Schon 1994 wurde VW elektrisch – als Citystromer

Fuldatal  120 Golf 3 mit Elektromotor wurden bis 1997 gefertigt – sie gelten als erste Elektro-Serienautos. Niemand weiß so viel über sie wie Roland Gaber.

Roland Ernst am geöffneten Kofferraum seines Golf Citystromer. Unter der Abdeckung für das Reserverad befinden sich zehn der insgesamt 16 Batterien.

Roland Ernst am geöffneten Kofferraum seines Golf Citystromer. Unter der Abdeckung für das Reserverad befinden sich zehn der insgesamt 16 Batterien.

Zügig beschleunigen geht anders. Im Vergleich zu aktuellen Autos bewältigt der Golf 3 von Roland Gaber die Berge rund um Fuldatal bei Kassel ziemlich mühsam. Mit drei Passagieren kommt der VW auf steilen Steigungen gerade mal auf Tempo 60. Doch zum Mitschwimmen im Ortsverkehr reicht das allemal.

Tausende erforschen, was bei Gaber schon in der Garage steht

18 Jahre ist Gabers Golf mittlerweile alt. Er sieht fast aus wie neu, hat keinen Rost, der Lack glänzt. Auch im Inneren ist er jung geblieben. Er steht trotz seines Alters für die Zukunft der Mobilität. Denn in der Autobranche forschen und entwickeln Tausende Menschen an dem, was Gaber im Prinzip schon in der Garage stehen hat: Sein Golf lief bereits 1994 mit einem Elektromotor vom Band. Citystromer nannte VW diese Modelle, von denen im Werk Mosel bei Zwickau nur 120 produziert worden sind. Sie gelten als erste Serien-Elektroautos der Welt.

An ihrer Entwicklung war der 55 Jahre alte Gaber ab 1991 beteiligt – als Elektroingenieur bei Siemens. Dort leitete er die Prototypen-Entwicklung für verschiedene Autobauer. Siemens lieferte VW den nur 42 Kilogramm leichten E-Motor, der 20 Kilowatt – das sind etwa 27 PS – leistet. „Es gab damals eine Anfrage von VW, ob Siemens Antriebskomponenten liefern könne. Das war der Startschuss für die Entwicklung“, berichtet Gaber.

Sogar in den 80ern gab es schon einige E-Gölfe

Zunächst habe er einen Golf 2 umgerüstet. Einige Gölfe der zweiten Generation fuhren nach seinen Angaben bereits in den 80er Jahren mit Elektroantrieb – allerdings nur als Einzelanfertigung und nicht als Serienmodell. Gaber: „Die Autos wurden vom Energieversorger RWE umgebaut.“ Nachteil dieser Fahrzeuge sei der schwere Motor gewesen, der fast das Doppelte der späteren Siemensaggregate gewogen habe.

In Serie ging der Citystromer 1994, schon 1997 wurde die Produktion aber wieder eingestellt. „VW hat bei diesen Autos eine super Arbeit geleistet, die bis heute Bestand hat. Leider hat VW aber die Chance nicht wahrgenommen, alternative Antriebe nahtlos weiterzuentwickeln“, sagt Gaber.

E-Golf kostete in den 90ern 50.000 Mark

Erst im nächsten Jahr, also nach 16 Jahren Unterbrechung, wird VW wieder einen Serien-Elektro-Golf verkaufen. Dessen Preis steht noch nicht fest. Der Citystromer jedenfalls war 1994 kein Auto für jedermann. Knapp 50.000 Mark kostete das Auto – etwa anderthalbmal so viel ein Standard-Golf 3. „Das Auto wurde daher auch nicht an Privatkunden, sondern vor allem an RWE und die Telekom verkauft“, berichtet Gaber.

Zurück nach Fuldatal: Der Citystromer von Gaber startet und fährt nahezu geräuschlos. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Der ungeübte Fahrer weiß im Stand nicht, ob das Auto startklar ist. Erst ein Tritt aufs Gas- oder besser wohl Strompedal gibt ihm Gewissheit: Der Drehzahlmesser schlägt aus.

Auch bei hoher Drehzahl macht der Motor keinen Mucks

Ohne Kupplung wird der erste Gang des 5-Gang-Getriebes eingelegt, und dann geht es los. Nur um in die höheren Gänge zu schalten, muss die Kupplung benutzt werden. Das ist bei der neuesten Generation des E-Golf nicht mehr erforderlich. Der verfügt über ein Ein-Gang-Getriebe, das wie ein Automatikauto gefahren wird. Der Citystromer kann aber sehr schaltfaul gefahren werden, weil der E-Motor über ein breites Drehzahlband seine Leistung bringt.

