„Wir nehmen andere mit auf unsere Reise“

Daniel Canis und Tobias Ludwig entwickeln den Mobilitätsdienst X-Shuttle. Der On-Demand-Dienst steht kurz vor der Serienreife.

Wenige Kilometer vom Wolfsburger VW-Werk entfernt liegt die IT-City von Volkswagen. Die Straße, die früher „Hinter den Kohlgärten“ hieß, nennt sich heute „Innovationskamp“. Auf der gegenüberliegenden Grünfläche stehen alte Reetdach-Häuser, doch auf der anderen Straßenseite ist der neue Straßenname Programm – zumindest bei den Mitarbeitern des Konzernbereichs Digitalisierung. Ein Trupp von 65 Mann arbeitet hier unter der Ägide von Johann Jungwirth – genannt JJ – in offener, wenig hierarchischer Start-up-Atmosphäre. In der IT-City arbeiten zudem 1600 Mitarbeiter der Konzern-IT. Neben der Innovation, so wirkt es, hat im Bereich Digitalisierung auch der von höchster Führungsebene bei Volkswagen gewünschte interne Kulturwandel sein Zuhause. Daran wirken auch Daniel Canis, 40 Jahre, und Tobias Ludwig, 46 Jahre, mit. Die zwei Kollegen arbeiten seit Jahren für Volkswagen. Seit dem Oktober 2016 kümmern sie sich um das Projekt X-Shuttle.

„Wir erforschen, wie ein Mobilitätsservice aussehen muss, mit dem Pendler ihr eigenes Auto stehen lassen können“, sagt Projektleiter Canis. Es ist ein Widerspruch: Auf der einen Seite strebt Volkswagen wie jedes Unternehmen Wachstum an – das bedeutet heutzutage noch, viele Autos zu verkaufen. Zugleich baut sich der Konzern mit dem Sektor Mobilitätsdienstleistungen ein zweites Standbein auf, um für die Zukunft gewappnet zu sein. „Das Geschäftsmodell, Autos zu produzieren und zu verkaufen, ist alt. Wir gehen davon aus, dass die Bevölkerungsdichte in Städten weiter zunimmt und dass längst nicht mehr jeder Bewohner ein eigenes Auto haben wird“, erklärt Canis. Schon heute würden Mobilitätsdienstleistungen wie „Ride Hailing“ – also das Buchen von Fahrten per Smartphone – weltweit 44 Millionen Mal pro Tag genutzt, darunter zum Beispiel Fahrten mit Uber in den USA oder Didi Chuxing in China.

Wolfsburg ist eine Pendlerstadt. Täglich fahren hier knapp 80 000 Menschen aus und ein. In der Rushhour, etwa zu Schicht-beginn oder -ende im Werk, staut es sich auf den Straßen, Unfälle passieren. Autofahrer reagieren laut Canis und Ludwig mit Stress auf viel Verkehr. Um das nachzufühlen, stellen sie in ihrer Abteilung verschiedenste Verkehrssituationen nach – „immersiv“, also mit allen Sinnen. Dafür gibt es in ihrem Labor eine Multimedia-Ecke, in der sich die Service-Designer zum Beispiel mithilfe von Geräuschkulissen und Virtual-Reality-Brillen in verschiedene Situationen des Kunden versetzen, etwa in die eines Passagiers im Shuttle-Bus am Flughafen. „Wir müssen den Stress fühlbar machen“, sagt Canis. Erst aus dieser Erfahrung heraus könnten sie die richtigen Lösungen für Kunden anbieten. Einige Situationen im Kundenerlebnis, zum Beispiel vor und während der Abholung, stellen sie mit Lego nach.

Das Pilotprojekt, in dem der X-Shuttle vom östlichen Ringgebiet in Braunschweig – wo nach Angaben der Entwickler besonders viele Mitarbeiter wohnen und die Parksituation besonders schlecht sei – nach Wolfsburg pendelte, endete nach sieben Monaten im vergangenen Dezember. 35 immer mal wieder wechselnde Personen haben daran teilgenommen. Über eine App meldeten sie sich für den X-Shuttle an. Morgens wurden sie von dem Shuttle – damals gesteuert von Mitarbeitern eines externen Dienstleisters – an einer in der App angebotenen Haltestelle abgeholt. Die App errechnete den praktischsten Weg und steuerte den Fahrer in dieser Reihenfolge zu den abzuholenden Mitarbeitern. Dann ging es Richtung Wolfsburg. „Wenn wir fünf Shuttle-Fahrzeuge anbieten, mit denen jeweils sechs Personen fahren können, transportieren wir 30 Menschen und haben im besten Fall statt 30 nur 5 Autos auf der Straße“, rechnet der stellvertretende Projektleiter Ludwig vor.

An Bord des Shuttles erwartete die VW-Mitarbeiter ein Service-Paket: W-Lan, Kühlschrank, aufgebrühter Kaffee und Backwaren gegen Entgelt, ein Monitor mit Newsticker und ausleihbare Regenschirme. Zudem konnten sie einen Reinigungsservice für Kleidung und einen Paketdienst in Anspruch nehmen. Im Kofferraum ließen Canis und Ludwig deswegen ein Regal samt Kleiderstange einbauen.

