Wolfsburger Chefärztin: Deutschland hat viel Glück gehabt

Wolfsburg.  Im Interview: Bernadett Erdmann, Leiterin der Wolfsburger Notaufnahme, und die stellvertretende Klinikumsdirektorin Katrin Stary.

Das Klinikum Wolfsburg kehrt langsam zum regulären Krankenhausalltag zurück.

Das Klinikum Wolfsburg kehrt langsam zum regulären Krankenhausalltag zurück.

Foto: Michael Uhmeyer / regios24

Das Coronavirus hat das Leben der Menschen verändert. Vor besonderen Herausforderungen stehen die medizinischen Einrichtungen. Chefärztin Bernadett Erdmann und die stellvertretende Klinikumsdirektorin Katrin Stary erzählen im Interview, was die Pandemie für Wolfsburg bedeutet, warum jetzt mehr Menschen getestet werden sollten und wie die Stimmung im Klinikum ist.

Seit knapp zwei Wochen ist das Klinikum auf dem Weg zurück zu einem regulären Krankenhausalltag. Wie „normal“ ist der Alltag?

Stary: Als Normalität – so wie vor der Corona-Krise – empfinden wir und sicher auch unsere Patienten das natürlich noch nicht. Wir haben weiterhin strenge Hygieneregeln. Zudem gibt es eine Verfügung für die Aufnahmekapazitäten. Demnach müssen wir 20 Prozent, also etwa 100 unserer Normalpflegebetten frei halten und fünf intensivmedizinische Behandlungsplätze. Wir können aber wieder mehr elektive Patienten aufnehmen. Das freut uns hier im Klinikum alle, und dass ist für die Bevölkerung sicherlich auch spürbar.

Finden denn inzwischen schon wieder mehr geplante Operationen statt?

Stary: Ja, unsere Planungskalender sind für die kommenden Wochen gefüllt. Wir schöpfen unsere eigentliche Kapazität als Krankenhaus zu fast 80 Prozent aus und arbeiten daran, unser Angebot weiter zu erhöhen. Es sind dafür einige Hürden zu nehmen. Die zum Schutz der Gesundheit unserer Patienten und Mitarbeiter geltende Hygieneregelungen im Klinikum aufrechtzuerhalten, kostet sehr viel Einsatz. Aber da sind wir auf einem guten Weg.

Was sind denn im Klinikumsalltag die größten organisatorischen Schwierigkeiten? Es fängt ja schon am Haupteingang an, der ein Nadelöhr ist. Dort müssen alle, die ins Klinikum wollen, einen Fragebogen ausfüllen.

Stary: Die Eingangskontrolle gehört zu unserem Konzept dazu. Unsere Eingänge sind für die Patienten noch nicht wieder so geöffnet, wie es mal gewesen ist. Wir müssen weiterhin kontrollieren, wer zu uns ins Haus kommt. Alle Patienten, auch in den Ambulanzen, die bei uns behandelt werden oder zur Behandlung kommen, müssen den Fragebogen ausfüllen. Das führt natürlich auch mal zu einer Schlangenbildung. Dafür bitten wir um Verständnis. Wir arbeiten täglich daran, unsere Konzepte weiter zu optimieren.

Wie sind denn die Reaktionen der Patienten und Besucher? Müssen Sie die Maßnahmen oft erklären und begründen?

Erdmann: Aus unserer Sicht haben die Patienten ein großes Verständnis für die Maßnahmen. Es geht letztlich um den Schutz der Patienten selbst und der Mitarbeiter hier im Klinikum. Der Großteil der Menschen, die ins Klinikum wollen, hat verstanden, dass man einen Mund-Nasen-Schutz tragen muss, dass bestimmte Hygieneregeln einzuhalten sind, wie die Händedesinfektion, und das im Augenblick auch Besuche nur eingeschränkt möglich sind. Wir haben da relativ wenig Diskussionen. In besonderen Fällen haben wir auch immer Möglichkeiten für Besuche geschaffen. Es gehört auch zum Genesungsprozess eines Patienten dazu, dass Angehörige ihn besuchen können. Aber auch da ist die Herausforderung, die hygienischen Vorgaben des Robert-Koch-Instituts im Klinikum zu erfüllen.

Unterstützen Sie die Lockerungen für Besucher? Vor welche Probleme stellt Sie das im Klinikum?

