Braunschweiger Unternehmen ist Marktführer für Vermessungstechnik

Braunschweig.  Mit den Überwachungssystemen für Flugzeuge von Aerodata wird in Nord- und Ostsee etwa nach Ölverschmutzungen gesucht.

Aerodata-Chef Hans Stahl im Hangar des Unternehmens am Forschungsflughafen in Braunschweig.

Aerodata-Chef Hans Stahl im Hangar des Unternehmens am Forschungsflughafen in Braunschweig.

Foto: Bernward Comes

So wie ein Auto alle paar Jahre durch den Tüv muss, müssen auch Bodennavigationsgeräte von Flughäfen regelmäßig überprüft und vermessen werden. Dazu gehören etwa Streckenfunkfeuer oder Instrumentenlandesysteme. Deren Überprüfungen sind wichtig, damit Flugzeuge in der Luft verlässlich ihre eigene Position bestimmen können. Das Braunschweiger Unternehmen Aerodata mit Sitz am Forschungsflughafen liefert solche Messsysteme weltweit aus und ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer in diesem Nischenmarkt.

Marktanteil von 75 Prozent

„Wir haben einen Anteil von 75 Prozent“, erklärt Hans Stahl, Vorstandsvorsitzender des 1985 von der TU Braunschweig ausgegründeten Unternehmens. „Aerodata ist so etwas wie der Mercedes, wir haben die teureren Systeme, die mehr können.“ Der hochspezialisierte Markt ist klein: Nach eigenen Angaben hat der Mittelständler vier Wettbewerber. Aerodata entwickelt und baut Messtechnik selbst. Auf einem Flugzeug, das genutzt wird, um die Navigationsanlagen auf dem Boden zu prüfen, werden schon einmal 30 Antennen angebracht.

„Wir bauen das Mess-Flugzeug individuell für den Kunden, es ist wie ein Maßanzug“, sagt Stahl. Auftraggeber sind beispielsweise Luftfahrtbehörden oder Flughäfen selbst. Ein wichtiger Kunde von Aerodata hat seinen Sitz nur einen Katzensprung entfernt, ebenfalls direkt am Forschungsflughafen in Braunschweig. Es ist die Flight Calibration Services (FCS), ein Joint-Venture unter anderem der Deutschen Flugsicherung, die selbst Flugvermessungen durchführt. „Die FCS treibt unsere eigene Entwicklung extrem voran. Erst 2019 haben wir ein System an sie geliefert, dass insgesamt 20 neue Features hatte“, sagt Stahl, der seit 15 Jahren Vorstandsvorsitzender des Unternehmens ist.

Vorstandsvorsitzender mit Bundeswehr-Vergangenheit

Neben zivilen Kunden bedient Aerodata auch viele aus dem Militär. In Argentinien ist beispielsweise die Luftwaffe für den Navigations-„Tüv“ zuständig. Stahl selbst hat eine militärische Vergangenheit, die ihm bei Aerodata zugutekomme. „Ich kenne die hierarchischen Strukturen und weiß um die eher konservativen Einstellungen“, sagt Stahl. Er hat an der Universität der Bundeswehr in München Luft-und Raumfahrttechnik studiert und sich damit auf zwölf Jahre der Bundeswehr verpflichtet. Parallel zum Studium absolvierte er die Ausbildung zum Offizier. Bevor er bei Aerodata landete, war der heute 60-Jährige Chef der Airbus-Tochter Kid-Systeme in Buxtehude mit rund 450 Mitarbeitern.

170 Mitarbeiter arbeiten bei Aerodata

Aerodata beschäftigt 170 Mitarbeiter. „Hier geht es um ein ganz anderes Geschäft als bei Airbus, nicht um eine Serienproduktion, sondern um Spezialmaschinenbau.“ Das reizte ihn. Spezialsysteme entwickelt Aerodata nicht nur für die Vermessung von Navigationsanlagen am Boden, sondern auch für Überwachungsflugzeuge, sogenannte Missionsmanagementsysteme. Mit ihnen können See-, Grenz- und Lufträume überwacht werden. Weil die Technik dahinter gar nicht so einfach zu erklären ist, hat sich Stahl inzwischen angewöhnt, sie mit einem Gehirn zu vergleichen: „Ein Missionsmanagementsystem ist wie ein Gehirn, in dem unser Tasten, Sehen, Hören und Fühlen zusammenläuft und verarbeitet wird. Wir bauen dieses Gehirn – statt Augen und Ohren nutzen wir aber Radare, Infrarotgeräte, optische Kameras oder Transponder“, erklärt er. Flugzeuge, die so von Aerodata ausgestattet sind, werden sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich genutzt.

