Sie weiß, woher der Wind weht

Die 31-jährige Katharina Brechler bereitet Testläufe im Wolfsburger Windkanal vor und sorgt für deren reibungslosen Ablauf.

Katharina Brechler mag es windig. Zumindest im übertragenen Sinn. Korrekterweise muss man sogar sagen: windig bis stürmisch. Die 31-Jährige ist Windkanal-Fahrerin im VW-Werk Wolfsburg, dem Stammwerk des Autobauers.

Um gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen: Katharina Brechler sitzt nicht in schicken Autos und fährt sie im Windkanal, wie ihre Berufsbezeichnung zuerst vermuten lässt. Sondern sie fährt den Windkanal. Soll heißen: Sie bereitet die Tests im Windkanal vor und sorgt dafür, dass im Anschluss die Versuchsläufe störungsfrei und sicher absolviert werden können. Gerade der Sicherheitsaspekt ist wichtig, weil bei den Versuchen enorme Kräfte im Spiel sind. Nicht selten dauern die Vor- und Nachbereitung der Testläufe länger als die Versuche selbst.

Weil sie die Verantwortung dafür trägt, hat Katharina Brechler während der Tests das Sagen. „Das Durchsetzungsvermögen musste ich mir hier schnell aneignen. Das war aber gut, weil ich daran gewachsen und gereift bin“, sagt sie. Eine weitere Eigenschaft kennzeichnet ihre Tätigkeit: Der Windkanal befindet sich in Wolfsburg in einem besonders gesicherten Bereich, der Forschung und Entwicklung. Alle Mitarbeiter dort sind auch Geheimnisträger. Dazu gehört Verschwiegenheit.

Im Windkanal wird unter anderem der Luftwiderstand von neuen Modellen und Komponenten optimiert. Schon erste, aus Ton gefertigte Entwürfe künftiger Autos werden im Windkanal getestet. Nach wie vor gilt: Der Luftwiderstand ist der bedeutendste Faktor für den Kraftstoffverbrauch. Daraus lässt sich die Formel ableiten: Je geringer der Luftwiderstand, desto geringer ist der Verbrauch. Und je geringer der Verbrauch ist, desto weniger CO2 stößt ein Fahrzeug aus. Daher sind die Testläufe eine ganz wichtige Etappe in der Fahrzeug-Entwicklung.

Dazu können im Windkanal verschiedenste Witterungsbedingungen simuliert werden. Das Temperaturspektrum etwa reicht von 30 Grad Celsius Frost bis zu 60 Grad Celsius Hitze. Sogar schneien kann es im Windkanal, und die Luftfeuchtigkeit kann bis auf 95 Prozent getrieben werden. In den Testläufen erreichen die Fahrzeuge auf den Rollen Spitzengeschwindigkeiten von 250 Kilometern je Stunde.

Nicht nur der Luftwiderstand der Fahrzeuge und Komponenten wird verbessert, sondern auch ihre Geräuschentwicklung. Das Ziel: Autos sollen nicht mehr Lärm verursachen als nötig. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern erhöht zudem den Komfort für die meisten Autofahrer.

VW unterhält in Wolfsburg drei Windkanäle. Der erst wurde 1965 in Betrieb genommen, der zweite 1985. Der dritte Windkanal startete erst im zurückliegenden November. 100 Millionen Euro hat das Unternehmen in die Anlage investiert. Das Besondere: Die Luft wird nicht einfach geradlinig durch den Kanal geblasen, sondern zirkuliert in der Anlage. Einmal in Bewegung gekommen wird der Energieverbrauch der Turbine, die die Luft beschleunigt und deren Durchmesser neun Meter misst, gesenkt.

Windkanal-Fahrerin ist Katharina Brechler als Seiteneinsteigerin geworden – im Sommer 2016. Zuvor hat sie als Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschuk-Technik ebenfalls in der Forschung und Entwicklung gearbeitet, im Styropor-Modellbau. Dass sie die Abteilung wechselte, ist eine Folge des Umbruchs, den VW seit rund zwei Jahren durchläuft.

Als Folge des Abgas-Betrugs ist beim Autobauer vieles in Bewegung geraten. Dazu gehört einerseits die unmittelbare Aufarbeitung des Skandals. Und der ist mit enormen Kosten verbunden – bisher etwa 25 Milliarden Euro. Die Konsequenz: In allen Unternehmensbereichen wird gespart. Parallel dazu hat sich die Marke Volkswagen ein tiefgreifendes Programm verordnet, um profitabler zu werden und um sich technisch zu erneuern. Dazu gehören Elektro-Mobilität, Digitalisierung und autonomes Fahren. Das Unternehmen will künftig in der Entwicklung nicht nur mitschwimmen, sondern als Großserien-Hersteller und Anbieter von Elektro-Fahrzeugen weltweit eine führende Rolle spielen.

