Im Entwickler-Chaos liegt Methode

Oliver Schnell will mit Software-Lösungen die Mobilität von morgen gestalten.

Oliver Schnell (rechts) mit seinem Kollegen Dennis Heider.Foto: Philipp Siebert

Oliver Schnell (rechts) mit seinem Kollegen Dennis Heider.Foto: Philipp Siebert

Als Oliver Schnell seinen neuen Job bei Volkswagen im Februar 2017 antrat, habe er ein großes Fragezeichen im Kopf gehabt. Denn der VW-Abgasskandal war zu diesem Zeitpunkt bereits seit eineinhalb Jahren bekannt. Natürlich sei es ein komisches Gefühl gewesen, sagt der 32-Jährige. „Aber andererseits habe ich es als Chance gesehen, das Unternehmen mit Produkten zu versehen, die uns in der Mobilität weiterbringen.“

Schnell arbeitet als Softwareentwickler im Volkswagen-Digital-Lab in Berlin. Das hat der Wolfsburger Konzern im Oktober 2016 in einem ehemaligen Hafenspeicher am Friedrichshainer Spreeufer eröffnet. Es ist eines von weltweit sechs Standorten dieser Art. Die anderen befinden sich in Barcelona, San Francisco, München sowie zwei am Stammsitz in Wolfsburg. Mit ihnen will der Konzern seine Digitalisierung vorantreiben. Es werden Lösungen etwa zu künstlicher Intelligenz, Mensch-Roboter-Kooperation oder Smart Mobility erforscht und entwickelt. Diese sollen perspektivisch bei allen Marken des Volkswagen-Konzerns Anwendung finden.

Im Berliner Lab arbeiten aktuell 70 IT-Fachkräfte – neben Softwareentwicklern auch Softwaredesigner und Data Scientists. Etwa ein Drittel davon ist weiblich. Da die Beschäftigten aus insgesamt 16 Nationen stammen, ist die Arbeitssprache Englisch. Perspektivisch soll der Mitarbeiterstab auf 120 anwachsen.

Hier wird vor allem Software rund um das vernetzte Fahrzeug entwickelt. Diese soll der Kunde nutzen, um mit seinem Wagen zu kommunizieren. „Wir arbeiten dabei eher am als im Auto“, präzisiert Schnell. So gehe es um Multimedia-Schnittstellen im Smartphone oder Apps, die den Fahrer rechtzeitig etwa über einen zu niedrigen Ölstand informieren. Ein weiteres Projekt unter dem Titel „We Deliver“ setzt sich mit dem Kofferraum als mobiler Packstation auseinander.

Geboren und aufgewachsen im Siegerland kam Schnell vor elf Jahren nach Berlin, um an der Technischen Universität Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Währenddessen begann er bereits in diesem Bereich zu arbeiten. Seinen vorherigen Job aufzugeben und bei VW anzufangen, bereue er keinesfalls, sagte er – im Gegenteil. Und er schätze nicht nur das, woran er arbeite, sondern vor allem die agile Arbeitsweise. Diese erinnere eher an ein Start-up als an einen Großkonzern.

Denn was auf den ersten Blick etwas chaotisch wirken mag, hat durchaus Methode. Vorgegangen wird nach dem sogenannten Extreme Programming – einer Arbeitsweise, die vor allem in der Tech-Szene des Silicon Valley verbreitet ist. Dabei haben die Entwickler weniger das formale große Ganze im Blick. Vielmehr wird parallel an kleineren Problemen gearbeitet und das Entwickelte kontinuierlichen Tests unterzogen. So kann es an geänderte Anforderungen schneller angepasst werden.

Teams von acht bis zehn Personen arbeiten im Digital Lab an einem Projekt. Klare Hierarchien gebe es nicht, so Schnell. Die Verantwortung liege damit bei allen. Diese Teams werden in regelmäßigen Abständen neu zusammengestellt. So soll sich das Wissen möglichst weit ausbreiten. Innerhalb der Teams wird nach dem Pairing-Konzept gearbeitet. Zwei Mitarbeiter teilen sich einen Rechner mit zwei Bildschirmen, Mäusen und Tastaturen. Während der eine programmiert und sein Vorgehen schildert, hört und sieht der andere zu, stellt Fragen oder gibt Kommentare. „Da muss man manchmal lernen, sich zurückzunehmen“, berichtet Schnell. Auf der anderen Seite profitiere man aber auch vom Wissensvorsprung des Partners.

Nach einem festgelegten Zeitraum werden die Rollen getauscht. Die Paare werden täglich neu zusammengestellt. „Dadurch erzeugen wir eine relativ hohe Qualität, da sehr viele Augen auf einzelne Komponenten gucken“, sagt Schnell. Das würde Synergien erzeugen. An das hohe Arbeitstempo habe er sich mittlerweile gewöhnt. „Ich brauche Aufgaben, die mich fordern.“

Das Wissen der Mitarbeiter soll durch regelmäßige Vorträge, Fort- und Weiterbildungen vertieft werden. Im Arbeitsalltag sorgen unter anderem eine Tischtennisplatte, ein Raum mit Spielkonsole und regelmäßige gemeinsame Aktivitäten für Zerstreuung. „Es fühlt sich tatsächlich eher an wie eine Familie, die jeden integriert und für die man da ist“, sagt Schnell. Für Volkswagen ist dies die Arbeitsweise der Zukunft, heißt es. Sie soll eine neue, offenere und transparentere Unternehmenskultur widerspiegeln und sich im Konzern ausbreiten.

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