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Die ehemalige fürstliche Residenz

Wolfenbüttel war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine Residenzstadt und damit die Zentrale eines Fürstentums.

Im aktuellen „Heimatland“, der Zeitschrift des Heimatbundes Niedersachsen, wird Wolfenbüttel unter dem Stichwort „Ehemalige fürstliche Residenz“ vorgestellt. Erwähnt werden zunächst aktuelle Investitionen der Stadt in die Optimierung ihrer städtebaulichen Infrastruktur: die Runderneuerung des Lessingtheaters, das neue Stadtbad und die Neugestaltung mancher Plätze, darunter der Schlossplatz, der sich nun in einem seinem Namen angemessenen Gesicht präsentiert.

Erwähnt sei noch die Einrichtung eines neuen Bürgermuseums als Teil des städtischen Schloss-Museums. Von den Investitionen des Landes seien vor allem Neubau und Neugestaltung der Gedenkstätte der Justizvollzugsanstalt hervorgehoben.

Wolfenbüttel, das 2018 sein 900-jähriges Bestehen feierte, war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine Residenzstadt und damit die Zentrale eines Fürstentums. Hier wurde Hof gehalten, was bedeutete, dass sich in ihr nahezu ständig einflussreiche Menschen aus allen Teilen Europas aufhielten.

Gottfried Wilhelm Leibniz, der seit 1691 bis zu seinem Tod 1716 als Leiter der Bibliothek und Berater der Herzöge hier im Nebenamt tätig war, schrieb eine Vielzahl von Briefen aus Wolfenbüttel in alle Welt. Mit der Kurfürstin Sophie in Hannover stand er, wenn er unterwegs war, in ständigem brieflichem Kontakt.

So heißt es in einem Brief aus Wolfenbüttel: „Am Tag nach meiner Ankunft hier ist der französische Gesandte, Herr von Bonnac, abgereist, um Graf de Guiscard am schwedischen Hof abzulösen, und Herzog Anton Ulrich ist nach Seesen gegangen, um seine Dragoner zu inspizieren.“

Hofhaltung bedeutete ja nicht nur Diplomatie und Regierungstätigkeit, sondern auch Wirtschaft und Handel, Unterhaltung und Spiele, Tanz und Bankette, Musik, Kunst und Kultur, denn der Hof und seine Gäste wollten versorgt werden und sich keineswegs langweilen.

Die Zeit als Residenzstadt ist durch Institutionen und Gebäude bis heute präsent, etwa mit Schloss und Hauptkirche, Kanzleigebäuden und Hofbeamtenhäusern, Zeughaus und Garnisonskirche, Lessinghaus und Herzog August Bibliothek – präsent also auch durch Literatur. Besonders durch Literatur!

Die Wolfenbütteler Fürsten waren zwar politisch und militärisch nicht so erfolgreich wie ihre Hannoveraner Vettern, doch drei regierende Wolfenbütteler Herzöge betätigten sich als höchst begabte und viel gelesene oder aufgeführte Schriftsteller, gleichsam im Nebenberuf. Das dürfte in der europäischen Geschichte wohl selten zu finden sein.

Georg Ruppelt erzählt jede Woche Geschichte und Geschichten aus Stadt und Kreis. Ruppelt war stellvertretender Direktor der Herzog-August-Bibliothek und Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek.

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