Ruhestand mit 65? Nicht ganz!

Cramme  Seit dem Renteneintritt arbeitet Fritz Hiltner weiter für Siemens.

Fritz Hiltner an seinem heimischen Arbeitsplatz.

Fritz Hiltner an seinem heimischen Arbeitsplatz.

Foto: Freudenreich

Wieder ist es passiert. Ein Bahnübergang irgendwo in der Republik funktioniert nicht richtig. Nun grübelt Fritz Hiltner in seinem Arbeitszimmer über einem Schaltplan, der fast so breit ist wie die Spannweite seiner Arme. Es ist Detektivarbeit im Schaltkreislabyrinth, die mitunter bizarre Ergebnisse liefert. Einmal etwa hat der 66-Jährige herausgefunden, dass ein naheliegender Supermarkt einen Bahnübergang lahmlegte, weil dort das Licht angemacht wurde. Kurzer Spannungsabfall – und Ende.

Eigentlich müsste Hiltner nicht mehr über Schaltplänen brüten. Nach 41 Jahren im Braunschweiger Siemenswerk, zuletzt in der Bahnübergangstechnik, hat der gelernte Feinmechaniker im vergangenen Jahr das Rentenalter erreicht. Doch lange dauerte der Mini-Ruhestand nicht. „Ich war drei Tage im Spreewald, danach ging es weiter“, erzählt der gebürtige Hildesheimer, der seit langem in Cramme wohnt.

Seit dem Spreewald-Intermezzo arbeitet Hiltner erneut für Siemens – und zwar über die Firma Projec aus Königslutter, einem Planungsbüro für Bahnverkehrstechnik. „Inzwischen sind wir fünf ehemalige Mitarbeiter von Siemens“, erzählt der 66-Jährige. Ein Kollege, ebenfalls im Rentenalter, habe gleich einen Fünf-Jahres-Vertrag angeboten bekommen. Hiltner selbst arbeitet derzeit neun Stunden im Monat. Mehr ist nach seinen Worten nicht drin, weil ihm andernfalls das Finanzamt die Rente kürzen würde. An mangelnden Aufträgen würde mehr Einsatz aber nicht scheitern. Er sei schon jetzt bis Oktober mit Arbeit eingedeckt, erzählt der Unruheständler.

Dass Hiltner auch in der Rente weitermacht, liege nicht nur an seiner Scheidung, die Geld gekostet habe, sagt er. „Die Bahn hat fast keine Prüfer mehr für Stellwerke.“ Und er nennt einen dritten Grund: „Es ist ein gutes Gefühl, noch gebraucht zu werden.“

Auch deshalb hat Hiltner mit dem vorgegebenen Ruhestand so seine liebe Not. „Der Zwang, mit 65 Jahren in Rente gehen zu müssen, ist nicht in Ordnung“, kritisiert der Stellwerksexperte. Freilich könne man von einem Dachdecker nicht verlangen, dass er mit 65 Jahren noch im Dienst sei. „Es gibt aber auch Leute, die können mit sich und ihrer Freizeit nichts anfangen“, verteidigt er die Arbeit im Alter. Vor diesem Hintergrund befürwortet Hiltner auch die Flexi-Rente, die die Große Koalition vor wenigen Wochen beschlossen hat. Sie sorgt eben dafür, dass Menschen künftig nach Erreichen der Altersgrenze länger beschäftigt werden können. Wirtschaftsverbände hatten sie im Kampf gegen den Fachkräftemangel schon lange gefordert.

ZUR PERSON

Fritz Hiltner wurde am

25. Februar 1948 in Hildesheim geboren. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt seit 1977 in Cramme.

Wer ist ein Vorbild für Sie? Albert Schweitzer, Jesus Christus, Helmut Schmidt

Was ist Ihr wichtigstes Vorhaben für die nächsten Jahre? Ich habe kein spezielles Ziel.

Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung? Holz machen, da ich gerne mit Holz heize; und die Freizeit genießen, etwa bei Tagesausflügen.

Für die Zeit nach Projec hat der Bahntechniker schon eine Aufgabe im Visier. Das wäre der Hausmeisterjob in der örtlichen Schule. „Wenn du nicht mehr willst, mach ich es“, sagte Hiltner unlängst dem aktuellen Gebäudepfleger. Der ist 82 Jahre alt. Gemessen daran liegt vor dem einstigen Siemensianer noch ein gutes Stück berufliche Zukunft.

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