Der Job, den es eigentlich gar nicht gibt

„Werkzeug-Papst“ Elbe konstruiert Hilfswerkzeuge für die Produktion. Seinen Arbeitsplatz hat er selbst erfunden.

Burkhard Elbe ist ein Macher. Der 56-Jährige redet nicht nur, sondern macht einfach. So hat er vor gut 30 Jahren seinen Job bei VW quasi selbst erfunden. Bis heute ist seine Mini-Abteilung einzigartig bei der Marke Volkswagen. Gemeinsam mit zwei Kollegen konstruiert er im Wolfsburger Stammwerk eigenhändig Hilfswerkzeuge für die Produktion. Im Werk werde er auch „Werkzeug-Papst“ genannt.

Die meisten seiner Aufträge besorgt sich Elbe selbst. „Ich kann nicht rumsitzen und warten.“ Regelmäßig besucht er die Montagelinien, guckt und fragt, wo es hakt beziehungsweise an welchen Stellen sich die Produktionsabläufe optimieren lassen. Weil zum Beispiel Schraube und Schließbügel aus Edelstahl sind, lässt sich das Ansetzen von Werkzeugen nicht per Magnet erleichtern. Die mögliche Folge: teure Lackkratzer. Elbes Lösung: ein „Ansetzer“ aus Kunststoff, der beispielsweise den Kopf des Akkuschraubers umschließt – und erst verschwindet, wenn der Werker den Schrauber richtig angesetzt hat. Rund 200 Lösungen mit 300 bis 400 Werkzeugen liefert das Team aus Halle 16 pro Jahr, wie Elbe schätzt. Die drei gehören zur Abteilung Förder-Behälter und Anlagentechnik.

„So schnell wie wir ist keine Firma“, sagt der Vordorfer aus dem Kreis Gifhorn. Bekomme er morgens einen Auftrag, liefere er die Lösung teils am selben Tag. Zuverlässigkeit ist ihm wichtig – wenn es mal zu lange dauert, weil sich die Aufträge stauen, kann der 56-Jährige nicht mehr in den Spiegel sehen, wie er sagt. Dann bittet er um personelle Verstärkung.

Elbe ist gelernter Schlosser. Als er vor 32 Jahren eine Familie gründen wollte, wünschte er sich einen sicheren Job. Damals wie heute bedeutet das für den gebürtigen Gifhorner: VW. Doch in der Produktion hielt er es gerade einmal ein Dreivierteljahr aus. Das kann doch nicht alles gewesen sein, dachte er sich – und schrieb einen Brief an den damaligen Werkleiter. Sein damaliger Abteilungsleiter war zunächst wenig begeistert von Elbes Ideen, wie sich die Produktion verbessern ließe. Der Werkleiter erkannte jedoch, dass sich Elbes Eifer lohnt – und stellte ihn von heute auf morgen frei. Auch ein paar Mitstreiter sollte er sich suchen.

Heute konstruiert das Team beispielsweise eine Einstellhilfe, damit die Motorhaube die richtige Position für die „Hochzeit“ mit dem Motor hat – stünde sie zu hoch, würde sie weggerissen. Für die Entwicklung dieses Hilfswerkzeugs baute Elbes Team die Frontklappe nach. Ein anderes Mal machte der 56-Jährige einfach aus zwei Hämmern einen. Denn beim Einschlagen von Leisten entsteht Abrieb, je nach Farbe brauchen die Werker deshalb einen anderen Hammer. Elbes Eigenkonstruktion erspart ihnen den Wechsel: Die eine Seite ist schwarz, die andere weiß.

Beim Start neuer Produktionslinien ist Elbes Einsatz manchmal ebenfalls gefragt. Das Team fertigt in Wolfsburg zum Beispiel auch Werkzeuge für den Produktionsanlauf in China. Noch immer scheint es Elbe nicht fassen zu können, welche „Chance“ er bei VW bekam, „sich so kreativ zu entfalten“. Inzwischen war er bereits mehrmals in China oder Russland. „Wo kriegst du das schon geboten“, sagt er.

Geboten bekommt er bei dem Autobauer außerdem ein gutes Gehalt und gute Arbeitsbedingungen, wie Elbe findet – ein Grund, warum er nach seinem Sohn nun auch noch seine Tochter für das Unternehmen begeistert hat. Die 26-Jährige hat gerade ihren Vertrag mit Volkswagens Zeitarbeits-Tochter unterschrieben und arbeitet nun bei den VW Financial Services in Braunschweig. Ihr 29-jähriger Bruder ist von Wolfsburg aus für VW Nutzfahrzeuge in Hannover tätig.

