VW-Markenchef: Zuversicht und Vorsicht passen zusammen

Wolfsburg.  VW in Wolfsburg hat die Bänder wieder eingeschaltet. Der Autokonzern und die Landesregierung wollen Kaufanreize für Autos.

Ministerpräsident Stephan Weil (rechts) und VW-Chef Herbert Diess stellten während der Wiedereröffnung des VW-Stammwerks in Wolfsburg eine klare Forderung an die Politik.

Ministerpräsident Stephan Weil (rechts) und VW-Chef Herbert Diess stellten während der Wiedereröffnung des VW-Stammwerks in Wolfsburg eine klare Forderung an die Politik.

Foto: Alexander Koerner / Getty Images

„Einsfünfzig, bitte“ ist die Parole der Stunde. Immer wieder ist die Aufforderung zu hören. Am Tor Sandkamp, das ist Hauptzufahrt zum VW-Werk in Wolfsburg, im Bus, der die Journalisten auf das Werksgelände bringt, und auch in der Halle 54, wo der Golf gebaut wird. Gemeint ist natürlich der Abstand von 1,5 Metern, den die Besucher untereinander und zu den Gastgebern halten sollen. Die Gastgeber, das sind Vertreter des VW-Vorstands und des Betriebsrats. Zu ihnen gesellt sich der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Alle tragen Mund- und Nasenmaske, nur beim Abstandhalten gibt es mitunter Luft nach oben. Anlass der Pressekonferenz: Der weltgrößte Autobauer VW nimmt in seinem Stammwerk Wolfsburg nach mehrwöchiger, Corona-bedingter Zwangspause die Produktion wieder auf. „Es geht wieder los, es geht wieder aufwärts“, sagt Ralf Brandstätter, operativer Chef der Marke VW. Und: „Mut machen ist unsere Aufgabe. Zuversicht und Vorsicht passen zusammen.“

Das gilt nicht nur für die eigenen Mitarbeiter, die „alle wieder froh sind zurückzukehren“, wie Brandstätter betont. Mut soll vor allem den Menschen außerhalb der Fabriken gemacht werden, den Kunden. Denn, diese Rechnung versteht jeder: Wenn niemand Autos kauft, hilft auch der bestorganisierte Produktionslauf nicht. Und damit sind wir auch schon mitten im Thema. „Corona bleibt in Deutschland in 80 Millionen Köpfen“, unterstreicht Brandstätter. Was so viel heißen soll: Corona verängstigt, Corona löst Existenzsorgen aus, Corona blockiert. Und all das ist schlecht für das Geschäft. Konzernchef Herbert Diess bringt es auf den Punkt: Er habe die die Sorge, dass ein neues Auto derzeit nicht der erste Gedanke potenzieller Kunden sei.

Diess und Brandstätter fordern daher erneut Kaufanreize für Neuwagen. Das könne der Konjunktur Schwung geben und würde Arbeitsplätze sichern. An Deutschlands Autoindustrie hingen 1,8 Millionen Jobs, nicht zufällig gilt die Autoindustrie daher hierzulande als Leitbranche. Brandstätter macht auch deutlich: Nur wenn die Prämie noch im Mai käme, könne ein Einbruch des Autoabsatzes um mehr als 20 Prozent noch verhindert werden. Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh gehört zu den Befürwortern einer Kaufprämie. Es sei die Erwartung des Betriebsrats, dass sie eingeführt werde, betont er.

Brandstätter drückt auch deshalb so aufs Tempo, weil er sich von Deutschland eine Vorreiterrolle erhofft. Führe Deutschland die Prämie ein, könne das innerhalb Europas für Impulse sorgen und andere Regierungen dazu veranlassen, dem deutschen Beispiel zu folgen, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Das habe schon während der Finanzkrise 2009 ähnlich funktioniert. Damals hat die Bundesregierung 2500 Euro gezahlt, wenn ein altes Auto verschrottet und im Gegenzug ein neues gekauft wurde. Andere Länder folgten seinerzeit dem Beispiel – es war ein Segen für die Autobauer.

Eine Förderung ausschließlich von Elektroautos, wie sie von den Grünen und Umweltschutzverbänden ins Spiel gebracht wird, lehnt Brandstätter allerdings ab. „Das funktioniert nicht“, sagt er. Derzeit könnten noch nicht ausreichend E-Fahrzeuge geliefert werden, weil die Fabriken noch im Aufbau seien. Außerdem fehle die Lade-Infrastruktur. Hier rächt sich nun das zögerliche Vorgehen beim Ausbau der E-Mobilität in den vergangenen Jahren.

