„Wir haben nicht genug Brummifahrer“

Braunschweig  Die Branchenvertreter Mathias Karge und Adalbert Wandt beklagen gravierende Nachteile gegenüber ausländischen Spediteuren.

Mathias Krage (links), Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbands, und Adalbert Wandt, Präsidenten des Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, im Interview.

Mathias Krage (links), Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbands, und Adalbert Wandt, Präsidenten des Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, im Interview.

Foto: Geraldine Oetken

Die deutsche Speditionsbranche schlägt Alarm. „Hier herrscht Ungleichheit zulasten der deutschen Betriebe“, sagt Mathias Krage, Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbands. Im Doppelinterview mit dem Braunschweiger Spediteur und Präsidenten des Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, Adalbert Wandt, spricht Karge über den Mindestlohn, ungleiche Kontrollen, Personalmangel und ein Imageproblem. Die Fragen stellte Armin Maus, Ida Wittenberg schrieb das Interview auf.

Auf unseren Autobahnen sehen wir immer mehr Lastwagen aus dem Ausland, insbesondere dem osteuropäischen. Müssen wir uns Sorgen um das deutsche Transportgewerbe machen? Wie gerecht geht es im Speditionswesen zu?

Mathias Krage: Zunächst einmal werden alle Anbieter auf unseren Straßen gleich kontrolliert. Da gibt es keine Unterschiede. Uns trifft jedoch die Überwachung durch Gewerbeaufsicht und Lohnsteuerprüfungen viel stärker. Hier herrscht Ungleichheit zulasten der deutschen Betriebe.

Adalbert Wandt: Straßenkontrollen finden zur Genüge durch das Bundesamt Güterverkehr statt. Unsere Probleme beginnen anderswo. Jeder, der hier in Deutschland fährt, müsste eigentlich den Mindestlohn bezahlen. Da wäre Kontrolle notwendig. Bei uns inländischen Betrieben kann jeder Lohnsteuerprüfer gucken: Ist der Fahrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt oder nicht? Wenn ein ausländischer Spediteur in Deutschland fährt, dann müsste er nicht nur Mindestlohn bezahlen, sondern er würde, wenn er länger in Deutschland bleibt – und es bleiben sehr viele länger, auch über die Grenze von 183 Tagen im Jahr – in Deutschland steuerpflichtig. Und an dieser Stelle funktioniert das System nicht. Wenn einer, sagen wir, ständig zwischen Nord- und Süddeutschland hin- und herfährt, dann müsste er nach sieben Tagen eigentlich das Land verlassen. Wer sich nicht an die Regeln hält, hat große wirtschaftliche Vorteile. Wir erkennen leider, dass es auch einige deutsche Transportunternehmer gibt, die sagen: Dann nehme ich als Fahrer lieber einen Ausländer mit niedrigeren Sozialstandards. So hat z. B. der Anteil polnischer LKW-Fahrer stark zugenommen. Und die sind oft überwiegend in Deutschland unterwegs. Der Transitverkehr, der ja innerhalb der EU wertvoll ist, der soll ruhig so organisiert bleiben. Für uns ist es ohnehin unwirtschaftlich, nach Spanien oder Italien zu fahren, weil der Wettbewerb einfach zu groß ist. Aber dass der deutsche Binnenmarkt dadurch geschädigt wird, das ist unser aller Problem.

Könnten die deutschen Unternehmen denn überhaupt auf die polnischen Fahrer verzichten?

Krage: Wir haben gar nicht genug Fahrer. Das Problem besteht darin, dass wir in Deutschland keine Verbesserung des Images des Berufes eines LKW-Fahrers hinbekommen. Das Lohnniveau steigt auch nicht. Das liegt wieder vor allem daran, dass immer noch Fahrer aus dem Ausland nachrücken. Das heißt: Wir befinden uns in einer Art Teufelskreis.

Also setzt der Wettbewerb das Lohngefüge bei ihren Mitgliedsbetrieben unter Druck. Das führt dazu, dass die Attraktivität des Berufes gemindert wird und der Nachwuchs ausbleibt?

Wandt: Genau so ist es.

Krage: Die ausländische Beteiligung hat es immer gegeben. Die war auch lange von der Bundesregierung gewollt. Andere EU-Bürger sollten hier durch Dienstleistungen etc. verdienen aktuell verlieren wir hauptsächlich Fahrer aus Altersgründen. Jedes Jahr fehlen uns etwa 20 000 bis 30 000 Fahrer und durch den Wegfall der Wehrpflicht kommen kaum noch junge Menschen zu uns.

Wandt: Zudem verlieren wir aktuell viele Fahrer an die Busbranche. Das heißt: Wir bilden aus, jedoch nicht nur für unseren Bereich...

Was tun Sie gegen den Personalmangel? Was tun Sie dafür, dass die Attraktivität der Branche wieder steigt?

Wandt: Berufskraftfahrer ist ein Lehrberuf. Drei Jahre dauert so eine Ausbildung. Wir sind besonders stolz auf eine eigene hervorragende Heinrich-Büssing-Berufsschule in Braunschweig. Sechs weitere Berufsschulen gibt es in Niedersachsen. Bayern hat im Vergleich nur zwei Berufsschulen für Kraftfahrer. Es handelt sich um einen sehr ehrenwerten Beruf. Das muss wieder mehr in den Fokus gerückt werden. Die Arbeitsbedingungen sind auch besser, als viele Menschen denken und als es oft dargestellt wird. Unsere LKW fahren gar nicht bis ans Ende der Welt. Unsere Fahrer sind oft und fast täglich zu Hause. Dass wir an den Wochenenden unterwegs sind, sind extreme Einzelfälle.

