Knoche: „Union Berlin und ich - das passt einfach“

Wolfsburg.  Robin Knoche spielt am Samstag erstmals gegen den VfL Wolfsburg, seinen Jugendklub. Im Interview blickt der Braunschweiger aufs Duell.

Robin Knoche hat in dieser Saison jede Minute für Union Berlin absolviert. Jetzt trifft er auf seinen Ex-Klub aus Wolfsburg.

Robin Knoche hat in dieser Saison jede Minute für Union Berlin absolviert. Jetzt trifft er auf seinen Ex-Klub aus Wolfsburg.

Foto: Bernd König / Imago Images / Sportphoto

Anfang dieser Woche hatte Robin Knoche eine leichte Erkältung erwischt, die ihn einen Trainingstag mit seinen Teamkollegen von Union Berlin kostete, mittlerweile aber fast ausgestanden ist. Die Krankheit hält den 28-Jährigen sicher nicht vom nächsten Spiel ab. Denn das steht am Samstag von 15.30 Uhr gegen den VfL Wolfsburg an: Knoches ehemaliger Klub, den er im Sommer nach 15 Jahren und 226 Pflichtspielen verlassen musste.

Auf die Frage, ob ihm jemand schon das Bein absägen müsste, damit er dieses Wiedersehen verpasst, antwortet der Braunschweiger laut lachend: „Absolut, so ist es.“

Wie fühlt es sich an, unumstritten zu sein, Robin Knoche?

Natürlich fühlt es sich gut an, mit seinen Kollegen gemeinsam zum Anpfiff auf den Platz zu stehen und von Anfang an dabei zu sein. Mein klares Ziel ist, diese Stellung, die ich derzeit innehabe, immer wieder mit guten Leistungen zu bestätigen.

Sie haben derzeit das Wissen, immer zu spielen. Was macht das mit Ihrem Selbstbewusstsein?

Das Vertrauen des Trainers muss man sich erarbeiten. Natürlich passieren mal Fehler, die gehören dazu, ohne geht es einfach nicht im Sport. Aber man muss lernen, damit umzugehen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und weiter Vollgas zu geben.

In Ihren vielen Jahren in Wolfsburg waren Sie nie gänzlich unumstritten.

Dennoch habe ich mich am Ende immer wieder durchgesetzt. Selbst wenn man ein paar Spiele nicht macht, muss man versuchen, physisch und mental da zu sein - etwa, wenn sich ein Kollege verletzt, für den man dann reinkommt. Das fängt schon im Training an. Ich glaube, wenn man in den Einheiten nur 50 Prozent gibt, weil man unzufrieden mit seiner Rolle ist, dann spielt man am Wochenende auch so, wenn man gebraucht wird. In Phasen, in denen ich kein Stammspieler war, habe ich trotzdem in jedem Training alles reingehauen. Ich wollte immer da sein, wenn sich mir eine Chance eröffnet - und zwar zu 100 Prozent. Das habe ich immer so gemacht und mache es weiterhin. Auch jetzt, da ich Stammspieler bin.

Erfahren Sie in Berlin nun die Wertschätzung, die Ihnen in Wolfsburg oftmals gefehlt hat?

Das spüre ich schon, ja. Und das freut mich enorm.

Beim VfL kannten Sie nach 15 Jahren erst in der Jugend, dann bei den Profis alles und jeden, und alles und jeder kannte Sie. Kennen Sie den Satz: Ein Prophet gilt nichts im eigenen Land?

Ja. Auf der einen Seite ist es total schön, alle Mitarbeiter zu kennen und sich über viele Jahre mit dem Klub zu 100 Prozent zu identifizieren. Auf der anderen Seite hat man immer das Problem, - überspitzt gesagt - als Inventar angesehen zu werden. Ich glaube, viele können diesen Blickwinkel irgendwann nicht mehr verändern. Man hat als Spieler aus der eigenen Jugend nie den Stellenwert, den ein Spieler sofort bekommt, wenn er von außen dazu geholt wird und womöglich noch Ablöse gekostet hat. Daher genieße ich die Rolle, die ich hier bei Union habe. Das freut mich extrem und macht mich dankbar. Aber: Geschenkt wurde mir das nicht. Ich habe es mir erarbeitet und werde weiter arbeiten.

Denken Sie, Sie hätten den VfL schon früher verlassen sollen, um dieses Gefühl woanders zu spüren?

Nein, ich stehe hinter all meinen Entscheidungen.

Was ist anders zwischen dem VfL und Union?

Man kann die Klubs nicht wirklich miteinander vergleichen. Der VfL weist aufgrund seiner Vergangenheit natürlich viel mehr Erfahrungen auf. Sicher gibt es da Unterschiede in gewissen Dingen, aber die beeinflussen die sportliche Leistung in keiner Weise - und das ist entscheidend. Ich muss hier natürlich nicht mein Trikot selbst waschen (lacht).

Passt Union besser zu Ihnen oder passen Sie besser zu Union?

Kurze Antwort: Es passt einfach! Ich habe gleich das Vertrauen seitens des Trainers und des Vereins gespürt. Ich denke: Union profitiert von mir, ich profitiere aber genauso von Union.

Union-Sportchef Oliver Ruhnert hat Sie einen der unterschätztesten Abwehrspieler der Liga genannt. Gehen Sie da mit?

Das kann gut sein, das Thema begleitet mich schon länger. Oliver Ruhnert weiß, was ich kann, auch beim VfL wussten sie das. Dass meine Aktionen nicht immer die rustikalsten oder übertrieben schönsind, sorgt vielleicht für diesen Eindruck aus der Ferne. Aber: Ich bringe bis auf ganz wenige Ausnahmen seit Jahren sehr konstant meine Leistungen in der Bundesliga.