Brandstätter ist aber überzeugt, dass die Umweltbilanz dennoch verbessert werden könnte, wenn neben Stromern auch Verbrenner gefördert werden. In Deutschland gebe es noch 19 Millionen Autos, die selbst die Abgasnorm Euro 4 noch nicht erfüllen würden. Das Durchschnittsalter betrage 9,6 Jahren. Würden diese Autos ersetzt, brächte das große CO2-Effekte. „Wir plädieren für ein einfaches Modell, das auch das aktuelle Fahrzeugangebot umfasst“, sagt Brandstätter mit Blick auf die noch nicht beschlossene Prämie.

Unterstützung erhalten Diess, Brandstätter und Osterloh von Ministerpräsident Weil. Der kündigt an, noch in dieser Woche mit den Länderchefs von Bayern und Baden-Württemberg über das Thema reden zu wollen. „Wir brauchen eine schnelle Entscheidung“, betont auch der SPD-Politiker. Zu lange Diskussionen seien nicht hilfreich. Bisher habe es Programme der Politik gegeben, um das Überleben der Wirtschaft zu ermöglichen, nun sei es an der Zeit, Programme aufzulegen, die die Wirtschaft wieder ankurbeln. Weils Ziel: Die Kaufprämie müsse so ausgelegt sein, dass sie konjunkturelle und ökologische Fortschritte ermögliche.

Dass VW die Produktion in seinen Werken nun wieder hochfährt, wertet Weil als wichtiges „Signal als Zeichen der Belebung“. Das sei auch für die Zulieferer des Autobauers wichtig. Nach Angaben Brandstätters bezieht VW Teile von 6500 europäischen Produktionsstätten. Verkauft VW also Autos, dann hilft das ganz Europa. Der Ministerpräsident würdigt auch das Engagement von Volkswagen beim Schutz seiner Mitarbeiter. In Summe und Systematik sei VW führend.

Nach Angaben von Betriebsratschef Osterloh wurden für die VW-Mitarbeiter 92 Schutzmaßnahmen entwickelt, die nun mit dem Produktionsanlauf erprobt würden. Personalvorstand Gunnar Kilian erläutert, dass die vergangenen Wochen der Produktionspause dafür genutzt worden seien. Er spricht von Schritten in die richtige Richtung, warnt aber auch: „Wir haben Corona nicht überwunden und müssen darauf achten, dass die Fallzahlen nicht wieder steigen.“ Denn das wäre nicht nur ein Rückfall, sondern würde die Corona-Lage dramatisch verschärfen.

Zur Frühschicht am Montag kehren 8000 Mitarbeiter wieder zurück an ihren Arbeitsplatz in der Produktion in Wolfsburg. An eine Fertigung auf Vor-Corona-Niveau ist noch lange nicht zu denken. Bis Ende der Woche sollen zunächst 10 bis 15 Prozent des üblichen Produktionsvolumens wieder erreicht sein. Das wären etwa 400 Autos am Tag. Zunächst gehe es aber darum, die Mitarbeiter an die neue Schutzmaßnahmen und Arbeitsschritte zu gewöhnen, erläutert Produktionsvorstand Andreas Tostmann. Dabei komme es nicht nur auf das Lernen an, sondern auch auf das Korrigieren, damit reibungslos produziert werden könne, ohne den Schutz zu verringern. In der nächsten Woche solle das Volumen dann auf 30 bis 40 Prozent erhöht werden. Los geht es mit der Golf-Produktion, am Mittwoch soll der Bau von Tiguan, Touran und Seat Tarraco beginnen. Die Komponentenwerke Braunschweig und Salzgitter haben die Produktion bereits am 6 April beziehungsweise am 14. April wieder aufgenommen. In Summe wird das Werk Wolfsburg von 2600 Lieferanten versorgt. Wie Tostmann berichtet, werden zunächst bestehende Bestellungen aufgearbeitet. Das weitere Vorgehen hänge dann von der Entwicklung des Kundenzuspruchs ab. Tostmann: „Der Markt ist entscheidend.“ Deshalb fahre VW auf Sicht.

VW-Chef Diess- Müssen das System in Gang bringen

Kraftwerk-Projektion- VW-Logo jagt Coronavirus

Der Tag, an dem sich alles ändert bei Volkswagen

Ab 27. April fahren alle deutschen VW-Werke Produktion hoch

VW-Betriebsrat verhindert Fiebermessung am Werkstor

VW-Kaltstart- 2 Masken pro Tag und Bäckerwagen vor den Toren

VW braucht 600.000 Schutzmasken – pro Woche

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Coronavirus in Niedersachsen- Alle Fakten auf einen Blick

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (13)