HDI-Studie: Frauen bewerten Kurzarbeit positiver

Braunschweig.  Laut einer Studie gewinnt zudem die Sicherheit in Krisenzeiten bei allen Arbeitnehmern deutlich an Gewicht. Auch das Familienleben verbesserte sich.

Frauen gaben zu 49 Prozent an, die Zeit der Kurzarbeit als wertvoll empfunden zu haben. Auch jeder dritte Mann stimmte dieser Einschätzung zu. Zeitgleich habe sich bei 18 Prozent das Familienleben verbessert.

Frauen gaben zu 49 Prozent an, die Zeit der Kurzarbeit als wertvoll empfunden zu haben. Auch jeder dritte Mann stimmte dieser Einschätzung zu. Zeitgleich habe sich bei 18 Prozent das Familienleben verbessert.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Über sechs Millionen Menschen waren aufgrund der Corona-Krise in diesem Jahr zwischenzeitlich in Kurzarbeit. Und einige haben diese Zeit richtiggehend genossen: Das zeigt zumindest eine repräsentativen Umfrage des Meinungsinstituts YouGov im Auftrag der HDI-Versicherung, die im diesen September veröffentlicht wurde.

Männer leiden häufiger unter Existenzängsten als Frauen

Zwar empfanden 24 Prozent die Kurzarbeit als „belastend“, aber ein deutlich höherer Teil äußerte sich sehr positiv. Frauen gaben zu 49 Prozent an, dass sie die Zeit der verringerten Arbeitszeit als wertvoll wahrnahmen. Bei den Männern war es etwa jeder Dritte – sie waren häufiger von Existenzängsten geplagt als Frauen in Kurzarbeit. Dies könnte mit dem höheren Anteil zusammenhängen, den Männer durchschnittlich zum Haushaltseinkommen beitragen. In Westdeutschland steuern Frauen laut einer Studie aus diesem Jahr im Schnitt 35 Prozent des Einkommens bei, in Ostdeutschland 45 Prozent. Doch was bedeutet es für die Arbeitswelt, wenn so viele Arbeitnehmer gerne auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, wenn dafür die Arbeitszeit sinkt? „Wir sollten uns unbedingt mehr Gedanken über Möglichkeiten der Balance der Arbeitszeit- und Arbeitsortgestaltung machen“, fordert Arbeitspsychologin Kauffeld. „Dies resultiert auf Basis der wachsenden Herausforderungen der Digitalisierung, die immer drängender eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Flexibilisierung der Arbeit und neuen Arbeitszeitmodellen fordert“, erklärt sie.

Besserer Familienzusammenhalt

Viele Studien belegen bereits die positiven Aspekte einer Vier-Tage-Woche – unter anderem steige mit einer geringeren Arbeitszeit die gefühlte Jobsicherheit der Arbeitnehmer. „Reduzierte Arbeitszeiten führen zu gesünderen Lebensstilen, und mit Abnahme der Arbeitsstunden, fokussieren sich Mitarbeitende stärker auf die Work-Life-Integration“, fasst Professorin Kauffeld einige Studienergebnissen zusammen. Das zeigt auch die HDI-Studie: Fast jede fünfte Befragte – Männer wie Frauen – gab an, dass sich in der Kurzarbeit das Verhältnis zur Familie gebessert habe.

Auch Professorin Kauffeld könne sich weitere positive Auswirkungen einer Vier-Tage-Woche auf die Gesellschaft vorstellen, „beispielsweise sich mehr für die Gesellschaft einzusetzen oder in der Pflege von Angehörigen tätig zu werden“, überlegt sie. Dieses Konzept könne aber nie für sich allein gedacht werden, unterstreicht Kauffeld. „Es wirft automatisch auch die politische Frage nach der Finanzierung auf.“

Größeres Verlangen nach Krisensicherheit

Auch wenn viele Befragten die Kurzarbeit positiv bewerten, hat die Corona-Krise dennoch ein neues Sicherheitsbedürfnis bei den Arbeitnehmern hervorgerufen. So benannten drei von vier Befragte der Studie die Krisensicherheit in ihrem Job als drittwichtigsten Aspekt – mehr Wert legten die Berufstätigen nur aufs Gehalt (95 Prozent) und die Möglichkeit, gelernte Fähigkeiten anzuwenden (82 Prozent).

Arbeitspsychologin Simone Kauffeld verwundern diese Werte nicht. „In Zeiten von großer Unsicherheit wächst das Verlangen nach sicheren Verhältnissen, so auch nach Job-Sicherheit. Wir sehen dies beispielsweise an der wachsenden Attraktivität des Lehrerberufs oder der Informationswissenschaften“, erklärt sie. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass wir anstatt nach Sicherheit zu streben, uns möglicherweise langfristig anpassen müssen auf eine sich wandelnde Welt: „Blicken wir auf die zunehmenden Herausforderungen – Pandemie, Digitalisierung, Klimawandel – müssen wir möglicherweise auch darüber nachdenken, uns zu trainieren, flexibel auf neue, ungewöhnliche Situationen reagieren zu können und uns in der eigenen Problemlösungsfähigkeit zu trainieren“, rät sie.

Unternehmer müssen auf Arbeitnehmer individuell zugehen

Immer mehr Arbeitnehmer scheinen bereits heute eine gewisse Flexibilität verinnerlicht zu haben, wie die Ergebnisse der HDI-Studie nahelegen. Die Bereitschaft zum Berufswechsel sei gegenüber 2019 in 12 von 16 Bundesländern gestiegen. Am höchsten ist der Wert der Wechselfreudigen in Bremen. In der Hansastadt könnten sich 71 Prozent der Befragten grundsätzlich vorstellen, ihren Arbeitsplatz zu wechseln. Auch bundesweit glaubten die Befragten, dass Jobwechsel zunehmen und nicht abnehmen werden.

„Die aktuellen Entwicklungen können es für Unternehmen durchaus schwieriger machen, Fachkräfte zu halten“, erklärt TU-Professorin Kauffeld. Unternehmen müssten sich in den kommenden Zeiten bemühen, Fachkräfte mit verschiedenen, durchaus an die individuellen Bedürfnisse angepassten Maßnahmen zu halten. Das könne etwa die Arbeitszeit oder den Arbeitsort umfassen, aber auch bei den Wünschen nach Freizeit oder Aufstieg seien die Standard-Formen zunehmend ungeeignet, erklärt Kauffeld. Hier müssten Unternehmen eine Balance finden, die für die Organisation und für den Mitarbeiter zufriedenstellend ist.

Eigene Unternehmenstalente fördern

Denn die Arbeitnehmer lernen in der Krise neue Standards kennen – und wollen diese nicht mehr missen. So plädiert fast jeder Zweite in der HDI-Studie in Zukunft für flexiblere Arbeitszeiten, mehr als ein Drittel möchte, dass mehr Arbeiten auch im Homeoffice erledigt werden können.

Wenn man die eigenen Mitarbeiter zufriedenstelle, könnte man sich übrigens die aufwendige Suche nach neuen Fachkräften häufig sparen, meint Kauffeld. „In vielen bereits existenten Arbeitsteams steckt viel Potential, sich effektiv weiterzuentwickeln“, erklärt Kauffeld und verweist zum Beispiel auf Weiterbildungen von talentierten Mitarbeitern. Das habe zudem einen praktischen Nebeneffekt: Die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter steigere sich durch die Fördermaßnahmen und ebenso die Bindung an das Unternehmen.

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