hausärztlichen Notdienst war kein Durchkommen.“ Einmal habe sie drei Stunden vergeblich versucht, den Bereitschaftsdienst wegen eines Palliativpatienten zu erreichen, und am Ende einen Rettungswagen angefordert.

Für Aufmunterung sorgten dagegen Aufmerksamkeiten der Angehörigen und anderer Wolfsburger. Alkoholfreier Sekt, Körbe mit Süßigkeiten: Viele Menschen wollten den Pflegekräften die schwierige Situation etwas erleichtern. Toll fanden Postler und Schalow auch, dass in Zusammenarbeit mit dem VfL Wolfsburg sehr schnell Tabletcomputer für jeden Wohnbereich zur Verfügung standen, so dass Videotelefonate zwischen Bewohnern und ihren Angehörigen stattfinden konnten.

Auf eventuelle weitere Coronafälle sehen sich die Pflegekräfte gut vorbereitet

Aus Alexandra Postlers Sicht spricht es für die Mitarbeiter des Awo-Pflegeheims, dass sie alle Hygienemaßnahmen umsetzten und sich das Coronavirus nicht im Heim verteilte. „Da war die Leitung sehr stolz.“ Die Mitarbeiter hätten sich die Haut kaputtgewaschen und -desinfiziert.

Die größte Sorge der Frauen gilt nun den Urlaubsrückkehrern. Doch sollte es erneut zu einem Infektionsfall kommen, sehen sie das Wolfsburger Awo-Heim heute besser vorbereitet als zu Beginn der Corona-Pandemie. „Wir müssen uns dann keine Gedanken mehr über die Organisation machen“, sagt Sabine Schalow. Das Team hat es ja nun schon einmal durchgestanden.

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