Wolfsburger Eltern ächzen unter Homeschooling

Wolfsburg.  Aufgaben hochladen, Erklärvideos finden, Drucker kaufen: Drei Wolfsburger Eltern berichten, wie der Schulunterricht zu Hause läuft.

Ob in Madrid oder in Wolfsburg: In der Coronakrise werden Eltern unfreiwillig zu Aushilfslehrern.

Ob in Madrid oder in Wolfsburg: In der Coronakrise werden Eltern unfreiwillig zu Aushilfslehrern.

Foto: Eduardo Parra / dpa

Seit zwei Monaten versuchen Wolfsburger Schüler, zu Hause Unterrichtsstoff zu bewältigen, den ihnen sonst ein Lehrer vermitteln würde. Ihre Eltern stellt das vor ungeahnte Herausforderungen. Zwei Mütter und ein Vater haben uns von ihrem neuen Schulalltag erzählt - anonym, weil sie befürchten, dass ihre Kritik auf die Kinder zurückfallen könnte.

„Ich glaube, ich bin auch Mathe- und Chemielehrerin geworden in den letzten Wochen“, sagt eine Wolfsburgerin. Ihre Kinder besuchen Gymnasien: Der Zehnjährige geht in die fünfte Klasse, die 14-Jährige in die achte Klasse. Beziehungsweise, sie gingen. Denn zurzeit läuft für sie in der Schule gar nichts, und die Mutter, selbst Grundschullehrerin, ist froh, dass ihre erste Klasse auch noch zu Hause sitzt und sie ihre Kinder unterstützen kann. „Sonst wäre es bei meinem Sohn recht schwierig mit den ganzen Aufgaben“ ahnt sie.

Der Fünftklässler erhält seine Arbeitsaufträge über eine digitale Plattform. Die Lehrer stellen sie zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Bearbeitungsfristen ein, manche schicken ein Erklärvideo mit, andere nennen nur eine Seite im Lehrbuch und die Aufgabennummer. „Der Überblick ist schwierig“, sagt die Wolfsburgerin. Hinzu kommen für sie nervige Experimente, für die erst einmal Material besorgt werden muss. Ihr Sohn und sie haben sich inzwischen angewöhnt, jede Aufgabe zu erledigen, sobald diese eingeht. „Dann ist es weg.“

Viel Stress hat eine fünffache Mutter anfangs sich selbst und ihren drei schulpflichtigen Kindern gemacht. „Dann habe ich gesagt: Wir machen, was wir schaffen“, erzählt sie. Trotzdem komme sie den halben Tag zu nichts anderem mehr als zu Schulischem. Während ihre sechsjährige Tochter für die Vorschule übt und die Jüngste das Haus auf den Kopf stellt oder der Katze Handcreme auf die Tatzen schmiert, druckt sie von den Lehrern auf der Plattform Its Learning eingestellte Aufgaben aus, hilft ihren älteren Kindern, die das Gymnasium besuchen, bei der Bearbeitung und lädt die Ergebnisse wieder hoch. „Die ersten Monate waren die Kinder extrem frustriert, die wollten nicht zu Hause lernen“, sagt sie. Ihr Achtjähriger tue sich immer noch schwer. „Das ist eine richtige Blockade.“

Der Vater eines elfjährigen Mädchens berichtet, dass seine Frau und er einen Computer für die Fünftklässlerin kaufen und einen Drucker anschaffen mussten. „Wir dachten, bis Ostern kriegen wir das irgendwie hin“, sagt er. Doch nach Ostern begann die Schule auch nicht wieder. Stattdessen, so der Wolfsburger, sei die „freudige Nachricht“ gekommen, dass eine Online-Plattform installiert wurde. „Meine Tochter war damit überfordert.“ Und nicht nur sie:. „Ich habe nicht einen Tag Kurzarbeit gehabt, meine Frau arbeitet auch“, erklärt der Mann. So gut die Eltern konnten, hätten sie sich erschlossen, wie die Plattform funktioniert. Eine Einweisung für Lehrer und Eltern wäre aus Sicht des Vaters besser gewesen.

Alle drei Eltern vermissen Videokonferenzen und Live-Unterricht. Die Grundschullehrerin beklagt, die Schule ihres Sohnes melde sich nicht einmal so regelmäßig wie vom Land vorgegeben. Und während ihre ältere Tochter eher froh sei, dass nichts stattfinde, würde sich ihr Sohn Formate wünschen, in denen Lehrstoff durchgesprochen wird. Sie stellt auch aus ihrer beruflichen Erfahrung fest, dass die Kinder in der Coronaisolation umso weniger Kontakt zueinander pflegen je jünger sie sind. Ihr Sohn „trifft“ seine Mitschüler höchstens beim Online-Spiel mit der Playstation.

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Die fünffache Mutter wünscht sich ebenfalls virtuellen Unterricht. „Zwei oder drei Livechats in der Woche würden die Kinder unglaublich motivieren“, ist sie sicher. Der Vater der Fünftklässlerin hält das allein deshalb für notwendig, damit die Kinder morgens wieder aus dem Bett kommen. „Nach so vielen Wochen muss da irgendwer mal eine Struktur reinbringen“, findet er. Außerdem kommen seine Frau und er bei der Vermittlung neuer Unterrichtsinhalte an ihre Grenzen. Für knifflige Erdkundefragen hat der Wolfsburger schon gemeinsam mit seiner Tochter recherchiert und Youtube-Filme angeschaut. Sinnvoller wäre es aus seiner Sicht, wenn Lehrer den Stoff in Videokonferenzen vermitteln.

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Alle drei Elternteile bewegt, dass das Homeschooling im eigenen Haushalt zwar fordernd, in anderen Familien aber vielleicht überhaupt nicht möglich ist. „Ich habe die Zeit und das Wissen, meinen Kindern zu helfen“, sagt die Grundschullehrerin. Doch für andere berufstätige Eltern sei es schwierig, und die Unterschiede zwischen starken und schwachen Schülern würden größer. Der Vater denkt an Eltern, die noch weniger Zeit haben als seine Frau und er oder mit der Technik überhaupt nicht zurecht kommen. Das berührt auch die Mutter von fünf Kindern: „Was machen andere Kinder?“, fragt sie. „Die sind aufgeschmissen!“

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Während seine Tochter sich die freie Zeit auf Netflix vertreibt, sorgt sich der Vater um ihre Schullaufbahn. Der Schulstoff müsse doch bis zum Abitur irgendwann nachgearbeitet werden, dann balle er sich vielleicht noch mehr, befürchtet er: „Ich habe ein bisschen Angst, dass unsere Kinder, die frisch auf das Gymnasium gekommen sind, irgendwann darunter zu leiden haben.“ Da es keinen Corona-Impfstoff gebe, werde es im nächsten Schuljahr ja wahrscheinlich so weitergehen wie jetzt.

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