„Ausmaße des Waldsterbens erreichen historische Dimension“

Braunschweig.  Klimawandel und Schädlinge setzen dem Wald schwer zu, sagt Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten.

Ein Schmetterling sitzt in einem vom Borkenkäfer zerstörten Fichtenwald im Harz.

Ein Schmetterling sitzt in einem vom Borkenkäfer zerstörten Fichtenwald im Harz.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Am auffälligsten ist die Veränderung in unserer Region wohl im Harz: Grüne Fichtenwälder wandeln ist sich in Wüsten, aus denen die vertrockneten, oft rindenlosen Nadelbäume hervorstehen wie die Stacheln an einem Kaktus. Aber auch andernorts fallen dem Beobachter Bäume, etwa Buchen, auf, die viel zu früh ihr Laub abwerfen. Keine Frage, Teile unserer Wälder sind stark geschädigt. Über den Zustand des niedersächsischen Waldes sprach Andreas Schweiger mit Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten.

Herr Dr. Merker, wie geht es unserem Wald?

Der Zustand ist in vielen Regionen in Niedersachsen sehr besorgniserregend. Die Ausmaße des Waldsterbens erreichen eine historische Dimension. Bislang galten die Auswirkungen des Orkans Quimburga im November 1972 als die schlimmste Waldkatastrophe. Damals gab es in Niedersachsen 18 Millionen Kubikmeter Schadholz. Die aktuelle Situation erinnert in ihrem Ausmaß, ihrer Heftigkeit und wegen ihrer Folgen an diese Ereignisse, und wir befürchten vor dem Hintergrund der Klimaprognosen Schlimmeres.

Was macht den Wald so krank?

In den Jahren 2018 und 2019 registrieren wir eine historische Bündelung von Klimaextremen. Zu Beginn des Jahres 2018 hat der Orkan Friederike bereits große Schäden angerichtet. Dann folgte das trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch das Jahr 2019 ist viel zu trocken und sorgte im Juli für neue Hitzerekorde. Diese Witterungslage begünstigt Schädlinge wie den Borkenkäfer oder den Eichenprozessionsspinner.

In diesem Jahr hat es aber mehr geregnet als im vergangenen Jahr. Hat das nicht für einen Ausgleich gesorgt?

Nein, die Regenmengen sind nach wie vor viel zu gering. Zwar sind die oberen Bodenschichten durchfeuchtet, nicht aber der Unterboden ab einer Tiefe von einem Meter. Dort befinden sich die Wurzeln der Bäume. Das heißt, die Bäume stehen seit dem Sommer 2018 trocken – sie verdursten. Wir haben im vergangenen Herbst auf einen nassen Winter gehofft. Das hat sich leider nicht erfüllt.

Wir brauchen also Regen?

Ja, am besten einen Landregen, der über Wochen anhält und langsam versickert. Es fällt nicht nur zu wenig Regen. Wenn es regnet, dann häufig als Wolkenbruch. Die inzwischen geradezu von der Trockenheit betonierten Böden können diese Wassermassen oft nicht aufnehmen, sie fließen oberflächlich ab. Dadurch sind die Talsperren zwar besser gefüllt als vor einem Jahr. Dem Wald ist aber nicht geholfen.

Beschränken sich die Schäden auf die Fichtenbestände?

Nein, inzwischen sind alle Bäume anfällig. Zunehmend leiden auch Buchen, Eichen, Lärchen und Kiefern. Sind die Bäume erst einmal geschwächt, werden sie anfälliger für Schädlinge und Pilze. In den Fichtenbeständen sind die Schäden am sichtbarsten, weil der Borkenkäfer für ein großflächiges Absterben sorgt. Durch die von der Trockenheit begünstigte exponentielle Vermehrung des Borkenkäfers ist allein im vergangenen Jahr eine Freifläche von 5000 Hektar entstanden. In diesem Jahr kommt voraussichtlich noch einmal eine Freifläche in derselben Größenordnung hinzu. Das exakte Ausmaß werden wir im Oktober ermitteln können, wenn die Aktivität der Borkenkäfer abnimmt.

