Braunschweig. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Risikogruppen wie allen Über-60-Jährigen, sich impfen zu lassen.

Der Herbst ist da, und mit ihm kommt auch nasskaltes Schmuddelwetter. Wer sich jetzt nicht warm anzieht oder zu wenig Vitamine zu sich nimmt, fängt sich schnell eine Erkältung oder – schlimmer noch – eine richtige Grippe ein. Doch man kann vorsorgen und sich impfen lassen. Darüber sprach Anja-Carina Riechert mit Dr. Thorsten Kleinschmidt. Er ist Allgemeinmediziner und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in der Bezirksstelle Braunschweig.

Wer sollte sich gegen Grippe impfen lassen?

„Typisch für die Influenza ist ein sehr plötzlicher Beginn der Erkrankung mit Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen.“
„Typisch für die Influenza ist ein sehr plötzlicher Beginn der Erkrankung mit Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen.“ © Dr. Thorsten Kleinschmidt, Allgemeinmediziner und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in der Bezirksstelle Braunschweig.

Die sogenannten Risikogruppen, die, wenn sie erkranken, mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer erkranken. Gemeint sind alle, die älter sind als 60 Jahre, und chronisch Kranke, die abwehrgeschwächt sind sowie Schwangere. Ratsam ist es auch für diejenigen, die viel Publikumskontakt haben. Gesunde, junge Menschen müssen sich nicht gegen Influenza impfen lassen. Aus epidemiologischen Gründen sage ich jedoch: Je mehr Leute sich impfen lassen, desto sicherer sind wir gegen Epidemien geschützt.

Dass man durch die Impfung erst krank wird, ist ein Argument von Impfgegnern...

Das ist definitiv nicht der Fall. Man verwendet abgetötete Viren, es ist kein Lebendimpfstoff, und man kann nicht durch die Impfung erkranken. Es wird während der Erkältungszeit im Herbst mit dem Impfen begonnen. Manch einer hat vielleicht schon einen Infekt in sich, lässt sich impfen, und dann kommt der Infekt zum Ausbruch. Dann hat derjenige möglicherweise den falschen Eindruck, er habe sich impfen lassen und dadurch den Infekt bekommen.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, um sich impfen zu lassen?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die einmalige jährliche Impfung gegen Influenza. Um einen rechtzeitigen und ausreichenden Schutz gegen die Grippe aufbauen zu können, sollten sich die Risikopatienten jetzt impfen lassen. Die eigentliche Grippewelle tritt in Deutschland meist erst zwischen Anfang Januar und Ende März auf. Zwei Wochen dauert es, bis der Impfschutz aufgebaut ist. Der Impfschutz hält etwa ein halbes Jahr.

Empfehlenswert ist zusätzlich eine Impfung gegen Pneumokokken. Diese Bakterien verursachen schwere Erkrankungen wie Hirnhaut-, Lungen- oder Mittelohrentzündungen. Die STIKO empfiehlt allen Erwachsenen ab 60 Jahren eine Pneumokokken-Impfung. Darüber hinaus wird die Impfung allen Personen empfohlen, deren Immunsystem geschwächt ist.

Welche Nebenwirkungen und

Impfschäden kann es bei der

Grippeimpfung geben?

Typische Beschwerden nach einer Impfung sind Rötung, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle, auch Allgemeinreaktionen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Unwohlsein sind möglich. Diese Reaktionen sind Ausdruck der erwünschten Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff und klingen in der Regel nach wenigen Tagen komplett ab.

Die häufigsten gemeldeten unerwünschten Reaktionen sind mit 4,6 Prozent Fieber, mit 2,8 Prozent Rötungen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen mit 2,5 Prozent und Krampfanfälle mit 2,2 Prozent.

Wer eine schwere Allergie gegen Hühnereiweiß oder eine Allergie gegen einen anderen Bestandteil des Grippe-Impfstoffs hat, darf mit den üblichen Influenza-Impfstoffen nicht geimpft werden, weil diese produktionsbedingt Spuren von Hühnereiweiß enthalten. Für die Saison 2013/2014 gibt es jedoch einen hühnereiweißfreien Impfstoff, der in Zellkulturen hergestellt wird und für Allergiker geeignet ist.

Viele verwechseln immer noch die Grippe mit einer Erkältung. Was sind die Unterschiede?

Typisch für die Influenza ist ein sehr plötzlicher Beginn der Erkrankung mit Fieber, trockenem Reizhusten, Muskel- und Kopfschmerzen. Morgens geht man aus dem Haus und fühlt sich noch wohl, abends liegt man dann mit Schüttelfrost im Bett. Innerhalb weniger Stunden entwickelt sich das Vollbild der Erkrankung.

