„Man muss weiter lernen“

Braunschweig.  Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? Ein Gespräch mit Arbeitspsychologin Professorin Simone Kauffeld von der TU Braunschweig.

Professorin Simone Kauffeld, Arbeitspsychologin an der TU Braunschweig, ist überzeugt, dass die Bereitschaft weiterzulernen in der Arbeitswelt der Zukunft besonders wichtig sein wird.

Professorin Simone Kauffeld, Arbeitspsychologin an der TU Braunschweig, ist überzeugt, dass die Bereitschaft weiterzulernen in der Arbeitswelt der Zukunft besonders wichtig sein wird.

Foto: Florian Kleinschmidt / BestPixels.de

Die Arbeitswelt verändert sich. Und zwar radikal, prognostizieren Forscher. So kamen Wissenschaftler aus Oxford im Jahr 2013 zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent aller Beschäftigten in den USA in Jobs arbeiten, die durch Automatisierung ersetzt werden können. Gleichzeitig sagt der Basler Zukunftsforscher Gerd Leonhard, dass „die Hälfte aller Berufe, die es im Jahr 2030 geben wird, noch gar nicht erfunden sind“.

Wie geht man damit um, als Auszubildender, als Eltern von Kindern, die einen Beruf wählen müssen, als jemand, der mitten im Berufsleben steht, als Unternehmen? Redakteurin Annegret Birner sprach darüber mit Professorin Simone Kauffeld, Inhaberin des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie an der TU Braunschweig.

Frau Professorin Kauffeld, wohin werden sich Berufe in Zukunft entwickeln?

Die Stellen in Unternehmen werden zunehmend individueller werden. Früher konnten Firmen bei der Personalauswahl aus hunderten Bewerbern aussuchen, das gibt es nicht mehr. Heute suchen sie nach Fachkräften und müssen darum wählen aus einem Bewerberpool, bei dem der oder die Beste nur halb passt. Viele Unternehmen fangen deshalb damit an, mehr Personalmarketing zu betreiben und eine Arbeitgebermarke aufzubauen, um attraktiver zu werden für Bewerber.

Was hat das für Konsequenzen?

Die Firmen müssen jetzt erstens viel mehr Personalentwicklung oder -nachentwicklung betreiben, also schauen, wie sie die Mitarbeiter weiterbilden, damit die die Jobs ausfüllen können. Und zweitens Job-crafting: Die bestehenden Jobs müssen so verändert werden, dass sie zu den neuen Anforderungen und zu den Mitarbeitern mit ihren Kompetenzen und Vorstellungen passen. Das heißt einerseits, dass die Jobs immer individueller werden. Und andererseits, dass die Mitarbeiter mitgestalten können. Aber es hat auch Kehrseiten: Zum Beispiel mehr Unsicherheit. Denn wenn jeder individuell verhandelt und für sich das individuell Richtige macht, habe ich keine Modelle, an denen ich mich orientieren kann. Und es muss für das Unternehmen auch leistbar sein. Denn es nützt ja niemandem, wenn der Arbeitnehmer seine Ziele zwar individuell verfolgen kann, aber es gibt das Unternehmen nicht mehr.

Das klingt ja trotzdem erstmal nach etwas, das man sich als Mitarbeiter wünscht: Mitgestaltung, ein auf meine Bedürfnisse zugeschnittener Job. Aber funktioniert das bei allen Berufen?

In vielen Branchen werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht. Sie sehen inzwischen an fast jedem LKW ein Schild „Kollegen gesucht“, in jedem Bäckershop. Und auch in den Bereichen IT, Ärzte und Pflege gibt es viel Bedarf. Das heißt auch, dass die Mitarbeiter mehr einfordern können und mehr mitgestalten können.

Sie haben eben den LKW-Fahrer genannt, aber auch Busfahrer, Taxifahrer: Sind das nicht Berufe, die es vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr geben wird, Stichwort autonomes Fahren? Gibt es also auch Berufe, die man vielleicht noch ein paar Jahre machen kann, und dann muss man sich etwas Neues suchen?

Könnte sein. Aber das ist heute in vielen Berufen so, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, das, womit man in der Ausbildung angefangen hat, auch 50 Jahre machen zu können. Man muss weiter lernen. Und je früher ich damit anfange und je kontinuierlicher ich das verfolge, um so besser. Dann fallen mir entsprechende Wechsel viel leichter.

Was für Jobs könnten denn neu entstehen?

Wir haben zurzeit im Baubereich eine neue Entwicklung, das Building Information Modelling, wo alles, was gerade am Bau passiert, als ein digitaler Zwilling erfasst und auch anderen zur Verfügung gestellt werden soll. Betriebe, auch Handwerksbetriebe, die nicht auf die neue Technologie umsteigen, werden bei bestimmten Aufträgen nicht mehr zum Zuge kommen. Gleichzeitig wird es das Berufsbild des BIM-Managers geben, der alle Informationen bündelt und die Gewerke darüber koordiniert.

Welche Beispiele für Veränderungen innerhalb von Jobs gibt es?

Dachdecker setzen jetzt Drohnen zur Sichtung von Schäden ein. Da braucht man Mitarbeiter, die sie bedienen und gleichzeitig die Bilder auswerten können.

Gibt es weitere Bereiche?

Alles in der IT und an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine bekommt mehr Bedeutung. Routineprozesse in der Verwaltung werden automatisiert. Darum ist es so enorm wichtig, dass Informatik schon in der Schule unterrichtet wird.

Was raten Sie jemandem, der mitten im Berufsleben steht?

Offen und interessiert dabeizusein. Weiterzulernen über Expertennetzwerke, Weiterbildungen oder über die Arbeit selbst, um mitgestalten zu können. Extern bekomme ich Anregungen für den eigenen Betrieb, kann Ideen weiterentwickeln und umsetzen.

Und was raten Sie allen, die jetzt eine Ausbildung oder ein Studium beginnen?

Wichtig ist, sich nicht zu eng aufzustellen. Also zum Beispiel lieber einen breiter aufgestellten Ingenieurstudiengang wählen, bei dem man einzelne Bereiche vertiefen kann. Das Handwerk, wie Sanitär-Heizung-Klima und Elektro ist in vielen Bereichen zukunftsträchtig. Und an zukunftsweisenden Projekten teilnehmen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Und ganz wichtig ist es, offen zu sein, weiter zu lernen und die Lernfähigkeit aufrechtzuerhalten.

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