Elbes Frau kümmert sich als „Oberhäuptling“ um das Heim in Vordorf, wo die beiden neben Elbes Elternhaus gebaut haben. In Letzteres ist inzwischen der Sohn eingezogen. „Ich bin ein Ureinwohner“, sagt Elbe. Auch im Fußball ist er eng mit seiner Heimatregion verbunden. Bei Eintracht Braunschweig ist er Dauergast im Stadion, und auch beim VfL Wolfsburg schaut er ab und an vorbei. Früher spielte er selbst in der zweiten Mannschaft der Eintracht und trainierte den VfL Fallersleben.

Seine Frau hat es im Werk zu einiger Berühmtheit gebracht. Eigentlich sollte es ein Scherz sein, damals bei einer Präsentation vor Managern. Um die etwas angespannte Stimmung zu lockern und nicht zuletzt sich selbst zu beruhigen, sagte Elbe auf eine Frage: „Da muss ich erst meine Frau fragen.“ Doch die Führungskräfte nahmen den Spruch ernst und wollten sich am nächsten Tag wiedertreffen. Seitdem wird ihm im Werk immer mal zugerufen „Frag doch mal deine Frau“.

Als „kleiner Hanswurst“, wie er selbst sagt, war er damals aufgeregt, als er vor Managern präsentierte. Doch Elbe macht einen Kulturwandel in Wolfsburg aus. So werde heute etwa jeder Mitarbeiter, egal welcher Position, ernst genommen. Themen würden offener besprochen. Die Diesel-Krise hat nach seinem Empfinden zudem das Wir-Gefühl gestärkt. Während früher jeder für sich glänzen wollte, arbeiteten inzwischen alle stärker zusammen.

Elbe selbst warf der Skandal emotional nur kurz aus der Bahn. Vor rund zweieinhalb Jahren, als die Manipulationen bekannt wurden, war es ihm unangenehm zu sagen, dass er bei VW arbeitet. Heute sagt er: „Ich stehe zu VW“, schwarze Schafe gebe es überall. Seitdem strenge er sich sogar noch mehr an, um „das Beste“ für VW zu leisten. Zwar hatte der Tüftler selbst nichts mit dem Betrug zu tun, „aber wir gemeinsam müssen den Karren da rausziehen“. Er fühle sich mit angesprochen, schließlich trage er den Namen VW auf der Arbeitskleidung.

Die vergangenen zwei Jahre seien das bisher härteste Programm gewesen, findet Elbe. Doch der Autobauer sei inzwischen auf dem besten Weg – und die Modelle gut. VW habe genug gelitten und müsse jetzt Gas geben, um das durch die Diesel-Krise verlorene Geld wieder einzuspielen.

VW ist Elbes Leben – fast so wichtig wie seine Familie sei ihm der Job, sagt der Vordorfer. „Für VW würde ich mein letztes Hemd geben.“ Deshalb kann er sich auch nur schwer vorstellen, in Altersteilzeit zu gehen, falls sein Jahrgang das Angebot bekäme. Zwar habe er dank VW alles in trockenen Tüchern. Aber: „Den Job möchte ich nicht missen – jeden Tag eine neue Herausforderung.“ Schon bei dem Gedanken bekomme er Gänsehaut. Dabei hätte er auch ohne VW genug zu tun. Nebenbei macht er sich zusammen mit seinem Vater, einem Maurer, auf kleineren Baustellen im Innenausbau nützlich.

Den Abbau von Arbeitsplätzen bei VW kann der „Werkzeug-Papst“ nachvollziehen. Denn die Digitalisierung verschiebe Aufgaben. „Ich gebe Gas, damit ich meinen Job nicht verliere“, sagt Elbe. Doch nicht nur dem 56-Jährigen würde vermutlich etwas fehlen. Seine Hilfswerkzeuge erleichtern nicht nur den Werkern die Arbeit, sondern lohnen sich für den Autobauer auch finanziell. Der „Ansetzer“ aus Kunststoff zum Beispiel vermeidet Lackkratzer und somit Nacharbeit, die übers Jahr bis zu knapp 400 000 Euro kosten würde.

Manche Mitarbeiter seien allerdings auch genervt von immer neuen Werkzeugen, weiß Elbe. Aber sie müssten ja nicht alle verwenden. „Wenn 70 bis 80 Prozent sie nutzen, habe ich alles richtig gemacht.“

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