Zu diesem Umbau gehört auch ein umfassender Stellenabbau. Weltweit will das Unternehmen 30 000 Arbeitsplätze abbauen, davon 23 000 in Deutschland. Zugleich sollen in Deutschland 9000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden – in sogenannten Zukunftsfeldern. Dazu gehören Berufe rund um die Digitalisierung. Geregelt wird der gesamte Umbau der Marke Volkswagen im „Zukunftspakt“, den Unternehmensleitung und Betriebsrat vereinbart haben.

Vielen Mitarbeitern wird Altersteilzeit angeboten; andere Beschäftigte, deren Arbeitsplatz nicht mehr benötigt wird, erhalten Angebote für eine neue Aufgabe. Unter ihnen ist Katharina Brechler. „Natürlich hatte ich Angst vor der Veränderung. Mir wurden aber verschiedene Angebote vorgelegt, unter denen ich auswählen konnte“, berichtet sie. Das habe ihr ein gutes Gefühl gegeben. „Die Angst war weg.“

Die Stelle im Windkanal sei ein Volltreffer gewesen. „Das ist eine spannende Aufgabe und tolle Abteilung, die Kollegen haben mich super aufgenommen“, sagt sie. Im Zweischichtbetrieb arbeitet Katharina Brechler hauptsächlich für die Marke Volkswagen. Aber auch andere Marken des VW-Konzerns gehören zu ihren „Kunden“, wie sie selbst sagt. Der Anblick eines Bentley oder Bugatti ist ihr also ebenso wenig fremd wie der eines Prototypen.

Nach wie vor beeindrucke sie die Größe der Anlage und die Vielschichtigkeit der Testläufe. „Deshalb ist jeder Tag neu, jeder Versuch anders. Für mich gibt es immer wieder neue Prüfungen“, sagt Katharina Brechler.

Aufgewachsen ist sie in Gifhorn, einer Kreisstadt etwa 25 Kilometer nordwestlich von Wolfsburg. Dort lebt Katharina Brechler noch heute. Dass sie nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung bei Volkswagen anstrebt, stand für sie außer Frage. 2009 war das.

„Meine Eltern sind bei VW, meine Onkel und Tanten auch. VW ist ein sehr guter Arbeitgeber, der sichere Arbeitsplätze bietet, gute Löhne zahlt und tolle Autos baut“, sagt sie und fügt hinzu: „Wer fleißig ist, kann weiterkommen, wird gefördert, für das Studium freigestellt und kann anschließend ins Ausland.“ Das ermögliche auch die starke Stellung des Betriebsrats, der sich für gute Arbeitsbedingungen einsetze.

Katharina Brechlers Werdegang ist in und rund um Wolfsburg kein Einzelfall. Das Unternehmen beschäftigt in einem Umkreis von etwa 30 Kilometern rund um die Konzern- und Markenzentrale etwa 100 000 Menschen. Oft sind ganze Familien über mehrere Generationen bei Volkswagen beschäftigt. Die Identifikation der Südost-Niedersachsen mit Volkswagen ist entsprechend groß.

Auch deshalb war der Schock groß, als im September 2015 der Diesel-Skandal öffentlich wurde. „Es war nicht schön zu hören, wie über den Arbeitgeber geredet wird“, erinnert sich Katharina Brechler. Sie und ihre Kollegen hätten als Reaktion eine Jetzt-erst-recht-Haltung eingenommen. „Wir stehen zu VW, das stand nie zur Debatte“, sagt sie und ergänzt: „Wir rappeln uns auf und haben das Vertrauen, dass alles aufgearbeitet wird und in Ordnung kommt.“

Auch mit Blick auf ihre berufliche Laufbahn hat Katharina Brechler noch so einiges vor. Aktuell besucht sie drei Mal wöchentlich vor oder nach der Arbeit sowie regelmäßig samstags die Meisterschule. Im Anschluss soll eine Weiterbildung zur Betriebswirtin folgen. „Ich habe natürlich das Ziel, hier im Windkanal eine entsprechende Stelle zu bekommen und will Verantwortung übernehmen“, sagt sie.

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