Erdmann: Natürlich ist es verständlich, dass man bei einem längeren Krankenhausaufenthalt auch Besuch empfangen möchte. Es gibt dazu klare Vorgaben vom Robert-Koch-Institut, wie Kliniken mit solchen Regelungen umgehen sollen. Das bedeutet zum Beispiel, dass nur eine bestimmte Anzahl an Besuchern zugelassen wird. Für Niedersachsen wird ein Besucher pro Patient empfohlen. Außerdem werden bestimmte Besuchszeiten vorgegeben, damit nicht zu viele Besucher gleichzeitig im Klinikum sind und die Abstandsregelung eingehalten werden kann. Und es ist zu regeln, dass wir von jedem Besucher die Daten erfassen müssen, einschließlich der Zeit, wann er das Klinikum betritt und wieder verlässt. Diese Datenerfassung ist natürlich auch eine Herausforderung.

Frau Dr. Erdmann, Sie sind Leiterin der Zentralen Notaufnahme am Klinikum. Wie haben sich dort die Zahlen in den vergangenen Wochen entwickelt? Haben Patienten sich aus Angst vor einer möglichen Infizierung mit Covid-19 vielleicht nicht ins Klinikum getraut und dadurch Erkrankungen verschleppt?

Erdmann: Wir sehen im Augenblick keine Patienten bei uns in der Notaufnahme, bei denen wir das Gefühl haben, dass sie Krankheiten verschleppt haben. In Wolfsburg sind wir über das Notaufnahmeregister im Aktin-Forschungsprojekt mit vielen Notaufnahmen in Deutschland verknüpft und liefern täglich anonyme Daten an das Robert-Koch-Institut. Außerdem haben wir uns gerade an einer großen Studie mit universitären Notaufnahmen beteiligt. Zu sehen ist dabei, dass in ganz Deutschland während der Corona-Pandemie ein Fallrückgang in den Notaufnahmen zu verzeichnen ist. Das zeigt sich in allen Notfallaufnahmen über alle Altersgruppen und alle Ersteinschätzungskategorien hinweg. Die Zahlen in unserer Wolfsburger Notaufnahme zeigen, dass die Patienten mit Herzinfarkten und Schlaganfällen trotzdem gekommen sind. Bei den kritischen Patienten hatten wir also keinen Rückgang.

Aber?

Erdmann: Die Zahlen von Patienten mit Verletzungen, die man sich beim Fahrradfahren, beim Autofahren, beim Sport, bei der Arbeit zuzieht, sind sehr stark zurückgegangen. Das hat mit dem Lockdown zu tun. Wenn alle zu Hause bleiben müssen, keinen Sport mehr machen oder kein Fahrrad fahren, dann verletzen sie sich auch weniger. Zurückgegangen sind die Zahlen auch bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen, die sonst immer mal wieder in die Notaufnahme gekommen sind mit einer akuten Verschlechterung ihre Erkrankung. Die Theorie dazu ist, dass diese Menschen sich aufgrund ihrer Vorerkrankung sehr geschont haben, zu Hause geblieben sind, sich eher an die Regeln gehalten haben und somit keiner großen Belastung ausgesetzt waren. Deshalb sind die Akutereignisse nicht aufgetreten.

Die Stadt Wolfsburg hat Pläne, einen Coronatest-Drive-In einzurichten. Dabei fahren Patienten mit Symptomen im Auto vor, und durch das geöffnete Fenster wird ein Abstrich gemacht. Ist so ein Drive-In aus Ihrer Sicht wünschenswert und hilfreich?

Erdmann: Wenn man anfängt, Maßnahmen zu lockern, dann muss man mehr testen. Weil man sonst nicht mitbekommt, wenn irgendwo was neues passiert und Hotspots wieder auftreten. Von daher kann ich nur befürworten, breitflächiger zu testen. Je breiter man testet, umso sicherer kann man sein, ob es irgendwo wieder Fälle gibt oder ob man Ruhe hat und mit den Lockerungsmaßnahmen entspannt weiter machen kann. Aus epidemiologisch-medizinischer Sicht ist testen sehr sinnvoll. Denn: Der Anteil derer, die Covid-positiv getestet worden sind und keine Beschwerden oder Symptome hatten, ist relativ hoch. Wenn man mit solchen Testungen diese Menschen rausfischt, in Quarantäne bringt und damit Infektionsketten unterbricht, dann ist das ein Gewinn. Wer nicht weiß, dass er infiziert ist, läuft weiter durch die Gegend, kommt vielleicht als Besucher hier ins Krankenhaus und infiziert Patienten und andere Mitbürger.

