Veganer Selbstversuch – Am schwersten war das Grillfest

Jena/Erfurt  Wie schwer ist es wirklich, sich vegan zu ernähren? Welche Alternativen gibt es? Und was kostet das Ganze? Ein Selbstversuch.

Vegan ist Trend. Der Hype um alles ohne Tier, wächst beständig. Sei es als tief verwurzelte Lebenseinstellung, oder aber als willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Mich persönlich hat der moralisierend erhobene Zeigefinger vieler Veganer bislang oft schon aus Protest zum zweiten Steak greifen lassen. Aber die vegane Verbissenheit weicht immer häufiger einer neuen Leichtigkeit - bewusste Ernährung, die Spaß macht.

Nun also unternehme auch ich den Versuch: Wie lebt es sich eine Woche ohne tierische Produkte auf dem Tisch? Was bedeutet das preislich und welche Alternativen finden sich?

Zuvor aber ein kurzer Faktencheck: Ich wiege 76,5 Kilo bei 1,75 Meter Körpergröße und ich bin dauermüde. Also los geht’s.

Tag 1

Als mein trauriger Blick dann über das wandert, was früher einmal Frühstück hieß, könnte ich mich ohrfeigen. Keine Brötchen, kein Frühstücksei, kein Aufschnitt. Stattdessen Körnerbrot und vegane Curry-Linsen-Paste. Mir kommen Zweifel, ob es eine gute Idee war, sich freiwillig für die vegane Testwoche zu melden.

Schon der Einkauf war ernüchternd: Doppelter Preis bei dreimal so langer Suche nach Produkten, die ich essen darf. Nur den mitleidigen Blick der Kassiererin gibt es umsonst.

Erst als mir auffällt, dass ich auch normalerweise meinen Kaffee ohne Milch trinke, schöpfe ich neuen Mut. Und der Tag wird ein Kinderspiel.

Tag 2

Der erste Rückschlag folgt am Abend. Bereits nach wenigen Stunden meldet sich mein Körper und fordert Fett und Salz. Wie auf Entzug hänge ich in den Seilen. Studentenfutter ist daher für den Rest der Woche ständiger Begleiter.

Am Frühstückstisch fahre ich nun übrigens auch eine geänderte Strategie: Statt veganem Brotaufstrich aus dem Supermarkt gibt es nun Erdbeermarmelade von Oma. Abends gibt es Thai-Curry und langsam finde ich Gefallen an der Testwoche.

Tag 3

Erst kürzlich hat die Deutsche Presseagentur vermeldet, dass sich der Umsatz veganer und vegetarischer Lebensmittel zwischen 2010 und 2015 bundesweit mehr als verdoppelt hat; nach Angaben des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) auf 454 Millionen Euro. Die Supermärkte haben das erkannt. Weder in Erfurt noch in Jena fällt es mir schwer, mich mit veganen Lebensmitteln einzudecken.

Veganismus ist längst ein Lifestyle-Trend. Berlin als hippste aller hippen Städte geht da voran: Von der Pizzeria bis zur Crêperie gibt es hier die gesamte kulinarische Bandbreite in vegan.

Thüringen ist aber auf Aufholjagd. Und während meine Kollegen besorgt nach meiner Verfassung fragen, entwickelt sich mein aufopferungsvoller Selbstversuch allmählich zur Fressorgie. Ein Burgerladen in der Saalestadt ersetzt Fleisch durch Kidneybohnen-, Hanf- oder Rotkraut-Bratlinge. Das Mittag ist gesichert. Zum Abendessen in Erfurt gibt es dann noch Falafel, also frittierte Bällchen aus pürierten Kichererbsen, in einem sudanesischen Bistro.

