Verdi: Arbeitsagenturen fehlt Personal

Braunschweig.  In der Corona-Krise wären die Stellen nötig, die in den vergangenen Jahren abgebaut wurden.

Die Zahl der Mitarbeiter, die sich um Kurzarbeit kümmern, hat die Arbeitsagentur kurzfristig mehr als verzehnfacht.

Die Zahl der Mitarbeiter, die sich um Kurzarbeit kümmern, hat die Arbeitsagentur kurzfristig mehr als verzehnfacht.

Foto: Jens Büttner / dpa

Der drastische Anstieg bei der Kurzarbeit stellt auch die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen unserer Region vor große Herausforderungen. Sie hätten zwar sehr engagiert und flexibel reagiert, berichtet Sabine Asendorf, ehrenamtliche Vorsitzende des Fachbereichs Sozialversicherung bei Verdi in Braunschweig. Doch in den vergangenen Jahren sei massiv Personal abgebaut worden, das jetzt in der Corona-Krise fehle. Verdi fordert deshalb, Personal nicht nur für „Schönwetterlagen“ vorzuhalten. Die Arbeitsagenturen dagegen verweisen auf ihre schnelle Reaktion in der Krise.

Die Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar, wie auch die anderen Arbeitsagenturen in Niedersachsen und dem Rest Deutschlands, erreichten ab Mitte März plötzlich jeden Tag mehr Anrufe als sonst in einem ganzen Monat, wie Asendorf berichtet. Zunächst sei die Technik nicht darauf eingestellt gewesen, die Behörden waren teilweise nicht mehr erreichbar, und Personal fehlte – „logischerweise“, sagt die Verdi-Vertreterin. Schnell habe der Telefonanbieter die Technik dem Ansturm angepasst, ebenso schnell hätten Mitarbeiter aus anderen Bereichen in die Bearbeitung von Kurzarbeit-Anträgen gewechselt. Viele Freiwillige, auch von anderen Behörden, hätten sich gemeldet; das gehöre zum Selbstverständnis der Beschäftigten. Auch für die hohen Erwartungen der Antragsteller, vor allem an das Tempo bei der Bearbeitung, sei das Verständnis groß: „Schließlich geht es bei vielen um die Existenz, sowohl bei Unternehmen als auch bei deren Mitarbeitern.“

Braunschweiger Arbeitsagentur für bundesweit alle VW-Standorte zuständig

Die Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar betreue beim Kurzarbeitergeld alle Betriebe in Südost-Niedersachsen sowie alle VW-Standorte bundesweit. Die Zahl der Mitarbeiter, die sich dort darum kümmern, sei kurzerhand von 15 auf aktuell mehr als 200 erhöht worden. Sie arbeiteten vor allem von Braunschweig, Göttingen und Helmstedt aus. Die Kehrseite der Aufstockung: „Andere Aufgaben müssen dafür zurückstehen, außerdem mussten sich die Kollegen natürlich in eine neue Rechtslage einarbeiten“, erzählt Asendorf.

Die Arbeitsagenturen hätten in den Abteilungen, die Geld auszahlen, in den vergangenen Jahren deutlich Personal abgebaut. „Die Bundesagentur für Arbeit ist die größte Bundesbehörde, hält aber nur Personal für Schönwetterlagen vor“, kritisiert die Gewerkschafterin. „Das ist uns jetzt ganz schön auf die Füße gefallen.“ Die festen Mitarbeiter der Abteilung für Kurzarbeit hätten nebenbei eingesprungene Kollegen schulen und alle Bescheide überprüfen müssen; denn dabei gelte das Vier-Augen-Prinzip.

Inzwischen könnten dies auch andere Kollegen. Doch die Überstunden, die zurzeit anfallen, müssten auch irgendwann wieder abgebaut werden. Dabei rechnet Asendorf nicht mit einer schnellen Rückkehr zum Normalzustand. So müsse für einmal beantragte Kurzarbeit jeden Monat eine Abrechnung erstellt werden – für jeden Beschäftigten. Dies falle also noch lange an. „Zusatzpersonal wird in der Abteilung noch lange gebraucht werden.“ Zwar werde aktuell versucht, zusätzliche Mitarbeiter befristet einzustellen. Außerdem seien manche Aufgaben wie etwa die Berufsberatung derzeit ohnehin nicht oder nur eingeschränkt möglich. „Irgendwann wird das aber schnell wieder nötig“, stellt die Verdi-Vertreterin klar. Infolge der Krise steige darüber hinaus die Arbeitslosigkeit, auch dafür würden mehr Mitarbeiter gebraucht. Das nötige Spezialwissen könne nicht von heute auf morgen aufgebaut werden; und eine kurzfristige Einarbeitung ersetze nicht die Ausbildung.

Arbeitsagentur: Wir haben schnell reagiert und setzen Personal bedarfsgerecht ein

Sie hoffe, dass Behörde und Politik aus der Krise lernen – und künftig etwas mehr Personal vorhalten, als in guten Zeiten manchmal nötig wäre. Das gesamte Personal auf Ausführungsebene, also etwa auch in der Beratung, sei „häufig sehr auf Kante genäht“, sagt Asendorf. Vielleicht mache die Arbeitsagentur das gegenüber der Politik nicht deutlich genug. „Jetzt wäre es an der Zeit.“ Das Prinzip, die Feuerwehr abzuschaffen, wenn es gerade nicht brennt, sei falsch. „Im Moment brennt es – es wäre schön, wenn die Feuerwehr noch da wäre.“

Die Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit ging auf Anfrage nicht auf die Kritik und Forderung ein. Ein Sprecher teilte mit: „Wir haben in der Corona-Krise gezeigt, dass wir schnell auf die außergewöhnliche Situation reagieren konnten. Wir schaffen das, weil wir das Personal in der Bearbeitung der Kurzarbeitsverfahren binnen kürzester Zeit mehr als verzehnfacht haben.“ Die Anträge würden sogar schneller bearbeitet als vor der Krise.

Viele der Mitarbeiter hätten aufgrund des „Shutdowns“ ihre eigentliche Tätigkeit nicht oder nur eingeschränkt ausüben können, zum Beispiel die Berufsberatung an den Schulen oder Arbeitgeberbesuche, so der Sprecher. „Leider stellen Unternehmen derzeit kaum neue Leute ein, es gibt daher auch nur wenige Stellen in der Vermittlung.“ Durch die Lockerungen für die Wirtschaft ändere sich die Lage nun langsam wieder. Das Personal werde weiterhin bedarfsgerecht eingesetzt, um noch flexibler reagieren zu können. Berufsberatung mit Jugendlichen finde beispielsweise per Live-Chat bei Youtube statt.

Jobcenter noch weitgehend verschont von der Corona-Krise

Asendorf mahnt indes mit Blick auf die bevorstehenden Tarifverhandlungen, die Corona-Krise und folgenden „leeren Kassen“ dürften nicht als Argument gegen eine angemessene Gehaltserhöhung gelten.

Die Jobcenter – zuständig für Hartz IV – blieben durch die Kurzarbeitsregelungen von der Corona-Krise bisher offenbar weitgehend verschont. Auch die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes, wenn dieses nicht zum Leben reicht, halte sich bisher in Grenzen, berichtet Detlef Czerny, Verdi-Vertrauensmann im Salzgitteraner Jobcenter. Die Kunden zeigten außerdem viel Verständnis und lobten sogar, wie gut die Kontakte zurzeit statt persönlich via Telefon und auf digitalem Weg funktionierten.

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