Corona-Krise beschert VW-Konzern Milliardenverlust

Wolfsburg.  Der Autobauer verbucht einen Fehlbetrag von 1,4 Milliarden Euro. Die Dividende wird gekürzt.

Auch der Abgas-Betrug belastet den Autobauer weiterhin.

Auch der Abgas-Betrug belastet den Autobauer weiterhin.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Der VW-Konzern konnte seit dem Abgas-Skandal in den vergangenen Jahren wieder regelmäßig steigende Umsätze und Gewinne verkünden – im ersten Halbjahr 2020 treibt die Corona-Krise den Wolfsburger Autobauer nun allerdings tief in die roten Zahlen. 1,4 Milliarden Euro Verlust vor Steuern verbuchte VW bis Juni, der Umsatz ging um knapp ein Viertel auf 96,1 Milliarden Euro zurück. Nach Steuern lag das Ergebnis bei minus einer Milliarde. Auf der Hauptversammlung Ende September will der Konzern seinen Aktionären eine gekürzte Dividende vorschlagen. In das zweite Halbjahr blickt Volkswagen wegen der Erholung der Märkte dennoch „vorsichtig optimistisch“, wie der Konzern am Donnerstag bei der Vorstellung der Quartalszahlen mitteilte.

Der Autobauer musste im zweiten Quartal heftige Absatzeinbrüche auf allen Märkten hinnehmen – ausgelöst durch die Ausbreitung des Corona-Virus. Insgesamt lieferte der Konzern weltweit nur noch 3,9 Millionen Autos in den ersten sechs Monaten des Jahres aus nach 5,4 Millionen Fahrzeugen im Vorjahreszeitraum – ein Rückgang von 27,4 Prozent. Der Umsatz brach entsprechend ein, das operative Ergebnis – also der Gewinn aus dem Tagesgeschäft – ebenfalls: von 9 Milliarden Euro nach Sondereinflüssen im Vorjahr auf einen Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro. Sondereinflüsse sind zum Beispiel Zahlungen im Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal, sie belasteten das Ergebnis im ersten Halbjahr mit 0,7 Milliarden Euro.

VW rechnet mit positiven Ergebnis für das Gesamtjahr

Finanzvorstand Frank Witter bezeichnete das Halbjahr als eines der herausforderndsten der Unternehmensgeschichte, VW sei aber stabil durch diese „beispiellose“ Krise gesteuert. Der Konzern habe dafür früh „umfassende Maßnahmen zur Senkung unserer Kosten und Sicherung der Liquidität eingeleitet“, wie Witter erklärte. „Damit ist es uns gelungen, die Auswirkungen der Pandemie auf unser Geschäft einigermaßen in Grenzen zu halten.“

So will Volkswagen für Forschung und Entwicklung sowie Sachinvestitionen seine Ausgaben im laufenden Geschäftsjahr deutlich zurückschrauben. Allein im ersten Halbjahr drückten die Wolfsburger ihre Sachinvestitionen um mehr als 20 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gingen um knapp 5 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro zurück. Seine Netto-Liquidität konnte der VW-Konzern im zweiten Quartal hingegen steigern – auch mithilfe einer Anleihenausgabe an den Finanzmarkt mit einem Volumen von 3 Milliarden Euro. Ende Juni hatte VW damit trotz Corona-Krise 900 Millionen Euro mehr in der Kasse als noch zu Ende März, insgesamt 18,7 Milliarden Euro.

Allerdings kommen auch weitere Kosten im Abgas-Skandal auf den Autobauer zu. Nach einem Grundsatz-Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) Ende Mai, wonach der VW-Konzern den vom Abgas-Betrug betroffenen Kunden grundsätzlich zu Schadenersatz verpflichtet ist, plant der Konzern für Zahlungen an klagende VW-Kunden rund 2 Milliarden Euro im zweiten Halbjahr ein. VW will sich in den nächsten Monaten mit rund 50.000 Diesel-Fahrern außergerichtlich einigen. 1,6 Milliarden Euro Zahlungen flossen laut VW schon im ersten Halbjahr, insgesamt kostet der Betrug VW 2020 also noch einmal rund 3,6 Milliarden Euro.

Für das Geschäftsjahr 2019 will der VW-Konzern nach den verheerenden Gewinneinbrüchen seinen Aktionären nun nur noch 4,80 je Stammaktie und 4,86 je Vorzugsaktie ausschütten. So viel gab es schon für das Geschäftsjahr 2018. Vor der Corona-Krise lag der Dividendenvorschlag für das vergangenen Geschäftsjahr bei 6,50 Euro beziehungsweise 6,56 Euro je Aktie. Mit der Kürzung will der Autobauer nun seinen Geldbeutel schonen. Auch die VW-Dachgesellschaft Porsche SE reduzierte am Donnerstag ihren Dividendenvorschlag von 3,11 Euro je Vorzugsaktie und 3,104 Euro je Stammaktie auf nun 2,21 Euro beziehungsweise 2,204 Euro.