Wann haben Sie erstmals „Wir“ gesagt und damit Union gemeint - und nicht mehr den VfL?

Das war ganz kurz nach meiner Unterschrift auf dem Vertrag. Hinterher gab es ein Video für die Fans, in dem ich mich an sie gerichtet habe, dass ich mich auf sie und die Aufgabe freue und dass wir gemeinsam viel vorhaben.

War das erstmal komisch?

Nein, gar nicht. Ich setze seit dem Moment der Unterschrift meinen vollen Fokus auf Union.

Sie gelten als Abwehrchef bei Union. Sind Sie einer?

Ich nehme diese Führungsrolle auf jeden Fall an. Sie wird auch von mir erwartet. Ich versuche, die Mannschaft von hinten anzuführen, für Organisation und Ordnung zu sorgen. Ich kommuniziere viel mit meinen Mitspielern. Das kommt zum einen der Mannschaft zugute, aber zum anderen auch mir selbst: Dann habe ich weniger zu tun, wenn alles gut organisiert ist (lacht.)

Wie liefen die ersten Monate fernab der Heimat persönlich für Sie?

Es war für meine Frau und mich natürlich ein Umbruch. Vorher hatten wir in unserer Heimat gelebt und gearbeitet, jetzt sind wir weiter entfernt. Berlin bietet im Vergleich zu Wolfsburg und Braunschweig natürlich ein paar mehr außersportliche Aktivitäten, aber da gibt es wegen der Corona-Pandemie berechtigterweise die Einschränkungen, die diese verhindern.

Fühlen Sie sich nach diesem Schritt erwachsener, selbstständiger?

Jede Veränderung kann den Menschen stärker machen. Das ist auf jeden Fall so. Meine Frau hat mir viele Aufgaben abgenommen, auch gerade als es um ein neues Zuhause oder den Umzug ging. Ansonsten ist es wegen der Pandemie schwierig, neue Kontakte zu knüpfen.

Aber die Lage hat offenbar bei Union nicht dafür gesorgt, dass Sie keinen Teamgeist entwickeln konnten.

Stimmt, wir sind eine sehr homogene Truppe und verstehen uns alle gut. Wir haben keine Gruppen, die es teilweise etwa aufgrund verschiedener Sprachen gibt. Unser Zusammenhalt ist einfach top.

Das scheint das Erfolgsrezept zu sein, mit dem es Union auf Rang 5 geschafft hat, oder?

Ja, aber das ist nur eine Momentaufnahme. Wir haben nicht mal die Hinrunde fertig gespielt.

Alle Union-Gegner sagen, die Mannschaft sei eklig zu bespielen. Wollen Sie eklig sein?

Ich würde es eine gesunde Grundaggressivität nennen.

Aber diese Drecksack-Mentalität passt zu Union oder?

Das ist oft die Wahrnehmung von außerhalb. Der Verein weiß sehr genau, woher er kommt und welche Werte ihn auszeichnen. Wir arbeiten für unsere Punkte, ganz klar. Und es muss nicht immer auf die ganz schöne Art und Weise sein, dennoch spielen wir auch attraktiven Fußball.

Wer über Unions Stärken spricht, nennt oft Physis und Standards.

Aber es ist mehr. Uns darauf zu reduzieren, wäre unfair der Mannschaft gegenüber. Wir haben eine richtig gute fußballerische Entwicklung genommen.

Wie lange wollen Sie in Berlin bleiben? Es heißt, der Verein würde Ihren Vertrag gerne verlängern.

Das ist im Moment gar kein Thema für mich. Ich freue mich, dass ich hier gut aufgenommen wurde und dass es gut läuft. Alles andere wird die Zeit zeigen.

Können Sie sich eine Rückkehr zum VfL vorstellen: während der aktiven Karriere oder danach?

Unser Lebensmittelpunkt wird später sicher in der Region Braunschweig/Wolfsburg sein. Daher ist auch eine Rückkehr zum VfL - in welcher Funktion auch immer - absolut denkbar. Aber auch das ist ein Thema für die Zukunft.

Wie oft denken Sie noch an die Entscheidungen des vergangenen Jahres zurück, als Sie den VfL verlassen haben?

Natürlich hat mich die Situation im Sommer beschäftigt, was nach so langer Zeit auch verständlich ist. Aber spätestens mit der Unterschrift bei Union war dies abgeschlossen. Ich identifiziere mich voll mit meiner neuen Aufgabe und meinem neuen Verein.

Jetzt steht das Duell mit dem VfL an. Mit welchem Wolfsburger hatten Sie schon Kontakt?

Der ist nie abgerissen: beispielsweise mit Daniel Ginczek, Josuha Guilavogui, Felix Klaus, John Anthony Brooks, Xaver Schlager stehen wir noch in Kontakt - da gibt es viele Verbindungen und Nachrichten.

Folgendes Szenario für das Spiel am Samstag: 89. Minute, es steht 1:1, und es gibt eine Ecke für Union. Sie steigen hoch und köpfen den VfL zur Niederlage. Wie wäre das?

So klar habe ich über das Wiedersehen noch nicht nachgedacht. Wenn es so kommt, sprechen wir nach dem Spiel noch mal, und Sie verraten mir die Lottozahlen der nächsten Woche (lacht).

Wenn Union am Ende der Saison weiter vor dem VfL steht, ...

... dann haben wir schon eine Mannschaft hinter uns gelassen und sind dem Klassenerhalt näher. Spaß beiseite. Die Saison ist noch lang, wir freuen uns über die Momentaufnahme und Platz 5, auf dem wir nicht zu Unrecht stehen. Aber wir brauchen nicht von Europa zu träumen, sondern müssen jedes einzelne Spiel mit dem gleichen Ziel angehen: drei Punkte holen - auch gegen den VfL.

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