VW erntet Shitstorm für Werbe-Sport – Agentur entschuldigt sich

Wolfsburg.  Ein Werbespot für den Golf 8 steht im Rassismus-Verdacht. Der Betriebsrat ist entsetzt. Die Werbeagentur entschuldigt sich schließlich.

Angeblich rassistische VW-Werbung

Angeblich rassistische VW-Werbung

Foto: Volkswagen AG/Instagram

Ein Werbeclip für den neuen Golf auf Instagram hat die vergangenen Tagen für weltweite Empörung gesorgt. Der Vorwurf: Der kurze Spot sei bei näherer Betrachtung offen rassistisch. Das Unternehmen zog die Werbung daraufhin zurück und entschuldigte sich auf Instagram. Der Betriebsrat fordert Aufklärung und Konsequenzen. Am Donnerstag meldete sich schließlich die verantwortliche Agentur Voltage/DBB in einer Stellungnahme zu Wort und bat ebenfalls um Entschuldigung.

„Wir können die Empörung und Wut als Reaktion auf das Video verstehen. Ganz ohne Frage: Das Video ist falsch und geschmacklos. Wir distanzieren uns davon und entschuldigen uns dafür. Wir werden aufklären, wie das passieren konnte – und Konsequenzen daraus ziehen“, heißt es dazu in einer Stellungnahme von VW. Und weiter: „Schon vor dem Hintergrund unserer eigenen Unternehmensgeschichte positioniert sich Volkswagen gegen jede Form von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Viele Initiativen im Unternehmen und in unserer weltweiten Belegschaft fördern Vielfalt, Integration und eine vorurteilsfreie Zusammenarbeit“.

Der ungelenke und vor allem völlig unverständliche Werbespot lief als sogenanntes Storyelement bei Instagram. Darauf zu sehen ist der neue Golf 8, der vor einem Haus steht. In das Bild ragt eine übergroße weiße Hand, die einen dunkelhäutigen Mann hin- und her schubst und in das angrenzende Haus bugsiert, über dem der Schriftzug „Petit Colon“ steht. Dann werden Buchstaben eingeblendet, die am Ende den Slogan „Der neue Golf“ bilden.

Ist das einfach nur ein schlechter Spot? Brisanz bekommt der Clip, wenn man ihn sich – wie es viele Twitter-Nutzer getan haben – Bild für Bild anschaut und auf alle Elemente achtet. Zwei weiße Hände schieben einen Farbigen durch die Szene, untermalt mit Flötentönen wie in einem Slapstick-Film. Kaum, dass der Farbige in den Hauseingang geschnipst wird, erscheinen erst die Buchstaben „G“, „E“ und „R“, danach „N“ und „E“ – „Neger“ setzen viele entrüstete Nutzer sozialer Netzwerken dies zusammen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine weitere Besonderheit des Clips Bedeutung: Wenn der Mann vor dem Eingang steht, spreizt die Hand den kleinen Finger, den Ringfinger und den Mittelfinger ab, und formt mit Zeigefinger und Daumen ein O. Dieses Zeichen ist vieldeutig – es kann eben einfach nur Schnipser sein. Oder auch, wenn die Hand hochgehalten worden wäre, das Okay-Zeichen. Rechtsextreme nehmen aber genau diese Geste, lesen das „O“ als „P“ – „WP“ – „White Power“ – „Weiße Macht“, ein rassistisches Schlüsselbegriff. Dies schrieb der Journalist Malcolm Ohanwe vom Bayrischen Rundfunk bei Twitter. Und wie heißt nochmal der Laden? „Petit Colon“. Das Petit Colon (Anmerkung: zu deutsch „kleiner Siedler“), ist ein Café im Theaterviertel in Buenos Aires, erklärt die Werber-Fachzeitschrift „Werben & Verkaufen“, weist aber darauf hin: Colon bedeutet im Englischen auch Dickdarm. Kann das denn alles Zufall sein? Wer fabrizierte diesen Clip? Und vor allem: Wie konnte bei VW so ein Spot durch die verschiedenen Stufen des Genehmigungsprozesses freigegeben werden?