Welche Wälder sind am stärksten betroffen?

Der Harz und der Solling, aber auch die Buchen im Elm werfen bereits ihr Laub ab. Unsere Förster registrieren überall siechende Bäume. Wenn sie durch die Wälder gehen, sind sie wie Ärzte, die jedes Krankheitssymptom registrieren. Die Veränderung des Waldes ist für viele Förster eine große Belastung.

Buchen zum Beispiel galten bisher als Alleskönner im Klimawandel. Dass sie jetzt durch die Trockenheit vorzeitig ihre Blätter abwerfen, pilzanfällig werden und absterben, bereitet uns große Sorgen. Zudem entstehen hier große Gefahren auch für Waldbesucher, weil ganze Kronenteile abbrechen, so dass wir manche Wege oder Waldbereiche sperren müssen.

Wie wollen Sie den Wald kurieren?

Leider können wir nicht für Regen sorgen. Daher versuchen wir, die Schäden zu begrenzen. Das gilt zum Beispiel für den Befall durch den Borkenkäfer. Wir entnehmen befallene Bäume und verkaufen sie so schnell wie möglich. So kommt die Käferbrut, die in der Wachstumsschicht des Baumes sitzt, aus dem Wald. Das ist ein klassisches Verfahren in der Forstwirtschaft.

Ein großflächiger Chemieeinsatz aus der Luft, an den man vielleicht denken könnte, würde nichts bewirken, weil die Käfer unter der Rinde aktiv sind. Und wir denken an die Zukunft und wollen die Freiflächen natürlich wieder aufforsten und so die Naturverjüngung, also die natürlich nachwachsenden Bäume, unterstützen.

Das heißt, die Landesforsten stehen vor großen Investitionen? Um wie viel Geld geht es?

Das Aufforsten eines Hektars kostet im Schnitt 6000 Euro. Bei 10.000 Hektar Freifläche, über die wir reden, sind es 60 Millionen Euro.

Wie viel Hektar forsten die Landesforsten in Durchschnittsjahren auf?

Wir setzen im Durchschnitt jährlich auf 1650 Hektar 4,5 Millionen Pflanzen, die Kosten belaufen sich auf 10 Millionen Euro. Durch die Trockenheit hat sich die Summe also versechsfacht.

Können die Landesforsten diese Investitionen leisten?

Finanziell ist das für uns natürlich eine große Herausforderung. Wir verfügen über Rücklagen, auf die wir zugreifen. Zunächst steht die Rettung des Waldes absolut im Vordergrund. Das ganze wirtschaftliche Ausmaß der Schäden können wir ohnehin noch nicht absehen. Denn eine Folge des aktuell übergroßen Holzangebots ist, dass der Holzmarkt zusammengebrochen ist.

In welcher Größenordnung bewegt sich der Rückgang?

Der Preis für Fichtenholz ist um
50 Prozent gesunken. Es liegt also auf der Hand, dass uns Einnahmen fehlen. Zudem ist der Holzvorrat für die nächsten Jahre abgestorben, Zuwächse fehlen. Die Folgen werden uns noch Jahre begleiten und die Schadenssumme erhöhen.

Wie sehr stehen Sie bei der Aufforstung unter Zeitdruck? Droht auf den Freiflächen zum Beispiel Bodenerosion, wenn nicht rasch aufgeforstet wird?

Nein nicht unmittelbar, weil die Wurzeln der abgestorbenen Bäume das Erdreich noch festhalten. Ohnehin raten die Baumschulen zu einem Vorgehen mit Bedacht.

Warum?

Weil die Mengen an geeignetem Pflanzgut begrenzt sind und der Bedarf in ganz Deutschland riesig ist. Es ist ja nicht nur Niedersachsen von dieser Entwicklung betroffen, sondern ganz Europa.

Wie wird der Wald aussehen, der nachwächst?

Wir setzen auf Baumarten und -mischungen, die den Veränderungen des Klimas besser standhalten.

Also keine Fichten-Monokulturen mehr?

