Corona verschärft die finanzielle Not vieler Wolfenbütteller

Wolfenbüttel.  Die Arbeiterwohlfahrt Wolfenbüttel bietet überschuldeten Menschen überwiegend kostenlose Beratung an.

Wenn Rechnungen nicht bezahlt werden können, muss schnell gehandelt werden. Der Awo-Kreisverband Wolfenbüttel kümmert sich um Menschen, die sich überschuldet haben.

Wenn Rechnungen nicht bezahlt werden können, muss schnell gehandelt werden. Der Awo-Kreisverband Wolfenbüttel kümmert sich um Menschen, die sich überschuldet haben.

Foto: Jörg Kleinert

Überschuldete Menschen stehen unter großem Druck. Die Corona-Krise verschärft die Situation für viele. Jobverluste und Kurzarbeit belasten, Aufträge bleiben aus, es kommt weniger oder gar kein Geld in die Kasse. Können Rechnungen nicht mehr bezahlt werden, drücken zudem Kredite, bleibt Überschuldeten oft nur der Weg zur Schuldnerberatung.

Der Awo-Kreisverband Wolfenbüttel kümmert sich um die Hilfesuchenden

Im Kreis Wolfenbüttel kümmert sich als gemeinnützige Organisation der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in überwiegend kostenloser Beratung um die Anliegen Hilfesuchender. Das Problem: Bei den gemeinnützigen Schuldnerberatungen gibt es – der coronabedingten Nachfrage geschuldet – mitunter mehrere Monate Wartezeit auf einen Termin.

Und das, obwohl die Folgen der Covid-19-Pandemie den Kreis der Ratsuchenden noch nicht deutlich erkennbar erweitert hat. „Zumindest noch nicht!“, betont Ulrich Hagedorn. „Wir haben derzeit einen gering erhöhten Beratungsbedarf“, sagt der Geschäftsführer des Awo-Kreisverbandes Wolfenbüttel. Hagedorn rechnet indes in den kommenden Monaten und mit Blick auf die sich bald jährenden einschränkenden Maßnahmen mit steigender Nachfrage.

Doch wer meldet sich bei dem Wohlfahrtsverband zur Schuldnerberatung? „Wir haben eine vertragliche Vereinbarung mit dem Landkreis“, erzählt Hagedorn. „Zu uns kommen zum einen Menschen, die Sozialhilfe erhalten und vom Sozialamt geschickt werden. Wir haben aber auch Klienten, zum Beispiel Bezieher von Sozialhilfe, die uns das Jobcenter übermittelt.“

Sehr schnell an einen Beratungstermin kommen junge Hilfesuchende im Alter bis 25 Jahre. „Handeln wir bei denen nicht zügig, also innerhalb von 14 Tagen, dann verlieren wir diese Menschen auf dem kurzen Weg vom Jobcenter oder Sozialamt bis in die Beratung“, sagt Hagedorn. Ausufernde Kosten bei Handyverträgen, Mietschulden, Nachzahlungen bei den Nebenkostenabrechnungen, sich türmende Forderungen für nicht bezahlte Online-Bestellungen – junge Menschen geraten da schnell in einen Teufelskreis, weiß Hagedorn.

Bei unbezahlten Rechnungen muss schnell gehandelt werden

Schnelles Handeln sei angesagt, wenn zum Beispiel wegen unbezahlter Rechnungen „existenzielle Folgen“ drohen. Ein Beispiel: „Der Versorger droht, dem säumigen Kunden Wasser oder Strom abzustellen. Dann reagieren wir sofort“, betont Hagedorn. Aktuelles Problem in der Corona-Zeit: „Auch bei den Energieversorgern sitzen die meisten Mitarbeiter im Homeoffice. Man erreicht sie nicht sofort.“ Gleiches gelte für die Banken. „Mal eben für einen Schuldner ein Pfändungsschutzkonto einzurichten, ist derzeit oft schwierig.“

Zwei Berater stehen den von Jobcenter oder Sozialamt geschickten Hilfesuchenden bei der Awo, Im Kamp 3, in Wolfenbüttel für die kostenlose Beratung zur Verfügung. Terminvereinbarungen sind zwingend erforderlich. „Für alle anderen ist die Beratung kostenpflichtig“, sagt Hagedorn. Das gelte für jene Menschen, die ihre finanzielle Schieflage selbst erkannt hätten, die sich deshalb ihrerseits vorsorglich an die Schuldnerberatung wenden, da sie absehen könnten, dass ihnen das Geld ausgehe. Dass für diese Gruppe der Ratsuchenden nur eine halbe Beraterstelle zur Verfügung steht – die Awo finanziert diese über Spenden und geringe Eigenmittel – erschwert es dem Wohlfahrtsverband, zügig helfend tätig zu werden.

Auch Hagedorn bereitet dieser Missstand Bauchschmerzen. „Wir sprechen in diesen Fällen von bis zu einem halben Jahr Wartezeit auf einen Termin.“Die Corona-Krise hat im Kreis Wolfenbüttel die finanzielle Situation vieler Menschen verschärft. Der Höhepunkt der Notlagen ist aber noch nicht erreicht, glaubt Hagedorn. Hier und da stützen die Menschen noch staatliche Hilfen oder eigene Rücklagen. Doch die reichen nicht ewig. Der Awo-Geschäftsführer ahnt: „Die Nachfrage nach Beratung dürfte mit Zeitverzögerung steigen.“

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