Wolfsburger Hausarzt zu Corona: „Jetzt ist eine tückische Phase“

Wolfsburg.  Dr. Christian Bekermann aus Wolfsburg berichtet über seine Erfahrungen mit Covid-19 in seiner Praxis und über die besondere Situation in Altenheimen.

Dr. Christian Bekermann hat als Hausarzt die Corona-Pandemie in seiner Praxis und in Altenheimen miterlebt. Er spricht im Interview über seine Erfahrungen.

Dr. Christian Bekermann hat als Hausarzt die Corona-Pandemie in seiner Praxis und in Altenheimen miterlebt. Er spricht im Interview über seine Erfahrungen.

Foto: Archivfoto: Regios24 / Helge Landmann

Dr. Christian Bekermann, seit 16 Jahren niedergelassener Hausarzt in Wolfsburg, hat die Corona-Pandemie nicht nur in seiner Praxis, sondern auch in diversen Altenheimen miterlebt. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen mit Covid-19 in den vergangenen Wochen, über die besondere Situation in Altenheimen, speziell in solchen wie dem Hanns-Lilje-Heim, in dem einzig und allein Demenz-Patienten betreut werden, sowie über die große Frage: Wie geht es weiter?

Herr Dr. Bekermann, Ende Januar haben Sie in einem Interview mit unserer Zeitung für „Grippeimpfung statt Corona-Panik“ plädiert. Steht diese Aussage noch?

Ja, an dem Grundsatz hat sich nichts geändert. Aber die Gefahr, die mit dem Virus verbunden ist, die Wucht, mit der es gekommen ist, und seine Auswirkungen, die konnte ich seinerzeit nicht ansatzweise absehen. Das hat sich ja doch ganz anders entwickelt, und da sind die Informationen aus dem Ausland - ich sage das jetzt mal, ohne Namen zu nennen – auch nicht ganz korrekt gelaufen. Sonst wären wir sicher besser aufgestellt gewesen. So war es am Anfang eine stürmische Phase. Wir wussten nicht, wie begegnet uns die Erkrankung, wie verläuft sie, kommt eine große Welle auf uns zu? Dazu kam: Die Schutzmaterialien waren knapp, teilweise gar nicht vorhanden. Ich habe heute doch erheblichen Respekt vor dem Krankheitsbild.

Wie würden Sie die Corona-Situation aktuell, also dreieinhalb Monate später, beschreiben?

Es hat sich alles normalisiert: Schutzmaterialien sind ausreichend vorhanden, und die Fallzahlen sind rückläufig. Der Alltag allerdings ist weiter völlig entschleunigt, weil viele Patienten noch Angst haben und die Hausarztpraxen nicht aufsuchen. So werden mittlerweile schwere Erkrankungen wie etwa Herzinfarkte verschleppt – und das kann natürlich nicht sein. Denn diese Erkrankungen machen dem Patienten in vielen Fällen mehr Schaden als eine potenzielle Corona-Infektion, die vor allem durch die Hygienemaßnahmen in ihrer Wahrscheinlichkeit mittlerweile deutlich zurücktritt. Viele Hausärzte haben zurzeit nicht nur extra Infektions-Sprechstunden, sondern auch ein eigenes Infektions-Sprechzimmer. Außerdem ist tatsächlich in den letzten zwei Wochen bei den Rachenabstrichen, die wir in unserer Praxis nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts bei jedem Patienten mit Husten, Fieber, Geschmacksstörungen oder Halsschmerzen machen, kein einziges positives Corona-Ergebnis mehr dabei gewesen. Was dabei auch interessant ist: Wir haben zurzeit kaum noch Patienten mit Husten oder Magen-Darm-Infekten, weil viele natürlich zu Hause sind und auch die Schulen lange geschlossen waren. Das Sozial Distancing macht da schon was.

Sie haben in dieser Zeit auch weiter Patienten in Altenheimen betreut, auch im Hanns-Lilje-Heim – wie haben Sie die Pandemie in diesen Einrichtungen erlebt?