Auf Bergabstrecken empfiehlt sich beim Citystromer frühes Zurückschalten. Anders als eine Verbrennungsmaschine jault der wassergekühlte E-Motor aber bei hohen Drehzahlen nicht auf. Stattdessen beginnt er sofort zu bremsen und schaltet per elektronischer Steuerung auf Generatorbetrieb um. So wird die über das Bremsen gewonnene Energie zurück in die Akkus geführt. Die Reichweite erhöht sich um 10 Prozent.

„Im Stadtverkehr ist der Citystromer absolut alltagstauglich“

Noch heute sei der Citystromer mit einer Reichweite von etwa 80 Kilometern und einer Spitzengeschwindigkeit jenseits Tempo 100 absolut alltagstauglich, betont Gaber. „Er ist das ideale Auto für Kurzstrecken.“ Sehr viel weiter kommen auch die Elektroautos der neuesten Generation wegen der begrenzten Batterie-Kapazität nicht. Der Golf Blue-E-Motion verfügt über eine Reichweite von 150 Kilometern.

Viel weiter muss ein Elektroauto auch gar nicht an einem Stück fahren können, sagt Roland Ernst. „Mehr als 60 Kilometer kommen im Nahverkehr an einem durchschnittlichen Tag kaum zusammen.“ Der 79-Jährige aus Fuldatal arbeitete als junger Mann in Kassel beim LKW- und Lokomotiven-Hersteller Henschel als Konstrukteur und später als Professor für Maschinenbau an der Uni Kassel. Seit 2001 fährt er einen Golf Citystromer. Der hat inzwischen 80.000 Kilometer zurückgelegt.

Bis zu 70.000 Kilometer hält die Batterie – dann wird‘s teuer

Technik und Konzept dieses Autos überzeugen ihn noch heute. „Der Antrieb ist nahezu wartungsfrei und sehr zuverlässig“, sagt er. Die insgesamt 16 Blei-Gel-Batterien für den Antrieb, die sonst in Gabelstaplern eingesetzt werden, hätten je nach Nutzungsart eine Lebensdauer von 50.000 bis 70.000 Kilometern.

Dann allerdings wird es teuer: Der Austausch kostet knapp 4000 Euro. Dafür entfallen aber Dinge wie Öl- oder Zahnriemenwechsel. Geladen werden die Akkus des Citystromer denkbar einfach. Hinter dem herunterklappbaren vorderen Nummernschild verbirgt sich das Ladekabel, das lediglich an eine Steckdose angeschlossen werden muss. Heute heißt das Plug-in.

„Für zehn Kilometer Reichweite muss eine Stunde Ladezeit kalkuliert werden“, sagt Ernst. Eine Ladung kostet je nach Stromtarif rund zwei Euro. Für Gaber und Ernst zählt allerdings nicht nur der Kostenfaktor. Sie sind sich sicher: Strom aus erneuerbaren Quellen kann und soll dazu beitragen, unabhängig von Ölexporten zu werden.

Von 120 produzierten Citystromern fahren noch 80

Gibt es doch einmal Probleme, dann sucht Ernst Hilfe meist bei Gaber. Nicht nur, weil der den Citystromer einst mitentwickelte. „Als VW die Produktion eingestellt hat, habe ich sämtliche Ersatzteile und den Service übernommen“, sagt Gaber, der in Körle südlich von Kassel lebt. Er selbst besitzt zehn Citystromer, von denen er aber sechs vermietet hat – etwa an das Umweltamt Kassel und die Stadt Baunatal.

Von den 120 Citystromern, die zwischen 1994 und 1997 produziert worden sind, rollen nach Angaben Gabers noch 80 über die Straßen. „Davon zehn in Norwegen, die ich alle verkauft habe.“ Er selbst fährt seit 1998 nur noch Citystromer – eben weil er umweltfreundlich und alltagstauglich sei.

Trotz aller Vorzüge, manchmal nervt das Auto dann aber doch. „Ich habe einmal einen Strafzettel bekommen, weil an meinem Citystromer die Plakette für die Abgas-Untersuchung fehlte“, sagt Ernst. Er schmunzelt.

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