Fallersleber Altstadtfest-Schläger sitzt wegen Gewalttat in Haft

Wolfsburg.  Er soll einen Taxifahrer verprügelt haben. Nur drei Wochen zuvor wurde er verurteilt, weil er seine Freundin beinahe totgefahren hatte.

Vor einer brennenden Mülltonne posiert R. in einem seiner Rap-Videos.

Vor einer brennenden Mülltonne posiert R. in einem seiner Rap-Videos.

Foto: Hendrik Rasehorn

„Fick das Bullenschwein, fick den Richter, fick den Staatsanwalt. Fick die ganze Justiz und fick die Haftanstalt.“ Mit Textzeilen wie diesen versucht sich der 27-jährige Wolfsburger R. an einer Karriere als Gangster-Rapper. Straßen-Kredibilität besitzt der glatzköpfige, bullige Mann fraglos. Er ist mehrfach vorbestrafter Gewalttäter, der auch davor nicht zurückschreckt, Polizisten brutal zu attackieren. Im Mai 2020 wurde R. zuletzt verurteilt, weil er Promille-Rausch seine Freundin bei einem Crash so schwer verletzt hatte, dass sie eine Querschnittslähmung erlitt. Drei Wochen später soll er erneut ausgerastet sein.

Taxifahrer erlitt schwere Verletzungen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigte Informationen unserer Redaktion, dass der 27-Jährige festgenommen wurde und in Untersuchungshaft sitzt. Am 1. Juni 2020 sollen R. sowie ein Mitbeschuldigter am Hochring in ein Taxi gestiegen sein. Beide waren wohl alkoholisiert und wollten nach Hannover kutschiert werden. Der Taxifahrer lehnte ab, es kam zum Streit, dann sollen R. und sein Begleiter zugeschlagen haben. Der Fahrer erlitt schwere Verletzungen im Gesicht. Obwohl die beiden Tatverdächtigen flohen, kamen die Ermittler schnell auf die Spur von R.. Die Staatsanwaltschaft ging nun auf Nummer sicher: Die Anklagebehörde beantragte einen Untersuchungshaftbefehl, den ein Richter genehmigte.

Sein Absturz in die Kriminalität ist ohne Beispiel und macht fassungslos angesichts der vielen Chancen, die ihm die Justiz eingeräumt hat. Verschiedene Beteiligte bemühten sich immer wieder, ihm den Weg auf die richtige Bahn zu weisen, Bewährungshelfer, das Kriminalpräventions-Projekt Street Life der Stadt und Beratungsstellen wie Männer gegen Männergewalt. Auch im Beruf hatte der Lackierer gute Perspektiven: Er gehörte zu den Besten seines Ausbildungsjahrgangs bei VW, durfte am Wörthersee-Golf mitschrauben, kam so 2014 sogar mit Prince Andrew bei dessen Besuch im Werk ins Gespräch.

Seine kriminelle Karriere begann mit 13

R.’s erster Auftritt vor dem Amtsgericht wegen Diebstahls war 2007, da war er 13 Jahre alt. Das Verfahren wurde eingestellt, ebenso wie kurz vor seinem 14. Geburtstag ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Ein Jahr später wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung und Diebstahl zu einem Freizeitjugendarrest verurteilt. Im Januar 2009 erhielt er eine richterliche Weisung, erneut wegen gefährlicher Körperverletzung.

Im August 2009 gab es die erste Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung: zwei Jahre, aber einmal mehr auf Bewährung. Im Dezember 2009 wurde er zu neun Monaten Jugendhaft auf Bewährung verurteilt. Er hatte einen anderen Jugendlichen genötigt, an einer Schlägerei teilzunehmen, wobei diesem die Nase gebrochen wurde.

Im Dezember 2013 stand er als Angeklagter vor dem Jugendschöffengericht und schrieb Justizgeschichte: Er war der erste Täter, gegen den in Wolfsburg ein Warnschussarrest verhängt wurde. Der Fall: Drei Mädchen wurden auf dem Altstadtfest in Fallersleben von zwei Fremden bedrängt, ein 28-Jähriger half ihnen. Die Mädels hatten zuvor Bekannte alarmiert – darunter den alkoholisierten R.. Als er den 28-Jährigen entdeckte, hielt er diesen für einen der beiden Fremden. Ohne Vorwarnung sprang er mit voller Wucht in den Körper des 28-Jährigen und brach diesem den 1. Halswirbel. Das Gericht verurteilte R. zu 21 Monaten Jugendhaft auf Bewährung.

Es folgten weitere Verurteilungen, so im März 2016 wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung zu acht Monaten Haft auf Bewährung – seine erste Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht. In Amsterdam wurde er zudem nach einer Körperverletzung verhaftet und erhielt eine Geldstrafe.

Einem Polizisten das Gesicht aufgeschlitzt, dem anderen die Nase gebrochen

Seine nächste Tat im September 2018 alarmierte Wolfsburgs Polizeichef Olaf Gösmann, der diesen Fall zum Anlass nahm, vor zunehmender Gewalt gegen Polizeibeamte in Wolfsburg zu warnen. Tatort war erneut das Altstadtfest Fallersleben. Zwei Polizisten trafen auf den alkoholisierten R. und dessen Freundin und hatten den Eindruck, er würde die Frau würgen und schlagen. Als sie einschritten, schlug R. dem einen Beamten mit einem Bierkrug ins Gesicht und fügte diesem eine 15 Zentimeter lange Wunde zu. Dem anderen Beamten brach er mit einem Schlag die Nase.

Bei seiner Festnahme drohte er den Polizisten: „Ich schlachte euch ab, ich töte euch.“ In seiner Hosentasche befand sich ein Einhandmesser. Seine Freundin mischte auch mit, beleidigte die Beamten, wurde später mit auf die Wache genommen. Dort schmierte sie mit ihrem Blut „ACAB“ („Alle Polizisten sind Bastarde“) an die Zellenwand. Im Prozess vor dem Amtsgericht am 26. September 2019 versuchte sie noch ihren Freund zu schützen. Trotzdem wurde R. zu 16 Monaten

Haft verurteilt. Zu dem Zeitpunkt ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen R. in einem Fall häuslicher Gewalt zulasten seiner Freundin.

Wäre R. damals sofort in Haft gelandet, hätte Schlimmeres verhindert werden können. Nur einen Monat nach der Verurteilung, am 24. Oktober 2019, baute er einen Autounfall auf der B188. Er und seine Freundin hatten Alkohol getrunken, trotzdem setzte er sich ans Steuer eines gemieteten Touran. Zwischen Weyhausen und Wolfsburg, wo Tempo 100 erlaubt ist, fuhr er 160, verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, das sich mehrfach überschlug. Beide wurden lebensgefährlich verletzt, die damals 23-Jährige war querschnittsgelähmt. Am 6. Mai 2020 wurde R. wegen fahrlässiger Körperverletzung zu 2 Jahren 8 Monaten Haft verurteilt.

Gegen seine Verurteilung durch das Amtsgericht im September 2019 hatte R. Rechtsmittel eingelegt, Anfang Juni wäre sein Prozess vor dem Landgericht Braunschweig gewesen. Die Berufung hat sein Anwalt zurückgezogen.

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