Sensoren, Radare und Co. sichten Flüchtlingsboote

Großer Kunde war etwa das Militär des kleinen Inselstaats Malta, das mit der Aerodata-Technik Flüchtlingsboote sichtete und Rettungsmaßnahmen koordinierte. Die Malteser flogen auch für die europäische Grenzschutzagentur Frontex, die immer wieder in der Kritik steht für den Umgang mit Flüchtlingen. Die pakistanische Marine kaufte den Braunschweigern Seefernaufklärer ab, um etwa indische U-Boote aufzuspüren. Moralisch fraglich findet der Aerodata-Chef solche Kundenbeziehungen nicht. Das Unternehmen halte sich an die Gesetze, die Export-Kontrollen seien in Deutschland restriktiv. Als Unternehmen an Luftwaffe und Marine zu liefern, sei nichts Anrüchiges, betont Stahl.

„Einsatz im Umweltschutz hat riesiges Potenzial“

Luftüberwachungssysteme von Aerodata werden zunehmend auch im Umweltschutz eingesetzt. Dieser Bereich hat nach Angaben von Stahl ein riesiges Potenzial – zum Beispiel, weil Öl-Bohrungen noch so wenig kontrolliert und überwacht werden. „Mit Öl-Bohrungen ist immer ein latentes Risiko von Verschmutzungen verbunden“, bemerkt der Unternehmer. Man wolle zudem gar nicht wissen, wie etwa in malaysischen Gewässern oder Nigeria gebohrt würde. Mit Überwachungsflügen könnten Ölgesellschaften oder Landesbehörden solche Bohrungen stärker kontrollieren und Naturverschmutzungen eingrenzen. Etwa, indem so ein Missionsflugzeug eine Ölverschmutzung genau ortet und daraufhin das Öl aufgesammelt oder mit Dispersionsmitteln aufgelöst werden kann.

Ausrüstung zur Öl-Detektion hat bei "Deepwater Horizion" geholfen

Die Ausrüstung zur Öl-Detektion ist laut Stahl exotisch, in den USA beispielsweise gebe es so etwas noch gar nicht. „Es hätte aber bei ,Deepwater Horizon‘ geholfen“, gibt er zu bedenken. 2010 gab es eine Explosion auf der Ölbohrinsel, danach strömten 780 Millionen Liter Erdöl in den Golf von Mexiko. 2020 startete Aerodata ein Projekt für die Bundeswehr, das die Modernisierung der beiden Ölsuch-Flugzeuge der Marine beinhaltet. Diese beiden in Nordholz bei Cuxhaven stationierten Flugzeuge suchen bereits seit vielen Jahren auf der Nord- und Ostsee nach Ölverschmutzungen. Noch immer gibt es laut Stahl Schiffe, von denen altes Öl illegal ins Meer gekippt wird.

Das Geschäft mit der Öl-Sensorik boomt derzeit bei Aerodata. Im vergangenen Jahr haben sie allein drei weitere Aufträge neben dem Bundeswehr-Projekt eingeholt. Das Unternehmen macht nach eigenen Angaben durchschnittlich einen Umsatz zwischen 30 und 40 Millionen Euro, die Rendite liegt im Schnitt zwischen 3 und 15 Prozent. Das Geschäft ist volatil, aber 2020 lief es gut, trotz Corona. Und wenn Staaten und Unternehmen Klima- und Naturschutz immer ernster nehmen, dann dürften bald auch noch mehr Kunden an die Tür der Vermessungs-Spezialisten in Braunschweig klopfen.

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