Corona: Wolfsburger Hinterbliebene erheben Vorwürfe gegen Heim

Wolfsburg.  „Es war einfach unwürdig“, sagt die Tochter eines in der Corona-Krise Verstorbenen über das Hanns-Lilje-Heim. Die Diakonie Wolfsburg widerspricht.

Mehr als 70 Bewohner des Hanns-Lilje-Heims hatten sich mit dem Coronavirus infiziert, 45 von ihnen starben. Das Heim ist auf die Pflege schwer demenzkranker Senioren spezialisiert.

Mehr als 70 Bewohner des Hanns-Lilje-Heims hatten sich mit dem Coronavirus infiziert, 45 von ihnen starben. Das Heim ist auf die Pflege schwer demenzkranker Senioren spezialisiert.

Foto: Helge Landmann / regios24 (Archiv)

Hinterbliebene zweier coronainfizierter Bewohner erheben Vorwürfe gegen das Hanns-Lilje-Heim. Sie gehen in dieselbe Richtung wie die Anzeige eines Wolfsburger Anwalts, der sich nach den ersten der 45 Todesfälle in dem Heim an die Staatsanwaltschaft Braunschweig wandte. Der Jurist warf der Diakonie Wolfsburg unter Verweis auf Hinweise von Beschäftigten vor, pflegerische und hygienische Standards missachtet zu haben.

Eine 37-jährige Wolfsburgerin glaubt, dass ihr Vater noch leben würde, hätte er nicht vor der Ansteckung mit dem Coronavirus massiv abgebaut. Der 74-Jährige starb Ende März nach knapp zweiwöchiger Krankheit im Hanns-Lilje-Heim. In den sieben Monaten, die er in der Einrichtung lebte, verlor er nach Angaben seiner Tochter zehn Kilogramm Gewicht und baute von Woche zu Woche mehr ab, was ihrer Meinung nach auch an einer zweifelhaften Kombination dämpfender Medikamente lag.

Coronapatient nach einem Tag aus dem Klinikum entlassen

Sie hat ihren demenzkranken Vater Anfang März das letzte Mal gesehen. Von den Corona-Fällen in seinem Pflegeheim erfuhr sie nach eigenen Angaben über die Homepage der Stadt. „Ich wäre fast vom Stuhl gefallen“, sagt sie. Zunächst habe es vonseiten des Heims geheißen, ihr Vater sei nicht infiziert. Doch am nächsten Morgen, das war Mitte März, habe sie einen Anruf erhalten: Er sei im Krankenhaus. Bereits einen Tag später sei er entlassen worden.

Die Familie durfte nicht zu ihm, im Heim herrschte Betretungsverbot. Was die 37-Jährige erfuhr: Dass er stabil sei und auf eine Isolierstation komme, keinen Sauerstoff erhalten, aber auch nicht leiden werde. Dass es besser wäre, wenn er in seiner gewohnten Umgebung bleibe, und er nicht wieder zurück ins Klinikum könne. Nach Angaben der Wolfsburgerin hatte der 74-Jährige keine Patientenverfügung. „Theoretisch hätte ihm geholfen werden müssen.“

Kritik an Kommunikation des Hanns-Lilje-Heims

Der Vater einer 47-jährigen Wolfsburgerin ist ebenfalls im Hanns-Lilje-Heim gestorben. Ihre Mutter war am 11. oder 12. März das letzte Mal bei ihm, kurz vor dem Betretungsverbot. „Seitdem hat man von dem Heim gar nichts mehr erfahren“, sagt die Tochter. Die Familie habe immer nur die Auskunft erhalten, es gehe dem Vater gut. Am 30. März wurde sie darüber informiert, dass der 80-Jährige auf Corona getestet worden sei.

Zwei Tage später kam ihrer Schilderung zufolge am späten Vormittag die Nachricht, dass der Vater Husten habe und nicht mehr aufstehen könne. Um 17 Uhr war er tot.

Vorwurf: Todesursache war Morphium, nicht Corona

Soweit die Tochter weiß, starb er nach Gabe von Morphium. Sie vermutet, dass der alte Herr, der vorher schon gebrechlich war und an einer Herzinsuffizienz litt, an dem Opiat starb: „Ich glaube nicht, dass jemand innerhalb von sieben Stunden an Corona stirbt.“

Die Frau macht sich Vorwürfe. Sie fand es im Hanns-Lilje-Heim so unerträglich, dass sie ihren Vater im Gegensatz zu anderen Familienmitgliedern äußerst selten besuchte und ihn schließlich in einem anderen Heim anmeldete. Doch zum Umzug kam es nicht mehr.

Uringeruch, fleckiger Duschstuhl – „Er war eigentlich verwahrlost“

Beide Frauen haben Fotos gemacht von den Dingen, die ihnen im Hanns-Lilje-Heim negativ aufgefallen sind. Sie zeigen ein vereitertes Auge, verfilztes Haar, eine offene Hand-Wunde, Wollmäuse und schmutzige Schuhe, einen fleckigen Duschstuhl, Essensreste und eine Tablette auf dem Boden des Speiseraums. Die Töchter berichten von durchdringendem Uringeruch, Personalknappheit und ständig wechselnden Pflegekräften, die ihre Väter oft überhaupt nicht gekannt hätten, von fleckiger Kleidung, die am nächsten Tag wieder angezogen worden sei. Die 47-Jährige sagt, ihr Vater sei anfangs oft gestürzt und habe abends noch mit Blut im Gesicht beim Essen gesessen. Wunden habe ihre Schwester versorgt. „Er war eigentlich verwahrlost. Es war einfach unwürdig“, so ihr Urteil.