Automärkte erholen sich – Zugpferd ist China

In den vergangenen Wochen haben die Auslieferungen des VW-Konzerns weltweit wieder angezogen, vor allem auf dem größten Markt China. Dort ging es im April schon wieder aufwärts. Für den Juli erwarten die Wolfsburger weltweit einen nur noch einstelligen Absatzrückgang, wie Vertriebschef Christian Dahlheim erläuterte. Zur Hochzeit der Krise im April hatten die Auslieferungen 45 Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen, im Juni hatte sich der Rückstand bereits auf 18 Prozent verringert. Diese Trendwende und die vielen neuen Modelle, die die Wolfsburger aktuell auf den Markt bringen – Golf 8 und der ID.3 beispielsweise – stimmen den Konzern für das zweite Halbjahr demnach „vorsichtig optimistisch“, sagte Finanzchef Witter.

Wegen der Absatzeinbrüche standen die Lager des Autobauers im März und April voll. Bis Anfang Juli sei man nun auf ein Lagerniveau gekommen, dass zu den Absatzerwartungen passe, erklärte Vertriebschef Dahlheim. Erreicht hat der Konzern die Reduktion der Bestände vor allem durch den Produktionsstopp und das langsame Wieder-Hochfahren der Werke. Seit dieser Woche stehen die Bänder wieder still, weil die Mitarbeiter in den dreiwöchigen Werksferien sind. Danach rechnet Witter mit einer Auslastung der Fabriken von wie gehabt 60 bis 70 Prozent, erklärte der Konzernvorstand. Die Produktion koppele VW eng an die Kundennachfrage in der Krise.

Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern einen Rückgang des gesamten, weltweiten Absatzmarktes von 15 bis 20 Prozent. Wegen hoher Marktanteile würden Volkswagens Auslieferungen etwas darüber liegen, erklärte Dahlheim. 2019 hatte der größte Autobauer der Welt knapp 11 Millionen Fahrzeuge verkauft und ließ damit erneut Toyota aus Japan knapp hinter sich. Frank Schwope, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank, erwartet Auslieferungen zwischen 9 und 9,5 Millionen Fahrzeugen, wie er mitteilte. Damit lägen die Wolfsburger auf dem Auslieferungsniveau von 2012. Am im April verkündeten Ausblick auf das gesamte Geschäftsjahr hielt VW am Donnerstag fest und konkretisierte nicht genauer: Das operative Ergebnis werde im positiven Bereich liegen, wenn auch gravierend rückläufig im Vergleich zum Vorjahr mit 17 Milliarden Euro. „Niemand kann eine zweite Corona-Welle ausschließen“, sagte Witter. Das zweite Halbjahr habe man aber in keiner Weise abgeschrieben.

Analyst Schwope rechnet im Gesamtjahr mit „noch deutlich schwarzen Zahlen“. Allerdings seien Margen und Gewinne wie im vergangenen Jahr frühestens wieder 2022 zu erreichen. Den Weg aus der Krise zeige das Reich der Mitte. „China macht Hoffnung“, sagte der Analyst.

Kernmarke lässt am meisten Federn

Die Kernmarke VW Pkw hat im ersten Halbjahr am meisten Federn gelassen und einen operativen Verlust von 1,5 Milliarden Euro geschrieben (Vorjahr: 2,3 Milliarden Euro). Die Auslieferungen gingen um 800.000 Fahrzeuge auf 1,1 Millionen Pkw zurück.

Auch die Volumenmarken Skoda und Seat lieferten coronabedingt massiv weniger Fahrzeuge aus: Von Januar bis Juni 372.000 (Skoda) und 197.000 (Seat) Fahrzeuge. Das waren Rückgänge von jeweils 33 Prozent beziehungsweise 47 Prozent. Während die tschechische Tochter Skoda mit 228 Millionen Euro (Vorjahr: 824 Mio Euro) dennoch ein positives Ergebnis schrieb, rutschte die spanische VW-Tochter Seat mit 271 Millionen Euro (Vorjahr: 216 Mio Euro) ins Minus.

Audi verkaufte im ersten Halbjahr 416.000 Fahrzeuge, mehr als 200.000 weniger als im Vorjahr. Der Verlust lag bei knapp 650 Millionen Euro nach 2,3 Milliarden Euro Gewinn zuvor.

Sportwagenbauer Porsche setzte mit 116.000 Autos knapp 15 Prozent weniger ab als im Vorjahreszeitraum und verbuchte ein operatives Ergebnis von 1,1 Milliarden Euro – ein Minus von einer Milliarde im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019. Das lag neben dem Einbruch bei den Auslieferungen auch an Ausgaben für die Digitalisierung sowie die Elektromobilitätsstrategie.

Volkswagen Nutzfahrzeuge lieferten weltweit mit 157.000 Fahrzeuge etwa 100.000 Wagen weniger aus. Das operative Ergebnis der Hannoveraner sank auf minus 334 Millionen Euro nach einem Plus von 506 Millionen Euro zuvor.

MAN Nutzfahrzeuge mit einem Standort in Salzgitter setzte von Januar bis Juni 47.000 Einheiten ab, 34 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Lkw-Tochter schrieb einen Verlust von 423 Millionen Euro nach 248 Millionen Euro operativer Gewinn im ersten Halbjahr 2019.

Weniger dramatisch ging der Gewinn der Volkswagen Finanzdienstleistungen mit Sitz in Braunschweig zurück: Er sank von 1,3 auf 1,2 Milliarden Euro. In der ersten Hälfte dieses Jahres schloss die VW-Tochter 3,4 Millionen neue Verträge ab nach 4,1 Millionen zuvor.

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