Osterloh: „Viele bei VW sehen wirtschaftliche Folgen noch nicht“

Wolfsburg.  Das Coronavirus versetzt VW in den Krisenmodus. Betriebsratschef Bernd Osterloh ärgern Fakenews: „Sie schüren massiv die Unsicherheit“.

Der menschenleere Tunnel zum Tor 17 in Wolfsburg. Seit Donnerstagabend steht die Produktion in den deutschen und europäischen VW-Werken.

Der menschenleere Tunnel zum Tor 17 in Wolfsburg. Seit Donnerstagabend steht die Produktion in den deutschen und europäischen VW-Werken.

Foto: Heiko Lossie/Betriebsrat VW

Donnerstag, 14 Uhr, Wache Nord im VW-Werk Wolfsburg. Eigentlich steht ein ganz normaler Schichtwechsel an. Die Frühschicht strömt aus dem Werk, die Spätschicht hinein. Doch so alltäglich die Szenerie aussieht, so ungewöhnlich ist sie doch. Es ist der letzte Schichtwechsel für zunächst zwei Wochen. Volkswagen schließt seine Werke in Europa und damit auch das Stammwerk in Wolfsburg. Der Autobauer reagiert auf die Auswirkungen der Corona-Krise. Ein drastischer Schritt, so drastisch, dass die wirtschaftlichen Folgen nicht absehbar sind. Das gilt nicht nur für VW, sondern im übertragenen Sinn auch für das gesamte Land, für Europa, für die Welt.

Unbemerkt von den meisten VW-Mitarbeitern rollt am Tor Nord ein schwarzer VW-Bus vorbei. In ihm sitzen Bernd Osterloh, Betriebsratschef des weltgrößten Autobauers, sein Sprecher Heiko Lossie, Armin Maus, Chefredakteur unserer Zeitung und Andreas Schweiger, Leiter der Wirtschaftsredaktion unserer Zeitung. Osterloh hat zu einer Tour durchs Werk eingeladen – eine Art Bestandsaufnahme vor der Zwangspause.

Viele Beschäftigte hätten wegen des Coronavirus große Angst und wollten nach Hause, berichtet Osterloh. Ob die zwei Wochen Schließzeit ausreichen, um die womöglich schlimmste Phase der Corona-Krise zu überbrücken? Wer weiß das schon? „Das kann Ihnen derzeit keiner sagen. Im Management würde man jetzt formulieren: Wir fahren auf Sicht“, sagt Osterloh daher.

Die aktuelle Entwicklung zeige, wie wichtig ein funktionierendes Gesundheitssystem sei. Die Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre habe aber zu Lücken in der Versorgung gesorgt, zum Beispiel in den Krankenhäusern. „Mit Sparplänen kann ich daher nichts anfangen“, sagt Osterloh und wirkt angefressen.

Dafür sorgen Fakenews – falsche, unwahre Nachrichten – die durch die sozialen Medien geistern und auch vor VW keinen Bogen machen. „Die sozialen Medien haben viel mit der Stimmung der Menschen und dem Umgang der Bevölkerung mit dem Corona-Thema zu tun. Sie schüren massiv die Unsicherheit“, schimpft Osterloh. Zudem zeigt er sich besorgt über die ein oder andere Reaktion der VW-Beschäftigten auf die Fakenews aus der Gerüchteküche.

„Wir versuchen, wenn immer es geht, schnell zu helfen. Und wir kleben das Pflaster oft schon, bevor es blutet“, sagt er. Aber in Krisenzeiten wie diesen gelinge das nicht überall sofort. Da gibt es zum Beispiel Mitarbeiter, für die die Kurzarbeit nicht gilt – und die sich deshalb beschweren. Unsere Redaktion erreichte etwa eine Mail, in der sich ein Mitarbeiter aus der Technischen Entwicklung darüber beklagt, dass er weiterarbeiten soll.

Zwar werde die Mannschaft in eine Früh- und eine Spätschicht aufgeteilt, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Es werde aber vergessen, dass Fahrzeuge und Werkzeuge bei der Schichtübergabe nicht gereinigt würden und daher möglicherweise verunreinigt seien. Osterloh wirbt um Verständnis. Und er kritisiert das Unternehmen dafür, dass es die Belegschaft nicht sauber genug darüber informiert habe, wer warum künftig wie arbeiten muss.

Kurzarbeit könne nur beantragt werden, wenn es dafür gesetzliche Gründe gebe. „Wir beantragen in der Produktion Kurzarbeit nicht wegen des Coronavirus, sondern weil Teile fehlen und weil die Nachfrage der Kunden zusammengebrochen ist“, erläutert der Betriebsratsvorsitzende. Davon sei aber nicht die Technische Entwicklung betroffen. „Wer dort arbeitet, für den gelten die Schutzregelungen aus dem Gesundheitswesen, darauf kann sich jeder berufen. Wer dennoch Sorgen hat, der kriegt von seinem Betriebsrat Unterstützung. Wir schauen dann zusammen mit den Fachleuten aus dem Gesundheitswesen, was sich noch verbessern lässt. Und wer gar nicht anders will, der kann Urlaub beantragen oder sein Arbeitszeitkonto nutzen und zu Hause bleiben.“

Manchmal führt die Kurzarbeit zu Rissen innerhalb einer Familie. Ein Partner bleibt zu Hause, einer arbeitet weiter. „Auch da gilt: Nicht jede Abteilung ist aus den beschriebenen Gründen von Kurzarbeit betroffen“, sagt Osterloh. Allerdings sei dies den Betroffenen nicht immer leicht zu vermitteln. Dabei sei es gerade jetzt wichtig, an einigen Projekten mit Hochdruck weiterzuarbeiten.