Bei Erkältungen ist es anders: Da kratzt es im Hals, man weiß tagelang nicht so genau, was das werden soll, dann kommt der Schnupfen dazu. Hier bauen sich langsam die Beschwerden auf.

Wie kann man Grippe behandeln?

Die Influenza können Sie ursächlich überhaupt nicht behandeln. Das Einzige, was Sie tun könnten: Wenn Sie innerhalb von 48 Stunden ein antivirales Medikament bekommen, dessen Sinn sehr kontrovers diskutiert wird und das die Krankenkassen nicht bezahlen, kann man den Verlauf der Erkrankung abkürzen, aber auch nicht immer. Ansonsten kann man nur symptomatisch behandeln: Bettruhe, hinlegen, viel trinken, Medikamente gegen Gliederschmerzen.

Es gibt jedes Jahr auch in Deutschland Grippetote...

Das sind Menschen, die so schwer erkranken, weil sie entweder noch andere Krankheiten haben oder weil der Verlauf der Grippe bei ihnen so schlimm ist. Oft bekommen sie Zweitinfektionen wie Lungenentzündung oder Herzmuskelentzündung.

Daher ist die Impfung so wichtig. Denn wenn man sich impfen lässt und dann Kontakt mit einem Influenza-Kranken hat, wird man entweder gar nicht erkranken oder nur sehr leicht.

Der Impfstoff wird jedes Jahr neu maßgeschneidert auf Basis einer Einschätzung, die die Weltgesundheitsorganisation vor Beginn der Grippesaison vornimmt. Wie wirkungsvoll kann denn die Impfung die Influenza verhindern?

Es gibt einige wenige Jahre, in denen man mal daneben gelegen hat mit der Prognose oder plötzlich ein neuer Stamm auftauchte, den man nicht auf der Rechnung hatte, etwa die Schweinegrippe oder die Vogelgrippe. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Impfstoff in den meisten Jahren das abgedeckt hat, was er abdecken sollte und damit bei den Menschen, die geimpft waren und bei den Menschen in deren Umgebung Schlimmeres verhindert hat.

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Denn man impft nicht nur, um den einen zu schützen, der nicht erkranken soll, sondern auch, um die Menschen in der Umgebung zu schützen. Denn der, der nicht erkrankt, kann den Erreger auch nicht weitertragen.

Wenn man 75 Prozent aller Menschen impft, sind in der Regel keine größeren Epidemien möglich.

Wie sieht denn die Grippe-Impfquote in der Bezirksstelle Braunschweig aus?

ZULASSUNG UND ARTEN DER GRIPPE-IMPFSTOFFE

Die Stammzusammensetzung der Influenza-Impfstoffe muss jedes Jahr an die aktuelle epidemiologische Situation angepasst werden, weil sich die Eigenschaften der zirkulierenden Influenzaviren verändern.

Die Weltgesundheitsorganisation legt diese Zusammensetzung fest. Diese Anpassung wird für jeden Impfstoff in einem Verfahren zur Änderung der Zulassung geprüft. Nach Genehmigung der Stammanpassung erfolgt chargenweise die Prüfung und Freigabe der hergestellten Influenza-Impfstoffe durch das Paul-Ehrlich-Institut. Dann gelangen sie in den Handel.

Zur Impfung gegen Influenza empfahl die Ständige Impfkommission bislang einen „Impfstoff mit aktueller von der WHO empfohlener Antigenkombination“ ohne Differenzierung nach Impfstofftypen. Seit September 2012 ist in Deutschland neben den

Influenza-Totimpfstoffen erstmals auch ein Influenza-Lebendimpfstoff erhältlich.

Dieser Lebendimpfstoff ist in Europa für Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis 17 Jahren zugelassen. Gegenüber den Totimpfstoffen, die injiziert werden müssen, kann der Arzt den Lebendimpfstoff als Nasenspray verabreichen.

Der Lebendimpfstoff weist laut Studien, die überwiegend bei Kindern unter 7 Jahren durchgeführt wurden, im Vergleich zu Totimpfstoffen eine bessere Schutzwirkung vor einer laborbestätigten Influenza auf. Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht beurteilt werden, bis zu welchem Alter bei Jugendlichen ein relevanter Wirksamkeitsvorteil zu Totimpfstoffen besteht. In Studien mit Erwachsenen konnten keine Wirksamkeitsvorteile gefunden werden.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt für die Influenzasaison 2013/2014 erstmals, Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren mit bestehenden Grunderkrankungen, bevorzugt mit dem Lebendimpfstoff zu impfen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet auf www.impfen-info.de Informationen und interaktive Angebote wie Impf-Checks an.

Quellen: Robert-Koch-Institut, Paul-Ehrlich-Institut und

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.