Das war am Anfang ganz schwierig, weil wir nicht wussten, in welcher Form und vor allem mit welcher Sprengkraft uns das Virus dort in den Einrichtungen begegnet. Da läuft in so einem Heim alles ganz normal, plötzlich gibt es die ersten Bewohner mit Symptomen, dann gibt es einen ersten Toten, wir stellen fest, das ist Corona, und schon ist die ganze Einrichtung betroffen. Das war vorher gar nicht vorstellbar, und das konnte meines Erachtens auch niemand verhindern. In dem Moment wurden sofort in allen Heimen die Hygienemaßnahmen drastisch nach oben gefahren wurden, und es kamen die Besuchsverbote. Seitdem laufen die Bewohner in solchen Einrichtungen nicht mehr herum, es ist teilweise gespenstisch leer auf den Fluren - ein totaler Wandel. Aus meiner hausärztlichen Sicht ist das mittlerweile in allen Wolfsburger Heimen perfekt umgesetzt, Kompliment an alle Beteiligten. Aber das Ganze ist natürlich auch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden.

Nebenwirkungen – was meinen Sie genau damit?

Natürlich sind viele Bewohner sehr traurig, sie akzeptieren die Einschränkungen aber auch, wenn man mit ihnen spricht. Richtig verzweifelt sind jedoch teilweise die Angehörigen, die über Wochen nicht mehr in die Heime durften. Ich wurde oft gefragt: Haben Sie meine Mutter gesehen, wie geht’s ihr? Oder: Ich habe ein schlechtes Gefühl - können Sie mal nach meinem Vater schauen? Da begegnet uns doch tagtäglich sehr viel Not. Jetzt werden ja aber Konzepte erarbeitet, damit die Angehörigen die Patienten wieder besuchen können – natürlich alles standardisiert. Doch Vorsicht! Es ist gerade diese tückische Phase. Das Virus ist für uns etwas weggerückt, nun müssen wir wachsam, aufmerksam, vorsichtig bleiben, wenn es dann möglicherweise im Herbst wieder zurückkommt.

Halten Sie also einen Ausbruch, wie wir ihn Anfang März in dem Wolfsburger Altenheim hatten, erneut für möglich?

Wenn wir nicht aufpassen, ist das möglich: Ein Pflegeheim bleibt auch bei einer kleinen Sommerdelle immer hochgefährdet. Die Risikogruppen – Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen – müssen also weiter ganz stark im Fokus bleiben. Und dass Angehörige die Bewohner in den Arm nehmen oder mit nach Hause nehmen und wieder zurückbringen, das sehe ich noch ganz lange nicht. Helfen wird uns, dass die Menschen in den Einrichtungen jetzt separierter leben. Das, was wir eigentlich vorher immer in Altenheim wollten, dass die Menschen sich durchmischen, dass sie kommunikativ bleiben, dass Veranstaltungen stattfinden, dass es eben wie eine große Familie ist, das wird sicher auch weiterhin unterbunden werden müssen.

Ist dieses „Familiäre“ genau das, was im Fall des Hanns-Lilje Heims für diese unendlich schnelle Infektionskette mit so tragischem Verlauf gesorgt hat?

Demenzpatienten bedürfen einer ganz besonderen Zuwendung – und das Pflegepersonal muss entsprechend geschult sein. In Einrichtungen, in denen nur wenige Demenzkranke betreut werden, werden diese öfter als Belastung oder Störfaktor empfunden. In reinen Demenz-Heimen dagegen geht das Personal ganz natürlich, locker und fröhlich mit den Patienten um. Bisher war es so: Ging man in solche Heime, liefen die Bewohner durcheinander – oder man untersuchte einen Patienten, da ging plötzlich die Tür auf, und dann kam ein anderer Bewohner rein und lachte oder guckte halt einfach mal. Die demenziell Erkrankten sollten eben auf keinen Fall weggesperrt werden, sondern am besten gemeinsam reden, singen oder basteln. Das haben wir über viele Jahre gefördert.

Kann ein solch „lockerer Umgang“ in einer Station oder einem ganzen Heim für demenziell Erkrankte für Angehörige nicht befremdend wirken?