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Als Beispiele nennt Osterloh den Golf 8, der Ende vergangenen Jahres zu den Händlern kam, sowie das erste rein elektrische Kompaktmodell der Marke VW, den ID.3. Der Stromer soll ab Mitte des Jahres ausgeliefert werden. Beide Modelle haben für die Marke VW und für den gesamten Konzern eine herausgehobene Bedeutung – und beide Modelle haben Probleme mit ihrer Software.

„Das Auto ist noch nicht so, wie es sein müsste“, sagt Osterloh mit Blick auf den ID.3 – was im Umkehrschluss heißt: Es gibt für die Entwickler noch jede Menge zu tun, damit sich VW mit dem stark beworbenen neuen Stromer nicht blamiert. „Deshalb brauchen wir gerade jetzt in der Technischen Entwicklung Führungskräfte, die den Kolleginnen und Kollegen erklären, dass wir die Projekte mit viel Leidenschaft vorantreiben müssen“, fordert er. Damit es auch gelingt, Verständnis für die Ausnahmesituation zu entwickeln. Thomas Ulbrich, ein Eigengewächs des Autobauers und im Vorstand der Marke VW inzwischen für die Elektro-Modelle verantwortlich, sei solch eine Führungskraft. „Wir können froh sein, dass wir ihn haben.“

Die Software-Probleme führt Osterloh auf eine Fehleinschätzung im Unternehmen zurück. „Die Komplexität wurde unterschätzt, zum Beispiel, dass die Steuergeräte so aufeinander abgestimmt sein müssen, dass sie im Gleichklang auf die Millisekunde genau hochfahren.“ Außerdem habe Volkswagen noch immer nicht ausreichend IT-Experten. Der Anteil der Eigenentwicklung bewege sich zwischen 2 und 8 Prozent, Ziel seien mehr als 60 Prozent. Osterloh: „Wir verlieren viel Zeit, weil die Systeme, die wir einsetzen, nicht aus einer Hand kommen.“ Er befürchtet, dass die Corona-Krise die Ursachen zusätzlich vernebelt. „Nun kann immer gesagt werden: Corona hat für Verzögerungen gesorgt.“

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Apropos Corona: Egal ob Mitarbeiter in der Produktion, Manager oder auch Entscheidungsträger außerhalb von VW: „Ich habe den Eindruck, dass etliche den Ernst der Lage noch nicht verstanden haben“, beklagt Osterloh. Und mit Blick in das Unternehmen sagt er: „Die wirtschaftlichen Folgen sehen viele Kolleginnen und Kollegen noch gar nicht.“ Zumal die Tarifkräfte selbst nicht viel auszustehen haben.

Ein Tarifvertrag sorgt dafür, dass Volkswagen bei Kurzarbeit das Kurzarbeitergeld auf rund 100 Prozent aufstockt. Ohne diese Aufzahlung bekämen kinderlose Mitarbeiter 60 Prozent ihres Verdienstausfalls, Mitarbeiter mit Kindern 67 Prozent. „Das ist eine Regelung, die wir schon seit mehreren Jahrzehnten haben. Das hilft jetzt sehr“, sagt Osterloh, während der VW-Bus weiter über das Werksgelände rollt. „Andere Autobauer in Deutschland haben diese Regelung zum Beispiel noch nicht“, sagt er, ohne Namen nennen zu wollen. Ford und Opel gehören dazu.

Osterloh erwartet, dass es sogar noch zu einer Ausgangssperre kommen könnte, sollte die Ausbreitung des Coronavirus nicht verlangsamt werden. „Die Situation könnte für die Unternehmen noch dramatischer werden als in der Finanzkrise 2008 und 2009.“ Damals war Volkswagen mit einem blauen Auge davongekommen – auch dank der vom Bund gezahlten Abwrackprämie für Autos, die auf den Schrott gefahren wurden. „Dieses Mal wird es nicht einfach, das ist nicht allen klar“, betont der Betriebsratschef ein zweites Mal.

In vergangenen Krisen, etwa nach Bekanntwerden des Abgas-Betrugs 2015, haben die Volkswagen-Verantwortlichen stets betont, dass die zwar herausfordernd seien, VW aber gestärkt aus ihnen hervorgehen werde. Ist das bei Corona auch so? Osterloh zögert einen Moment. „Unser Vorteil ist, dass wir mit der Entwicklung der Elektro-Mobilität im Vergleich schon sehr weit sind. Ich gehe davon aus, dass wir unsere Position im Weltmarkt halten.“ Allerdings gebe es eine große Unbekannte – das Kaufverhalten der Kunden.

Osterloh setzt darauf, dass China ein Vorbild sein könnte. Dort brach der Automarkt nach dem Corona-Ausbruch zwar ein, und auch Volkswagen verkaufte dramatisch weniger Autos. „Dennoch war der Rückgang bei uns nicht so groß wie auf dem Gesamtmarkt. Deshalb haben wir Marktanteile gewonnen, was zeigt, dass die Kunden Volkswagen vertrauen.“

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