„VW macht einen schweren Fehler“

Wolfsburg  Mit Entschädigungen könnte VW das Vertrauen seiner Kunden zurückgewinnen, sagt Rechtsanwalt Julius Reiter. Der Autobauer sieht dafür keine Basis.

In Deutschland und Europa sei kein Schaden erkennbar, heißt es aus dem Hause Volkswagen. Schadenersatz oder Rücknahme des Autos – das fordern vor Gericht zahlreiche VW-Besitzer, deren Fahrzeug von den Abgas-Manipulationen betroffen ist. In Deutschland ist die Rechtsprechung bislang nicht einheitlich. Mal wird im Sinne der Kläger entschieden, mal gegen sie. VW lehnt bislang Schadenersatz für europäische Kunden ab.

Rechtsanwalt Julius Reiter von der Düsseldorfer Kanzlei Baum, Reiter und Collegen, die zahlreiche VW-Kunden und -Aktionäre vertritt, hält das für einen „schweren Fehler“. „Die meisten Kunden finden die Marke VW doch gut. Sie haben sich bewusst für ein VW-Modell entschieden. Das darin liegende Potenzial blendet VW bisher völlig aus“, kritisiert Reiter gegenüber unserer Zeitung.

Dabei könne Großzügigkeit helfen, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen und sie an die Marke zu binden. „VW könnte aus dem Nachteil einen Vorteil machen und einen Maßstab anlegen, der den Wettbewerb unter Druck setzt“, sagt Reiter. Zumal nach seiner Einschätzung feststeht, dass auch andere Hersteller bei den Abgaswerten getrickst haben. „Das wird noch weitere Kreise ziehen.“

Soll heißen: Rückrufe für Autos anderer Hersteller könnten folgen. Diese müssten sich dann an VW messen lassen. Reiter hat keinen Zweifel daran, dass der Rückruf für die VW-Modelle geboten ist, denn die Schadstoffe würden ohne die manipulierte Software weit über den für die EU geltenden Grenzwerten liegen.

Die deshalb erforderliche Nachrüstung der Autos sollte VW nach seiner Auffassung mit Entschädigungen koppeln. „Je nach Schaden könnten das Zahlungen sein, ebenso wie Preisnachlässe für den Kauf eines neuen Autos oder Gutscheine für die VW-Werkstatt“, sagt Reiter. Das sei nicht nur für die Kunden reizvoll, sondern schaffe zudem eine Sonderkonjunktur für VW-Händler und -Werkstätten.

VW will seine Kunden – anders als in den USA – in Deutschland und Europa allerdings nicht entschädigen. Die Argumentation des Autobauers: Im Gegensatz zu den USA sei den VW-Haltern hierzulande kein Schaden entstanden. Die Autos könnten weitergefahren werden, ein Wertverlust beim Verkauf sei nicht festzustellen, die Nachrüstung erfolge mit vergleichsweise kleinem Aufwand.

In den USA hingegen seien die betroffenen Modelle unverkäuflich. Grund: Beim Halterwechsel erlösche die Zulassung. Das treffe auch die Händler. Zudem sei dort die technische Nachrüstung noch nicht freigegeben.

Die Wolfsburger vertreten nach wie vor die Auffassung, dass sie mit den Manipulationen der Motorsoftware, die erst die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben ermöglichte, zwar in den USA gegen geltendes Recht verstoßen haben, nicht aber in Deutschland und Europa. „Die in den Fahrzeugen mit einem EA-189-Motor enthaltene Software stellt nach Auffassung von Volkswagen keine unzulässige Abschaltvorrichtung nach europäischem Recht dar“, heißt es in einer Stellungnahme.

Daher gewichte Volkswagen den Rückruf anders als das Kraftfahrt-Bundesamt, das ihn angeordnet hat. Der Autobauer habe ihm nur deshalb nicht widersprochen, um im Interesse der Kunden die Zusammenarbeit mit dem Kraftfahrt-Bundesamt nicht zu blockieren. Tatsächlich wäre die Anordnung des Rückrufs wohl nur dann angebracht, wenn von den betroffenen Autos eine konkrete Gefahr ausgeht oder wenn sie gegen geltendes Recht verstoßen.

Die Frage, ob es einen Interpretationsspielraum bei der Bewertung der manipulierten Software in Deutschland und Europa gibt, ließen sowohl das Kraftfahrt-Bundesamt als auch das übergeordnete Bundes-Verkehrsministerium gestern unbeantwortet.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (47)