Nein, Eiche, Buche, Kiefer und Lärche müssen ergänzt werden durch Roteiche, Douglasie, Robinie, Küstentanne und Weißtanne. So entsteht ein gesunder Mischwald. Diese Idee ist übrigens nicht neu. Schon seit 1991 schaffen wir zunehmend Mischwälder. Dieser vorsorgliche Waldumbau ist auch weiterhin richtig. Wir sind in der Vergangenheit allerdings davon ausgegangen, dass wir dafür mehr Zeit haben. Die Jahre 2018 und 2019 zeigen aber, dass der Klimawandel angekommen ist. Die einzelnen Klimaextreme verdichten sich. Wir müssen schneller handeln.

Wirkt der Borkenkäfer nicht wie ein Beschleuniger, wenn die Fichtenwälder ohnehin durch Mischwälder abgelöst werden sollen? Ist also alles doch gar nicht so schlimm?

Doch, weil wir nicht wie im Nationalpark Harz über einen Wald sprechen, der ein „Urwald von morgen“ werden soll und sich ohne menschlichen Einfluss über einen langen Zeitraum aus sich heraus selbst erneuert. Wir sprechen stattdessen über bewirtschaftete Wälder, für die das beschleunigte Absterben eine Katastrophe ist.

Schon in den 1980er Jahren gab es über das Waldsterben eine große öffentliche Diskussion. Damals galt der saure Regen als Verursacher. Inwieweit sind die damalige und die aktuelle Entwicklung miteinander vergleichbar?

Verantwortlich für den sauren Regen waren – einfach ausgedrückt – die Fabrikschornsteine. Durch den Einbau von Filtern und Katalysatoren konnte das Problem gelöst werden. Die Ursache heute ist der globale Klimawandel – was viel schlimmer ist. Zwar haben sich die Hauptverursacher auf ein Klimaabkommen geeinigt, die Umsetzung dauert allerdings sehr lange.

Ist die Situation ausweglos?

So weit will ich nicht gehen, zumal es sehr interessante Lösungsansätze gibt. Eine erst vor kurzem veröffentlichte Studie hat errechnet, dass das im Pariser Klimaabkommen formulierte Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf 1,5 Grad zu begrenzen, doch noch erreicht werden könnte, wenn weltweit 1,5 Milliarden bis 1,7 Milliarden Hektar Wald aufgeforstet würden. Das hat zu vielen Diskussionen geführt.

Die Forstministerinnen und Forstminister aus Niedersachsen, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen und Sachsen setzen sich zum Beispiel in einer gemeinsamen Erklärung dafür ein, dass Waldbesitzer in den nächsten vier Jahren 800 Millionen Fördermittel erhalten sollen, um die Waldschäden beseitigen zu können.

Waldbesitzer verdienen in guten Jahren gutes Geld. Warum sollen sie dann in schlechten Jahren mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden?

Weil die vom Klimawandel verursachten Schäden keine normalen, keine durchschnittlichen Schäden und damit normale Risiken sind. Der Klimawandel ist gesellschaftlich verursacht, daher dürfen die Waldbesitzer nicht alleine gelassen werden. Ihre Wälder sorgen für die Erholung der Menschen, für sauberes Wasser, saubere Luft, und sie speichern CO2. Davon profitiert die Gesellschaft. Es wird immer vergessen, dass die Waldbesitzer für diese wertvollen Leistungen keine Cent erhalten. Etwas, was dringend geändert gehört.

Welche Ansätze gibt es noch, um das Aufforsten zusätzlicher Waldflächen zu fördern?

Wenn die Nachfrage nach Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft gesteigert würde, könnte das eine Spirale in Gang setzen, die dem Klima hilft. Holz könnte noch mehr in Häusern eingesetzt werden, in Möbeln, als Kleidung – die Einsatzmöglichkeiten sind quasi unbegrenzt. Je mehr Holz verwendet wird, desto mehr Kunststoff könnte ersetzt werden. Wenn die Holznachfrage steigt, werden mehr Flächen aufgeforstet und dadurch mehr CO2 gebunden. Das verwendete Holz ist neben dem Wald ein weiterer CO2-Speicher. Holz ist nicht nur ein wertvolles, angenehmes Material – es kann zudem einen elementaren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

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