Wenn Kinder die Oma nicht sehen dürfen

Braunschweig  Oma, Opa, Enkel – ein tolles Team: Doch wenn Eltern sich trennen, sind oft auch die Großeltern betroffen. Sie dürfen ihren Enkel dann nicht mehr sehen.

Ein Kontaktabbruch zu Verwandten ist für Kinder belastend, besonders, wenn das Verhältnis eng war.

Ein Kontaktabbruch zu Verwandten ist für Kinder belastend, besonders, wenn das Verhältnis eng war.

Foto: Getty Images

Oma, Opa und Enkel – das ist oft ein besonderes Verhältnis: Doch so gut sich manche dieser Paare auch verstehen mögen – andere haben nicht einmal eine Chance, zueinander zu finden. Denn viele Großeltern dürfen ihr Enkelkind nicht sehen.

Wenn die Eltern des Kindes sich trennen, ist mindestens ein Großelternpaar erst einmal ausgegrenzt, der Kontakt zwischen Oma, Opa und Enkel bricht plötzlich ab, egal, wie eng er vorher gewesen sein mag. „Die Eltern sind sonst ganz normale Menschen“, erzählt Marianne Heß aus Braunschweig, die jahrelang um den Umgang mit ihrem Enkelsohn gekämpft hat. „Doch in so einem Konflikt betrachten sie ihr Kind plötzlich als Eigentum.“

Großeltern müssen Geduld haben

Seit der Kindschaftsreform aus dem Jahr 1998 ist das Umgangsrecht der Großeltern gesetzlich festgeschrieben. Allerdings muss der Umgang dem Kindeswohl dienen – was das bedeutet, ist nicht immer leicht zu bestimmen.

Mit ihrer Schwiegertochter hat Marianne Heß bis zu deren Trennung von ihrem Sohn nie Streit gehabt. Danach fingen die Probleme an. Zuerst habe die Schwiegertochter nur den Vater des Kindes nicht zu Geburtstagen seines Sohnes eingeladen, irgendwann wurde auch die Oma gegen den Enkel ausgespielt. Vor Gericht sagte ihr Enkel einmal: ,Ich will nicht mehr zur Oma.’„Man muss dann eine unheimliche Geduld aufbringen und seine eigene Befindlichkeit zurückstellen“, erzählt Heß.

Beschimpfungen am Telefon, weil sie dem Jungen ein Geschenk ins Zeltlager brachte, kurzfristig abgesagte Treffen mit dem Enkel: Marianne Heß musste sich sehr oft zusammenreißen. Selbst, als der Kontakt zu ihrem Enkelsohn ganz abriss. „Ich habe ihm einfach Briefe geschrieben“, erzählt sie. Ob ihr Enkelkind sie je gelesen hat, weiß sie nicht.

Inzwischen ist der Junge bei seinem Vater, Marianne Heß und ihr Enkel haben wieder regelmäßigen Kontakt. Doch der jahrelange Streit, die Auseinandersetzung mit dem Jugendamt und vor Gericht haben ihrem Enkel zugesetzt, meint Heß. „Er ist immer noch sehr introvertiert.“

Diplompsychologin Sabine Götting aus der Erziehungsberatungsstelle am Domplatz in Braunschweig kennt Fälle wie diesen, weiß, dass sich auch die Eltern des Kindes oft mit dem Streit nicht wohlfühlen. „Manchmal verlieren Großeltern total die Distanz“, sagt Götting. „Dann ergreifen sie plötzlich Partei für ihr Kind, und der Enkel muss mit anhören, wie schlecht über seine Eltern gesprochen wird.“ Eine für Kinder unerträgliche Situation.

Götting befürwortet, dass sich alle Parteien darum bemühen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Selbst wenn Eltern und Großeltern voneinander enttäuscht sind. „Ganz wichtig ist es dann, immer die Perspektive des Kindes einzunehmen. Jeder Kontaktabbruch mit Verwandten ist sehr belastend für das Kind.“ Wenn ein persönlicher Kontakt nicht möglich ist, rät Götting dazu, Briefe zu schreiben.

Jeder Kontaktabbruch schadet

Besonders nach einer Trennung oder Scheidung sei es wichtig, dass möglichst viel konstant bleibt – wie eben die Beziehung zu den Großeltern, wenn sie vorher auch schon sehr eng gewesen ist.

Auch Renate und Klaus Reimers aus Peine kämpften jahrelang um den Umgang zu ihrer Enkeltochter. Sie und Marianne Heß nutzen ihre Erfahrungen, um anderen Großeltern zu helfen. Sie gründeten Initiativen in Peine und Braunschweig. Wenn es irgendwie geht, bemühen sie sich, das Recht der Großeltern auf Umgang mit ihren Enkeln ohne Gerichtsurteil durchzusetzen.

„Wichtig ist, dass die Großeltern, die wir beraten sollen, absolut ehrlich sind“, sagt Klaus Reimers. „Nur so können wir uns für sie stark machen.“ „Viele, die zu uns kommen“, erzählt seine Frau Renate, „wissen einfach nicht, was sie falsch gemacht haben und sind wütend.“ Doch das Ehepaar Reimers und auch Marianne Heß wissen: Wut und Rachegedanken helfen nicht. „Dem Kind zuliebe müssen wir auf die Eltern zugehen. Die Kommunikation mit dem Enkel darf nicht abreißen.“

Hier finden Sie Hilfe:

Die Initiative „Großeltern pro Enkel“ aus Braunschweig wird geleitet von Marianne Heß, Telefon: 0531 / 2593346. Die Initiative trifft sich jeden zweiten Samstag im Monat um 16 Uhr im „Madamenhof“, Madamenweg 156, Braunschweig. Marianne Heß bietet Hilfe bei Gesprächen mit dem Jugendamt oder Begleitung zu Gerichtsterminen an.

• Renate und Klaus Reimers betreiben die Selbsthilfegruppe „Großeltern pro Enkel“ in Peine und sind erreichbar unter Telefon 0 51 71/ 2 15 85. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Donnerstag im Monat um 16 Uhr in den Gruppenräumen der KISS (Paritätischer Wohlfahrtsverband), Bodenstedtstraße 11, Peine. Auch Ehepaar Reimers berät Betroffene und bietet Hilfe bei Amtsgängen und Begleitung zu Gerichtsverhandlungen an.

• Die Erziehungsberatungsstellen (EB) am Domplatz und Jasperallee in Braunschweig bieten eine offene Sprechstunde an, in der auch Großeltern die Möglichkeit zu einem ersten Gespräch haben. Weiterführende Gespräche führen die Mitarbeiter dann mit Großeltern und Eltern gemeinsam. Offene Sprechstunde EB Domplatz: montags 14 bis 17 Uhr, mittwochs 16 bis 19 Uhr, EB Jasperallee: donnerstags 15 bis 17 Uhr, freitags 10 bis 12 Uhr.

Initiativen und die Beratungsstelle setzen sich dafür ein, dass der Konflikt möglichst außergerichtlich gelöst wird.

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