Selbstverständlich. Wenn man als Laie in so ein Heim geht oder auf so eine Station kommt und die Patienten sieht, die einen einfach ansprechen oder völlig distanzlos anfassen, dann ist das natürlich befremdend oder gar nicht zu begreifen. Trotzdem sage ich, wenn mich Angehörige von Demenzpatienten fragen, wo sie den Erkrankten idealerweise unterbringen sollten: Immer in solchen Schwerpunktstationen oder Schwerpunktheimen. Wir haben zum Beispiel so ein paar „Läufer-Patienten“, die immer ihre Runden gedreht haben, die Bilder an der Wand angeguckt, eventuell auch mal abgehängt haben – und die dann aber bei ihren „Wanderungen“ eben auch mal unter sich lassen. Das kann nicht immer sofort jemand vom Pflegepersonal sehen, und wenn ein Besucher dann so einen Pipi-Fleck auf dem Boden entdeckt, mag er denken: Oh Gott, was ist hier los? In einem Heim für Demente wird in solchen Fällen nicht geschimpft, sondern der Fleck einfach weggemacht – und wenn es wieder passiert, dann eben wieder. Das ist ein guter professionaler Umgang mit Dementen.

Wie haben Sie denn in dieser schweren Zeit die Pflegekräfte, insbesondere im so stark betroffenen Hanns-Lilje-Heim, erlebt?

Der Austausch war extrem intensiv. Es war ein ganzes Team von Hausärzten im Einsatz, wobei ich nur einen klitzekleinen Part am Anfang hatte. Die Kollegen waren sieben Tage die Woche rund um die Uhr erreichbar, sie haben ganz viele Visiten in Heim gemacht und gemeinsam mit dem Pflegepersonal für das Wohl der Patienten gekämpft. Das Krankheitsbild war speziell dort sehr diffus. Teilweise hatten die Patienten kaum oder gar keine Symptome, einige hatten Fieber, andere nicht, einige Atemnot, andere nicht – waren aber positiv im Abstrich und einen Tag später wie aus dem Nichts tot. Am Anfang hieß es, Corona sei eine schwerwiegende Lungenentzündung und alle müssten beatmet werden, heute wissen wir, dass die Gefäße eine große Rolle spielen - die Patienten bekommen Herz- oder Hirnstamminfarkte und versterben sehr schnell.

Das klingt ja nach einem zermürbenden Wettlauf gegen die Zeit…

Da musste tatsächlich keiner warten, wann kommt der Doktor ins Haus - das ist alles im Minutentakt entschieden worden. Und da ist auch niemand einsam gestorben. Die Patienten wurden alle ganz intensiv palliativmedizinisch betreut worden, ärztlich wie pflegerisch. Mehr Einsatz ging nicht - es war eine ganz große Leidensfamilie. Und wer eine Patientenverfügung hatte und danach in einem unabwendbaren Sterbeprozess nicht mehr beatmet werden wollte, der kam auch nicht mehr an die Beatmung - außer, wenn die Angehörigen es unbedingt wollten. Denn die Wahrscheinlichkeit, ab einem gewissen Alter von einer Beatmung wieder runterzukommen, wieder herunterzukommen, ist sehr, sehr gering. Hinzu kommt, dass der Tod bei einem teilweise jahrelang schweren demenziellen Krankheitsbild manchmal auch erlösend sein kann - für den Patienten und für die Angehörigen. Auch mit Letzeren gab es in den ganzen Wochen daher immer eine ganz intensive Kommunikation.

Und wie ist die Situation zurzeit im Heim?

Jetzt ist es ruhig – es ist praktisch einmal durchseucht. Aber es muss allen bewusst sein, dass man den Menschen dort eine todbringende Erkrankung bringen kann. Daher ist unser Credo: Wir müssen unsere Risikogruppen schützen. Wie weit wir da gehen wollen und welche Maßnahmen wir noch ergreifen müssen, wenn sich das Virus im Herbst vielleicht doch wieder massiver zeigt, das muss politisch und gesellschaftlich entschieden werden. Die Grippe ist eine saisonale Angelegenheit - nach Ostern ist die weg. Das ist bei Covid-19 anders.

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