Mein Hausarzt hat mir in dieser Woche noch einmal dringend mit auf den Weg gegeben, wie wichtig es ist, die Hygiene- und Abstandsregeln weiter einzuhalten. Haben Sie das Gefühl oder die Befürchtung, dass es durch die zuletzt erfolgten Lockerungen eine Nachlässigkeit bei den Menschen gibt?

Erdmann: Da braucht man nur einmal durch die Stadt zu gehen und zu gucken, wie die Abstände eingehalten oder ob Schutzmasken getragen werden. Da finden Sie die Antwort selbst. Der Ratschlag Ihres Hausarztes ist sehr berechtigt: Abstand ist das Eine und das Zweite sind die Hygieneregeln. Also in der Öffentlichkeit bei engeren Kontakten oder in Räumen die Masken zu tragen und Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen. Es muss nicht immer ein Desinfektionsmittel sein.

Befürchten Sie, dass es eine zweite Corona-Welle gibt?

Erdmann: Das wissen wir nicht. Bislang haben wir sehr viel Glück gehabt in Deutschland. Die erste Welle haben wir gut meistern können. Auch dadurch, dass wir gesehen haben, was in anderen Ländern passiert ist und Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten. Wenn wir merken, dass die Infektionszahlen hochgehen, werden die Politiker Entscheidungen treffen müssen, die Einschränkungen wieder zu verschärfen. Das hat ja offenbar funktioniert. In anderen Ländern sieht man, dass dort die Fallzahlen wieder ansteigen. Kann sein, dass das auch in Deutschland passiert. Warum sollten wir davon verschont bleiben?

Sie hatten zu Beginn der Corona-Krise darauf hingewiesen, dass die dringend benötigte Schutzausrüstung knapp werden könnte. Hat sich die Situation in Wolfsburg mittlerweile entspannt?

Erdmann: Für das Klinikum hat sich die Situation deutlich entspannt im Vergleich zu Beginn der Krise. Wir haben etliches an Schutzkleidung bekommen. In Wolfsburg sind wir auf einem guten Weg. Ich hoffe, dass es auch so weitergeht.

Seit mehr als zwei Monaten herrscht die Corona-Pandemie. Wie ist die Stimmungslage im Klinikum?

Stary: Es ist nach wie vor keine entspannte Situation. Durch die veränderten Hygieneregeln stehen wir jeden Tag vor einer großen Herausforderung. Wir müssen die Vorhaltungen für die geplanten Operationen aufrechterhalten und die Stationen entsprechend mit Personal besetzen. Es ist ein neuer Alltag an den deutschen Kliniken.

Erdmann: Und wahrscheinlich werden wir längere Zeit damit leben müssen. Wir gehen davon aus, dass wir Konzepte für die Versorgung unserer Patienten entwickeln müssen, die den ganzen Hygienerichtlinien standhalten. Das sorgt ein bisschen für Anspannung bei den Mitarbeitern, weil auch nicht immer alles perfekt ist vom ersten Tag an. Es ist aber toll zu sehen, dass die Mitarbeiter Ideen haben und diese weitergeben an die Einsatzleitung im Klinikum und die Geschäftsführung.

Ich erlebe es so, dass unsere Mitarbeiter in der Krise voll mitgezogen und weiter Spaß an ihrer Arbeit haben. Wenn man überlegt, was wir alles für Aktionen „gestartet“ haben: Mitarbeiter in anderen Bereichen einsetzen, Fitmachen für die Intensiv- und Notfallmedizin, wir fahren ja mit zwei parallelen Notaufnahmen, für die nicht-infektiösen Fälle und die Verdachtsfälle. Das ist schon eine Herausforderung für die Mitarbeiter, nicht mehr in ihren Teams zu arbeiten, von jetzt auf gleich in neuen Bereichen arbeiten zu müssen. Deshalb muss man auch ein großes Dankeschön an alle Mitarbeiter sagen: Egal, ob ärztlicher Dienst oder Pflegedienst, Transport, Reinigung oder Logistik.

Stary: Wir mussten immer wieder nachjustieren. Es gibt immer wieder neue Ansätze und Konzepte, die erforderlich sind, um die Verfügung vom Land umzusetzen. Von daher ist es ein unglaublicher Veränderungsprozess, den wir hier in der ganzen Zeit hatten und der uns weiter begleitet.

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