Tag 4

Wieder einmal hat der Frühstückstisch eine Metamorphose hinter sich. Brot weicht Müsli mit leckerem Reis-Drink, den ich mir für später merke. Am Abend erfahre ich dann noch unerhoffte Unterstützung, weil Freunde sich spontan bereit erklären, bei meiner veganen Woche mitzumachen. Aus Tomaten, Knoblauch, Basilikum und Olivenöl zaubern sie ein feines Bruschetta, verlieren danach aber den Ehrgeiz, die Welt zu retten und steigen auf Eiscreme um. Mir bleibt da nur übersüßtes Zitronensorbet, bei dem einem die Zähne wehtun.

Überhaupt sind Süßigkeiten schwierig. In Fruchtgummis oder Lakritze steckt häufig viel Tierisches, ohne dass man es weiß. Dabei wünschen sich laut einer Umfrage des Vegetarierbundes Deutschland 61 Prozent der Deutschen weniger Tier in Lebensmitteln. Wer garantiert tierfrei naschen will, sollte daher auf das V-Label achten. Das dürfen nur Produkte tragen, die vegetarisch oder vegan sind.

Tag 5

In großen Dramen ist die Katastrophe meist im fünften Akt. Tag fünf erinnert mich schmerzlich an diese Erkenntnis aus dem Deutschunterricht. Die Katastrophe kommt hier in Form einer Einladung: „Heute Abend grillen“, heißt es in der kurzen Nachricht. Ich sinke in mich zusammen, sammle dann aber resigniert Kraft, um mir im Supermarkt Tofuwürstchen zu kaufen.

Als eingefleischter Thüringer ist Rostwurst Teil meiner DNA. Dementsprechend bin schon beim ersten Biss in den Wurstersatz enttäuscht. Geschmacklich näher an Nürnbergern als an Thüringern, verwandelt sich das Tofu beim Kauen dann in Sägespäne. „Man kann alles betrügen außer das Mundgefühl“, erklärt der Jenaer Ernährungswissenschaftler Gerhard Jahreis. Pflanzliche Proteinfasern würden von Zunge und Gebiss anders wahrgenommen als tierische, sagt er. Die Wissenschaft arbeite aber daran, verspricht er.

Während die Forschung noch forscht, rettet meine Freundin den Grillabend: Tomaten, Paprika, Zucchini und Champignons hat sie liebevoll zu Grillspießen aufgespickt und dazu noch Rosmarinkartoffeln vorbereitet.

Tag 6

Ich muss den Gürtel enger schnallen. Freilich nur den Kunstledergürtel, versuche ich doch auch neben der Ernährung alles andere vom Tier zu meiden. Aber ich muss ihn enger schnallen: In sechs Tagen des Experiments habe ich bereits dreieinhalb Kilo abgenommen. Außerdem fühle ich mich weniger träge als in der Zeit vor dem Selbstversuch.

Ich bin begeistert und schmiede erste Pläne, auch weiterhin zumindest ein paar Tage in der Woche auf Fleisch und Co. zu verzichten. Diese Erkenntnis feiern wir zu Hause mit einem Couscous-Salat zum Abendessen.

Tag 7

Sollten Ihnen zur nächsten Familienfeier mal die Gesprächsthemen ausgehen, habe ich einen guten Vorschlag: Verkünden Sie doch, von nun an ausschließlich vegan zu leben. Die ungläubigen Blicke sind Ihnen gewiss.

Hinzu wird sich eine ganz bestimmte Frage gesellen: „Was kannst du denn da überhaupt noch essen?“ Ich habe diese Frage in den sieben Tagen unzählige Male gehört und zu ignorieren gelernt.

Manchmal habe ich mir noch einen Scherz erlaubt und mit „alles, was keinen Schatten wirft“ geantwortet.

Die Wahrheit aber ist, dass es jede Menge wirklich toller Alternativen gibt.

Lesen Sie auch das Interview zum Veganismus mit dem Ernährungswissenschaftler Gerhard Jahreis.

Dieser Text wurde mit dem zweiten Platz bei der Verleihung des Eckensberger-Preises 2017 ausgezeichnet.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)