Zoom-Accounts, digitale Stehtische und Glasfaser

Braunschweig.  Unternehmen und Verbände müssen Veranstaltungen anders vorbereiten als vor Corona. Der AGV erfindet „Watch-Parties“.

Zukunftsforscher Florian Kondert stand vor leeren Rängen – das Publikum war im Livestream zugeschaltet. Feedback und Stimmung sind so schwer zu erfassen, das ist für Redner ungewohnt.

Zukunftsforscher Florian Kondert stand vor leeren Rängen – das Publikum war im Livestream zugeschaltet. Feedback und Stimmung sind so schwer zu erfassen, das ist für Redner ungewohnt.

Foto: Screenshot

Videokonferenzen, Online-Veranstaltungen und virtuelle Treffen gehören seit dem Beginn der Corona-Pandemie zum Alltag der meisten Menschen. Auch Unternehmen und Verbände müssen deswegen neue Formate finden. So wie der Arbeitgeberverband Region Braunschweig, der seine Mitgliederversammlung am Dienstag zum ersten Mal digital ausrichtete, genauso wie den anschließend stattfindenden Arbeitgeberdialog. Dieser Dialog ist jedes Jahr ein gut besuchtes Netzwerk-Treffen von Unternehmern und Entscheidern, an dem zwischen 300 bis 450 Gäste teilnehmen.

Nach Angaben von AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider war es nun „ganz schön aufwendig“, das virtuelle Format „in dieser Professionalität“ hinzubekommen. „Wir hatten andere Baustellen im Blick als bei einer analogen Veranstaltung, wo es darum geht, durch welchen Eingang die Gäste kommen sollen oder wie sie ans Buffet gelangen“, erklärt er. Im Corona-Jahr 2020 ging es um die Einrichtung von Zoom-Accounts, digitalen Stehtischen und die Frage, ob der Veranstaltungsort Glasfaseranschluss hat oder nicht. Insgesamt sechs Mitarbeiter haben Bernschneider zufolge an der Technik dieses Events gearbeitet.

Mikro-Formate statt Großveranstaltungen

Mit der Stadthalle in Gifhorn hat der AGV nach etwas längerer Suche nach eigenen Angaben einen geeigneten Ort gefunden. „Wir waren happy mit der technischen Ausstattung“, berichtet Bernschneider. Doch die große Halle war sehr leer – logischerweise. Rund 200 Teilnehmer saßen an ihren Handys, Tablets oder PCs und haben den Arbeitgeberdialog im Livestream verfolgt. Der AGV hatte eigens drei „Watch-Parties“ organisiert, an denen man sich zu mehreren treffen konnte, um den Stream zu verfolgen. Public Viewing sozusagen.

„Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass man sich wieder in Präsenz sehen will, deswegen haben wir diese Mikro-Events gemacht“, sagt Bernschneider. Zu diesen „Parties“ gab es zwischendurch auch Live-Schalten, was das Programm – genauso wie das Zwischen-Entertainment mit der digitalen Musiksprechstunde von Wunschwort.fm – aufgelockert hat.

Die beiden Macher von Wunschwort haben mit dem niedersächsischen Staatssekretär für Digitalisierung, Stefan Muhle, im Videostream geplaudert, während der im Auto saß und zum nächsten Termin gefahren wurde. Sogar ein Lied haben sie angestimmt.

Wegen Corona allein auf der Bühne

Moderator Martin Brüning und AGV-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Niemsch waren im Gegensatz zu den „Party“-Teilnehmern recht alleine auf der Bühne in Gifhorn. Auch Zukunftsforscher Florian Kondert musste seinen Vortrag über die „Zukunft als Gestaltungsraum“ halten, ohne irgendeine Reaktion des Publikums zu sehen oder zu hören. Ganz schön ungewohnt, sagte er nachher Bernschneider, wie dieser berichtete. Es gibt kein direktes Feedback und auch die Stimmung lässt sich schwer einschätzen, wenn alle im Live-Stream zugeschaltet sind. Immerhin konnten die Zuhörer ihm per Chat aber Fragen stellen – nur nutzte das kein Teilnehmer.

Brüning als Moderator hatte aber zum Glück selbst einige interessante Fragen zu stellen. Etwa, ob der Chef immer derjenige sein müsse, der das Unternehmen nach vorne treibe, ob das die Mitarbeiter erwarteten? Konderts Antwort: Dieses Denken sei uns leider anerzogen, es gehe aber darum, eine Innovationskultur zu entwickeln. Also, ja, auch die Mitarbeiter tragen Verantwortung und können Visionen für den eigenen Betrieb entwickeln.

„Online-Events haben inzwischen Akzeptanz“

Statt zum Buffet und den Getränken ging es nach dem Vortrag an die digitalen Stehtische. „Da sind uns ungefähr die Hälfte der Teilnehmer weggebrochen“, berichtet Bernschneider. Dennoch wertet der Arbeitgeberverband die Veranstaltung insgesamt als Erfolg. Bernschneider: „Wir haben viele gute Rückmeldungen bekommen, die Veranstaltung wurde als sehr professionell wahrgenommen.“ Nächstes Jahr also wieder? „Für den AGV ist klar, dass Online-Events nie mehr ganz verschwinden werden, sie haben auch eine hohe Akzeptanz“, sagt der Hauptgeschäftsführer.

Sobald es wieder geht, will der Verband aber auch wieder größere Veranstaltungen ausrichten, bis dahin plant er nach eigenen Angaben kleinere Formate und hybride Formen, bei denen sich digital und analog mischen. Ein bisschen so wie am Dienstag, beim Arbeitgeberdialog mit seinen „Watch-Parties“.

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