Die Vorschriften sind streng und werden auch über mindestens zwei Jahre rückwirkend genau kontrolliert. Als Berufskraftfahrer hat man außerdem sehr viele Möglichkeiten. Entscheidet man sich für diesen Beruf, hat man viele Möglichkeiten und keiner wird arbeitslos.

Es ist außerdem zu erwähnen, dass der fahrerlose LKW in den nächsten 20 Jahren noch nicht kommt. Da sind wir uns sicher.

Wandt: Wir haben die traditionelle Sympathie-Figur „Brummi“ wiederbelebt, denn das Selbstbewusstsein unserer Branche muss gestärkt werden. Ohne die „Brummis“ ist die Versorgung der Gesellschaft nicht gewährleistet. Das ist das Kernargument. Der „Brummi“ steht für ein Geschäft, welches das ganze Jahr hindurch für Beschäftigung sorgt. Insbesondere in den engen Osterwochen mit vielen Feiertagen hat die Versorgung höchste Priorität.

Vermehrt sieht man Dreieinhalbtonner auf den Straßen – Lastwagen, die wie Sprinter mit komischen Dachkabinen aussehen. Es hat den Anschein, also würden die Fahrer unter großem Zeitdruck stehen - ihr Fahrverhalten ist jedenfalls entsprechend.

Wandt: Von diesem Klein-LKW-Typ sind bestimmt 20 000 auf unseren Straßen unterwegs. Sie arbeiten z. B. für Amazon oder andere große Firmen und liefern „mal eben schnell“ Sachen aus. Diese Fahrer haben jedoch keine Lizenz. Sie sind ohne Kontrollen und ohne Maut unterwegs. Hier fordern wir ganz klar neue Regelungen. Sie sollten genauso wie die Transporteure in höheren Gewichtsklassen behandelt werden. Außerdem wären auch eine Begrenzung der Geschwindigkeit und gewerbliche Zulassung in Deutschland sinnvoll. Die Versicherungen sagen hier ganz klar, dass es sich hauptsächlich um ausländische Fahrer handelt, bei denen oft ein erhöhtes Unfallrisiko besteht. Auch eine Kontrolle der Ladungssicherung ist notwendig. Wir fordern digitale Tacho-grafen und konsequente Kontrollen. Wir brauchen mehr Ordnung.

Wo liegt die Perspektive der deutschen Spediteure?

Wandt: Es gibt drei Punkte zu beachten. Erstens: Wir reden in Deutschland von einem Wirtschaftswachstum von zweieinhalb Prozent. Wir wissen aus langjährigen Erfahrungen, dass der Faktor Verkehr dann um das Dreifache wächst. Zweitens: Wenn wir eine Stunde mehr Pause zwischen zwei Lenkzeiten vorgeschrieben bekämen, dann brauchen wir 12,5 Prozent mehr Parkplätze. Drittens: Die Probleme mit dem Straßenausbau und den Brückensanierungen eskalieren. Der Staat hat einfach nicht genug Geld für die Infrastruktur ausgegeben.

Erst jetzt nach Dobrindt und Schäuble kann (und muss) mehr ausgebaut werden. Das ist unser klarer Appell an die Politik. Das Gewerbe zahlt inzwischen hohe Milliardenbeträge an Maut, ab dem Sommer 2018 auch auf den Bundesstraßen.

Eine Forderung gilt dem Lückenschluss der Autobahn 39 in Richtung Hamburg. Welche Folgen wird diese Abkürzung für den Verkehr in unserer Region haben? Allein der Werksverkehr rund um Wolfsburg überfordert das Straßennetz heute schon...

Wandt: Unsere Forderung für die Region ist ein dreispuriger Ausbau. Die A 39 hätte man gleich dreispurig und den Abschnitt Magdeburg-Hannover vierstreifig bauen können. Die Verkehrsinfrastruktur muss sich verbessern.

Genervte PKW-Fahrer ärgern sich über Lastwagen, die auf einer dreispurigen Autobahn schon mal zwei Spuren für sich beanspruchen. Oft wird ein Überholverbot für LKW gefordert. Was sagen sie dazu?

Wandt: Das ist leider Schwachsinn. Aber ich kann das Problem schon verstehen. Die Autobahnen sind voll, häufig haben wir rechts eine Schiene mit LKW. Da kommt keiner raus und oder rein. Das erhöht das Unfallrisiko. Dagegen würden übrigens keine Abbiege-Assistenten helfen, die im Stadtverkehr für die Fahrer das Problem des toten Winkels lösen. Bis jedes ältere Nutzfahrzeug ausgetauscht ist, dauert es aber noch.

Alle reden über Elektro-Mobilität. Sie auch?

Krage: Elektro ist für den LKW momentan noch nicht vorstellbar. Die Frage, die sich uns stellt, ist: Woher kommt der Strom?

Ist die Brennstoffzelle für sie ein Thema?

Wandt: Bis die Infrastruktur dafür aufgebaut ist, vergehen etwa 30 bis 50 Jahre. Das ist technisch zwar alles möglich, ist aber aktuell noch kein Thema.

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