Diese Frage stellt sich auch der Betriebsrat. In einer Mitteilung an die Belegschaft bezieht der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Bernd Osterloh so Stellung: „Ich schäme mich für diesen Spot – und da spreche ich sicherlich für die ganze Belegschaft. Der Videoclip ist widerlich und mit nichts zu entschuldigen. Er wird Volkswagen in keinster Weise gerecht. Der Betriebsrat verlangt eine vollständige Aufklärung zu den Verantwortungen hinter der Insta-Story. Außerdem ist uns folgende Feststellung wichtig: Unsere Belegschaft lebt Vielfalt und engagiert sich in so vielen Formen gegen Rassismus. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Jedes Jahr gibt es hier in Wolfsburg mit unserer Migrantenvertretung die Internationale Woche gegen Rassismus. Erst kürzlich haben wir uns an der Regenbogenflaggen-Aktion beteiligt. Wir haben den Namensentfall der Volkswagen-Halle für den AfD-Bundesparteitag vorangetrieben. Wir weisen mit unserer Rettungswesten-Aktion an den Toren auf das Schicksal der Geflüchteten im Mittelmeer hin. Daher hier eine ganz klare Ansage im Namen der Belegschaft: Alle, die sich wegen des Werbeposts zu Recht beleidigt oder angegriffen fühlen, haben unser vollstes Verständnis. Der Vorfall muss jetzt restlos aufgeklärt werden. Der Betriebsrat wird nicht zulassen, dass die Verantwortung für diesen Vorfall dauerhaft vom Top-Management nach unten abgeschoben wird.“

Wie hoch die Wellen Schlagen, verdeutlicht, dass am Donnerstag – also am Feiertag – Toby Pschorr, der Vorstandschef der Agentur Voltage, die für den Clip Verantwortung trägt, eine Stellungnahme veröffentlichte: „Wir entschuldigen uns uneingeschränkt für die Betroffenheit und Bestürzung, die dieses Post ausgelöst hat.“

Er bestätigte, dass das Voltage-Büro in Berlin den vielkritisierten Instagram-Post konzipiert und umgesetzt habe. Der Sport entspreche in keiner Weise dem ethischen und moralischen Anspruch unserer Agentur und habe bei vielen Menschen zurecht Empörung und Unverständnis ausgelöst, stellt Pschorr klar. „Ich bin entsetzt und zutiefst betroffen, wie so etwas in unserem Verantwortungsbereich geschehen konnte.“ Pschorr weist darauf hin, dass in der Agentur Menschen aus 28 verschiedenen Nationen und die Grundwerte unserer Kultur sind Kreativität und Menschlichkeit. Er kündigte an, die Agentur habe bereits begonnen, den gesamten Entstehungsprozess des Posts zu eruieren.

Allerdings will er seiner Agentur nicht gleich den schwarzen Peter zuschieben lassen, er will nicht ausschließen, dass auch ein „Zulieferer“ verantwortlich sein könnte. Gleichwohl droht er einem Verantwortlichen, der vorsätzlich fremdenfeindliche oder rassistische Inhalte erstellt hat – ob Mitarbeiter oder Externer – mit sofortiger Kündigung und rechtlichen Maßnahmen. Damit nicht genug: „Das gesamte Management Team und alle Mitarbeiter werden zum Thema Inklusion und Diversität zusätzlich geschult. Alle Freigabeprozesse werden geprüft und überarbeitet, damit so etwas nie wieder passieren kann.“

Volkswagen hatten seinen Werbeetat 2018 neu ausgeschrieben, DBB bekam den Zuschlag für die Region Europa, Naher Osten und Afrika, sowie Indien, Australien, Russland und Südamerika. Extra für VW wurde im April 2019 die Tochter-Agentur Voltage gegründet. Pschor, der seit 2012 den Kunden Volkswagen bei DDB betreut, wurde Vorstandssprecher. Zum Start öffnete Voltage 14 Büros mit 460 Mitarbeitern.

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