„Es ging uns immer darum, zu verstehen, was der Kunde im Detail will, und den Service ständig zu verbessern“, erklärt Ludwig. Das Ergebnis: Die VW-Mitarbeiter nahmen den Reinigungsservice besonders häufig in Anspruch, frühstückten jedoch lieber zu Hause oder im Büro, nicht aber im X-Shuttle. „Alles im Bereich Essen und Trinken muss auf höchstem Niveau sein. Abgepackte Backwaren oder einfach aufgebrühter Kaffee entsprechen nicht mehr den Erwartungen der Kunden“, lautete die Erkenntnis, die die Designer zogen.

Um solche Vorlieben von Kunden herauszufinden, hat das insgesamt fünfköpfige X-Shuttle-Projektteam viele Befragungen durchgeführt. „Wir müssen bei Volkswagen diese neue Form der Mobilität verstehen lernen. Sie muss Teil unseres Alltags sein“, ist sich Canis sicher. Bei der Befragung kam auch heraus, welche Vorteile der Shuttle gegenüber einer Fahrgemeinschaft hat: In einer Fahrgemeinschaft – so hätten es viele Pilotteilnehmer beschrieben – führe am Ende doch jeder mit, weil man gemeinsam zum Beispiel nach der besten Möglichkeit suche, den Stau zu umfahren. „Im X-Shuttle setzen sich die Kunden in den Wagen und können die Zeit frei nutzen“, sagt Canis. Die Service-Designer versuchten dort die größtmögliche Privatsphäre zu schaffen, indem sie zum Beispiel die Sitze als Einzelsitze und nicht etwa als Bänke konzipierten. Gebaut wurden die X-Shuttle von VW-Nutzfahrzeuge. Überhaupt ist bei dem Shuttle nach Angaben von Ludwig viel in Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen geschehen: Das interne Multimedia-Zentrum habe etwa die Webseite des Projekts erstellt, die Volkswagen-Gastronomie für das Angebot an Bord gesorgt. „Wir versuchen, andere einzubeziehen und mit auf unsere Reise zu nehmen“, sagt Ludwig.

Ein nächster Schritt, um das Pendelprojekt fortzuführen, wäre die Kommerzialisierung des Angebots. Damit das allerdings wirtschaftlich ist, müssen mehr Menschen transportiert werden – mindestens zwölf, haben Canis und Ludwig ausgerechnet. Vorher müssen jedoch noch einige Fragen geklärt werden: Wie können sie etwa vermeiden, dass sich der Arbeitsweg von Fahrgast 1 nicht in die Länge zieht, weil er warten muss, bis auch Fahrgast 12 eingesammelt wurde? Und wie gewährleistet der X-Shuttle, nicht mit der Infrastruktur des öffentlichen Personennahverkehrs zu kollidieren? Canis sieht in Letzterem ein übergeordnetes Problem, das die Politik lösen müsse. „Um Verkehr effizienter zu machen, muss die Politik die strengen Regularien für den öffentlichen Nahverkehr und das Taxigewerbe öffnen und Synergien ermöglichen. Sie muss den nächsten Schritt machen“, sagt der 40-Jährige. Seiner Vorstellung nach müssen die verschiedenen Systeme miteinander verwoben werden, ein flexibler Shuttle-Dienst könnte etwa wenig ausgelastete Buslinien im öffentlichen Nahverkehr ersetzen.

Volkswagen strukturiert momentan die Mobilität am Standort Wolfsburg um. In Kürze soll sich entscheiden, ob auch der X-Shuttle ein Teil der neuen Lösung ist. Denn parallel zum Pendlerprojekt fährt der X-Shuttle nach wie vor zwischen schlechter angebundenen Außenstandorten in Wolfsburg und dem Werksgelände. Die VW-Mitarbeiter buchen den Dienst über eine App, können sich an einer Vielzahl von Haltestellen abholen und zu einer Zielhaltestelle fahren lassen. Die fünf Crafter werden inzwischen von VW-Mitarbeitern gefahren. „Grundsätzlich wollen wir die Flotte vergrößern, dann wird der Service noch effizienter“, sagt Canis. Die Nachfrage nach den On-Demand-Fahrdiensten sei groß, es gebe sogar eine Warteliste für die Registrierungen.

Hin und wieder muss die App noch optimiert werden: Dann gehen auf dem Tablet des Fahrers neue Buchungen ein, die älteren rutschen nach unten, ohne dass sie abgearbeitet wurden. Die Entwickler haben deswegen den Algorithmus der Anwendung vor kurzem angepasst. Um solche Dinge zu erfahren, setzen sich die Entwickler regelmäßig mit den Fahrern zusammen. „Die Feedback-Schleife ist extrem wichtig“, sagt Canis. Vor kurzem hat er selbst eine Kundin gefahren, weil die anderen Fahrer ausgebucht waren. „Solche Echt-Welt-Erfahrungen sind super wichtig“, sagt er.

Ein weiteres Ziel dieses Führungs-Duos ist es übrigens, einen E-Shuttle anzubieten. Und eine E-Bike-Station, deren Fahrräder die Erlaubnis haben, auf das Werksgelände zu fahren, soll in der IT-City als Pilotprojekt auch in Kürze eingeweiht werden. Ludwig sagt: „Das wird auch zu einem wichtigen Teil der Mobilität.“ Und dann sagt er einen Satz, den man derzeit über den größten Autobauer der Welt nicht ganz so oft hört: „Es ist gerade eine ganz tolle Zeit bei VW. Auch weil wir hier in Richtung Zukunft gehen.“

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