Die Familie der 37-Jährigen rief nach der Entlassung des kranken Vaters aus dem Klinikum jeden Tag im Hanns-Lilje-Heim an. Ein Videoanruf sei angeboten worden, aber nicht zustande gekommen, sagt die Frau. Als sich der Zustand verschlechterte, habe sie eine Heimmitarbeiterin am Telefon gebeten, seine Hand zu halten. Die habe entgegnet, sie laufe zwischen zwei Sterbenden hin und her. Die Todesnachricht kam Ende März.

Angehörige wenden sich mit Fotos an die Polizei

Zweimal hatte sich die 37-Jährige nach eigenen Angaben vor Ausbruch des Coronavirus an die Wolfsburger Heimaufsicht gewandt, um auf mangelnde Hygiene und Körperpflege aufmerksam zu machen. Ihre gesammelten Erfahrungen hat sie inzwischen zu Papier gebracht und die Niederschrift sowie Fotos Ende April bei der Polizei Wolfsburg abgegeben. „Ich möchte Gerechtigkeit“, sagt sie.

Die Diakonie Wolfsburg bezeichnet es als „sehr hart und auch befremdlich“, dass Hinterbliebene nach dem Coronaausbruch im Hanns-Lilje-Heim öffentlich Vorwürfe gegen sie richten.

Diakonie Wolfsburg nimmt das Team im Schutz

Das Team habe sich gerade auch in den vergangenen Wochen fast bis zur Selbstaufgabe im Heim für die Bewohner eingesetzt, heißt es in einer Stellungnahme des Heimträgers. „Gerade in den ersten Tagen nach dem Virusausbruch war es für alle Menschen, egal in welcher Institution sie tätig waren, eine neue, komplexe und herausfordernde Situation, die sich nicht vorab trainieren lässt“, schreibt Diakonie-Pressesprecherin Bettina Enßlen. Mitarbeiter hätten sich infiziert, seien zum Teil erkrankt. Die Diakonie sei dankbar, dass Beschäftigte aus anderen Teams einsprangen und dass sich Freiwillige zum Einsatz im Hanns-Lilje-Heim meldeten.

Die Kritik der Töchter an Pflege, Körperhygiene und Sauberkeit im Heim sowie der Personalsituation bezieht sich allerdings schon auf die Zeit vor dem Ausbruch des Virus, in dessen Verlauf ihre Väter sowie 43 weitere infizierte Bewohner starben. Die Diakonie begründet viele von ihnen kritisierte Umstände damit, dass bei der Pflege von Demenzkranken der Wille der Bewohner beachtet werden muss. „Nicht immer möchte sich dann jemand vielleicht waschen lassen, auch die Haare waschen lassen, einen Wundverband akzeptieren, das Schneiden und die Reinigung von Fingernägeln“, erklärt die Pressesprecherin der Diakonie. Manchmal gehe es mit viel Überredungskunst oder nach einem Sturz nach der ersten Aufregung. „Auch Menschen, die an einer demenziellen Erkrankung leiden, bleiben selbstbestimmt“, so Enßlen. „Wir können in der Pflege beispielsweise auch niemand zum Essen zwingen, wir können ihn nur dazu motivieren und ihn ans Trinken erinnern.“

Demenzkranke sind eine besondere Herausforderung

Die Diakonie erklärt außerdem, Ortsveränderungen und Veränderungen im Tagesablauf könnten bei Demenzkranken zu einem Krankheitsschub führen. Für Angehörige könne es sich daher tatsächlich so darstellen, dass Bewohner nach dem Einzug ins Heim stark abbauten. „Das würde sich auch im vertrauten Umfeld zuhause mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später ähnlich entwickeln“, so Enßlen.

Die beiden Hinterbliebenen hatten während des Ausbruchs wegen des Betretungsverbots für Altenheime keine Möglichkeit, ihre Väter zu sehen. Die Diakonie betont, der Zutritt sei verboten gewesen, um die Angehörigen vor einer Infektion zu schützen. Als echten Gewinn betrachte sie das Zustandekommen von Videotelefonaten, die ein wenig Nähe zwischen Bewohnern und Angehörigen hergestellt hätten. Vielleicht habe es in Einzelfällen nicht funktioniert, so die Pressesprecherin. Manche Bewohner hätten es nicht gewollt.

Diakonie bietet gemeinsame Aufarbeitung an

„Wir bedauern die Vorfälle im Hanns-Lilje-Heim sehr“, erklärt die Diakonie. Das Unternehmen hofft, dass Angehörige nach dem überstandenem Ausbruch Kontakt zu suchen und mit den Pflegekräften vor Ort sprechen. „Die Aufarbeitung der Erlebnisse ist für alle nicht einfach und funktioniert nur im Miteinander“, so Bettina Enßlen.

In den ersten Tagen des Mitte März begonnenen Ausbruchs sei wenig Zeit gewesen. Da habe es gegolten, Sicherheitsmaßnahmen mit den Behörden abzustimmen und umzusetzen, Wohnbereiche zu trennen und die Bewohner weiterhin gut zu versorgen. „Aufgrund der Entwicklung waren wir während des Ausbruchs zum Engpassmanagement gezwungen, übrigens auch in unseren anderen stationären Altenhilfe-Einrichtungen“, berichtet die Diakonie-Pressesprecherin. „Das bedeutet, dass wir nach Prioritäten vorgegangen sind und uns konzentriert haben auf die aus pflegefachlicher Sicht absolut notwendigen Tätigkeiten.“ Dies sei in Abstimmung mit der Stadt Wolfsburg und dem Landgesundheitsamt geschehen.

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